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„Die Derby-Niederlage war für uns ein Keulenschlag“

WAZ-Interview „Die Derby-Niederlage war für uns ein Keulenschlag“

Ein Jahr ist Dieter Hecking jetzt beim VfL im Amt, die Hinrunde seiner ersten vollständigen Saison beim Wolfsburger Fußball-Bundesligisten hat er seit Sonntag hinter sich. Zwei Gründe für die WAZ, den 49-Jährigen zum großen Interview zu bitten. Die Sportredakteure Engelbert Hensel, Andreas Pahlmann und Robert Schreier stellten die Fragen.

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Dieter Hecking: „Diego geht mit der Situation wie ein Profi um, er macht keinen unnötigen Druck“

WAZ: Schauen Sie für sich selbst eigentlich in irgendeiner Form auf Ihr erstes VfL-Jahr oder auf die Hinrunde zurück?
Hecking: Wenn ich mich jetzt an Weihnachten daheim hinsetze und das Jahr mal Revue passieren lasse, dann stelle ich mir sicher auch ein paar Fragen.
WAZ: Welche?
Hecking: Haben wir dem VfL eine neue Richtung geben können? Da wäre die Antwort: Ja. Spiegelt sich das in der Tabelle wider? Ja. Aber ist das schon das Ende der Entwicklung? Nein. Man kann noch vieles besser machen. Dass ich die ersten beiden Fragen bejahen kann, ist eine sehr positive Momentaufnahme – aber auch Ansporn, es im nächsten Jahr noch besser machen zu wollen.
WAZ: Dann würde es stark Richtung Europa gehen, der VfL ist schon Fünfter. Das war in dieser Saison noch gar nicht zwingend ein Muss...
Hecking: Ich habe schon Respekt vor der Ausgangslage. Wir haben vor der Saison gesagt, hinter den Top Vier werden sich wahrscheinlich sieben, acht Mannschaften tummeln, die alle für Europa in Frage kommen. Ich will nach vorne gucken, ich will Ziele erreichen – aber ich werde jetzt nicht am 4. Januar vor die Mannschaft treten und sagen: So, jetzt peilen wir mal die Champions League an. Doch wenn wir das Potenzial dieses Kaders weiterhin wecken können, dann werden wir schwer zu schlagen sein.

WAZ: Wäre der VfL denn schon 2014 bereit für einen europäischen Wettbewerb?
Hecking: Da müssten wir natürlich drauf reagieren – aber wir haben mit Klaus Allofs jemanden, der das mit Werder Bremen über ein Jahrzehnt  lang sehr erfolgreich hinbekommen hat.
WAZ: Wird es vor der Rückrunde auch darauf ankommen, dass die Erwartungen in Wolfsburg nicht zu groß werden?
Hecking: Da müssen wir aufpassen, ja. Ich hatte als Außenstehender schon in den letzten Jahren den Eindruck: Mensch, von Wolfsburg erwartet man immer die Champions League. Und der VfL hat nach der Meisterschaft viel Schmerzensgeld gezahlt, weil der Wunsch da war, sowas nochmal zu erleben. Den Wunsch verstehe ich. Ich bin 2009 von Bad Nenndorf rübergefahren, habe mir Wolfsburg gegen Manchester United angeguckt und mir gedacht: Toll, Champions League vor der Haustür. Das ist schön, das weckt aber auch die Erwartungen – und die konnten in Wolfsburg danach nicht erfüllt werden. Deshalb kann ich nur davor warnen, zu viel zu wollen – dann kann man auch tief fallen.
WAZ: Und wenn der VfL am Ende Siebter wird?
Hecking: Dann sind wir vielleicht enttäuscht, vielleicht sagen wir aber auch: Es war keine schlechte Saison, weil wir etwas erreicht haben, auf dem wir aufbauen können.
WAZ: Nürnbergs Manager Martin Bader hat mal gesagt, Dieter Hecking sei ein Trainer, der es schafft, Spieler besser zu machen. Arnold und Knoche, aber auch Spieler wie Rodriguez und Medojevic scheinen das zu belegen.
Hecking: Es ist ja immer schwer, sich selbst zu loben. Ich nehme solche Aussagen zwar am Rande wahr, aber mir selbst auf die Schulter zu klopfen, ist nicht mein Ding.
WAZ: Es gibt eine ganze Reihe von Spielern, die wirklich einen Sprung gemacht haben. Patrick Ochs...
Hecking: ...war total am Boden – und was hat er zuletzt für Spiele gemacht nach dem Ausfall von Christian Träsch?! Und den können wir auch gleich nennen, das wird ein toller Konkurrenzkampf in der Rückrunde.
WAZ: Robin Knoche...
Hecking: ...macht eine Entwicklung, die sensationell ist, Maxi Arnold sowieso.
WAZ: Ricardo Rodriguez...
Hecking: ...wird schon das ganze Jahr über immer besser, genauso wie Slobodan Medojevic. Toll.
WAZ: Ivica Olic...
Hecking : ...hat eines der besten Jahre seiner Karriere hinter sich. Und Daniel Caligiuri dürfen wir nicht vergessen, der sich am Ende der Hinrunde reingefunden hat. Und schon haben wir acht Spieler, bei denen man ganz klar eine Entwicklung hin zum Positiven erkennt.
WAZ: Die Arbeit des Trainers?
Hecking: Wenn man das überhaupt so sagen will, dann ist das die Arbeit des Trainerstabs, da gehören Dirk Bremser, Andries Jonker und Andreas Hilfiker ebenso dazu wie unser Fitnesstrainer Oliver Mutschler, der dafür verantwortlich ist, dass alle den körperlichen Belastungen standhalten, gerade auch die jungen Spieler. Aber dass die Entwicklung insgesamt gut ist, liegt vor allem auch am kleineren Kader.
WAZ: Inwiefern?
Hecking: Weil alle die notwendige Aufmerksamkeit vom Cheftrainer bekommen können, nicht nur in den Trainingseinheiten, sondern auch mal im Gespräch. Es ist immer auch Zeit dafür, dass einer mal in meine Kabine kommen kann.
WAZ: Die Mannschaft wirkte nach der Derby-Niederlage insgesamt geschlossener – war das 0:2 gegen Braunschweig von daher das wichtigste Spiel der Saison?
Hecking: Es war erst einmal ein Keulenschlag. Alle waren sich doch vor dem Spiel sicher, dass der VfL gewinnt – und wenn wir ehrlich sind, wir vielleicht auch. Dann waren wir auch 20 Minuten lang deutlich besser, kriegen aber das Gegentor – und es kommt der Riss ins Spiel, weil alle merken: „Oh, hier läuft was aus dem Ruder.“ Dann kamen wir nicht mehr ins Spiel, weil wir damit nicht gerechnet hatten.
WAZ: Alle hatten damit nicht gerechnet...
Hecking: So kann man das sagen. Und darum war die Enttäuschung, die Wucht der Kritik deutlich größer als sonst – und das auch berechtigt, weil wir nicht mit der Favoritenrolle umgehen konnten. Aber es war nicht das wichtigste Spiel.

WAZ: Sondern?
Hecking: Das Spiel danach in Augsburg. Eine halbe Stunde lang lief‘s wie gegen Braunschweig, dann übernimmt Maxi Arnold mit seinem Schuss zum 1:1 Verantwortung, wir legen das zweite Tor nach und müssen dann richtig arbeiten, um das 2:1 bis zum Schluss zu halten. Da habe ich gewusst, dass die Mannschaft funktioniert – und man hat gemerkt, dass da ein Signal aus der Mannschaft kommt: Wir wollen nicht als diese angeblich zusammengekaufte Truppe aus Wolfsburg abgetan werden; wir wollen zeigen, dass da mehr ist, dass wir uns mit diesem Verein identifizieren.
WAZ: War es von daher bedeutend, dass diese 0:2-Niederlage trotz Favoritenrolle eben nicht gegen Nürnberg oder Freiburg passierte, sondern gegen Braunschweig? Weil der Umgang damit alle emotionalisiert hat?
Hecking: Ja, natürlich. Ob bei Ihnen in der Redaktion, im VW-Werk oder beim Oberbürgermeister im Rathaus – überall spürt man doch diese Rivalität. Und dann hatte doch jeder diesen „Die-hau‘n-wir-weg“-Gedanken, und dann gab‘s doch überall die Sprüche dazu. Dann ging‘s schief, und alle haben‘s abbekommen, wir natürlich ganz besonders. Zu Recht, denn wir waren ja die, die es verbockt hatten. Aber damit mussten wir leben – und manchmal hilft‘s.
WAZ: In der erfolgreichen Phase nach dem Braunschweig-Spiel hat sich die Mannschaft auch von der Diskussion um Diegos Zukunft nicht  aus der Spur bringen lassen...
Hecking: Es ist nicht meine Aufgabe, eine Umfrage bei der Mannschaft zu machen, ob er bleiben soll. Alle wissen, dass er ein wichtiger Eckpfeiler der Mannschaft ist – egal, ob er das noch für eine längere oder kürzere Zeit ist. Und man muss auch Diego loben – wenn ich seine Aussagen bei Ihnen lese, muss ich sagen: Er geht damit wie ein Profi um, er weiß, woran er ist, er versucht nicht, irgendwie öffentlich unnötig Druck zu machen.
WAZ: Interessieren Sie sich dafür, was Ihre Spieler verdienen?
Hecking: Nein.
WAZ: Das heißt, dass Sie sich auch nicht danach erkundigen?
Hecking: Natürlich rede ich mit Klaus Allofs über Verträge, dann geht‘s aber eher um die Frage, ob man mit diesem oder jenem Spieler verlängert oder nicht. Aber die Zahlen interessieren mich nicht. Ich sehe keinen Nutzen darin, wenn ich weiß, was ein Spieler verdient.
WAZ: Braucht der Kader für die Rückrunde Verstärkungen?
Hecking: Ich bin kein Freund von Wintertransfers. Es mag sein, dass man Spieler XY jetzt bekommen kann und darum zugreifen muss, weil sonst ein anderer zugreift. Aber wir sind nicht in der Situation, was tun zu müssen.
WAZ: XY wäre Kevin de Bruyne.
Hecking: Lassen wir Namen erstmal weg.

WAZ: Okay, dann fragen wir mal so: Wenn XY bei Chelsea bleibt oder zu Bayer Leverkusen wechselt, kann es also sein, dass kein Neuer im Winter kommt?
Hecking: Das kann ich mir vorstellen, ja.
WAZ: Auch kein neuer Stürmer?
Hecking: Ich bleibe dabei, ja. Olic rechtfertigt unser Vertrauen zu 100 Prozent. Bas Dost wird das Tor in Gladbach gut tun, bei ihm muss man sagen, dass die Hinrunde nicht gut gelaufen ist, weil er lange verletzt war. Aber gerade bei ihm sehe ich auch für mich die Herausforderung, ihm wieder einen Weg aufzuzeigen, wie er noch besser sein kann.
WAZ: Kein neuer Stürmer ist aber ein Risiko – etwa für den Fall, dass Olic mal ausfällt.
Hecking: Ja, aber finden Sie den Top-Stürmer im Winter? Einen, der zehn Rückrunden-Tore garantiert? Es wäre eine richtig teure Investition, ohne Garantie, dass es klappt. Da sage ich dann: lieber auf das Bewährte setzen. Und mit Perisic, Caligiuri oder auch Diego haben wir Spieler dabei, denen ich in der Rückrunde ein paar Tore mehr als zuletzt zutraue. Und: Mit dem aktuellen Kader  haben wir die beiden wichtigsten sportlichen Zwischenziele erreicht – wir stehen besser da als im Vorjahr und überwintern im Pokal. Darum hat sich diese Mannschaft viel Vertrauen erarbeitet.

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