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De Bruyne: „Ich spiele Fußball, weil es Spaß macht“

VfL Wolfsburg De Bruyne: „Ich spiele Fußball, weil es Spaß macht“

Eigentlich sind Interviews seine Sache nicht. Kevin De Bruyne, Winter-Neuzugang des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, ist alles andere als ein Lautsprecher. Für die WAZ machte er eine Ausnahme, gab im „Pizza AMano“ in der Wolfsburger Autostadt sein erstes großes Interview seit der Rückkehr vom FC Chelsea in die Bundesliga. Sportredakteur Andreas Pahlmann sprach mit dem gut gelaunten 22-jährigen Belgier über das Training in Wolfsburg, große Ablösesummen, die Ähnlichkeit mit Prinz Harry – und auch darüber, warum er mit Medien manchmal Probleme hat.

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WAZ : Trainer Hecking hat Sie nach dem Pokalspiel am Mittwoch sehr gelobt – war das Ihr bisher bestes Spiel für den VfL?
De Bruyne : Ja, ich denke schon – vielleicht zusammen mit der zweiten Halbzeit gegen Mainz. Es wird immer besser, das macht mich froh.

WAZ: Sie haben vorausgesagt, dass es ein paar Wochen dauert, bis Sie in Top-Form sind.
De Bruyne: Es geht schneller als erwartet. Ich bin nur nach dem Training oft ziemlich müde, das ist anders als bei Chelsea.

WAZ : Wie kommt das?
De Bruyne: Als ich hier das erste Mal zweimal an einem Tag Training hatte, war ich hinterher total platt. In England geht‘s immer mehr um die Spiele, da ist im Training die Intensität nicht so hoch. Und wenn du nicht mehr in allen Wettbewerben dabei bist, hast du als Spieler auch mal zwei, drei Tage frei.

WAZ : Wie war‘s in Belgien?
De Bruyne : Da ist die Liga nicht so hart, das Training nicht so intensiv.

WAZ : Sie haben dort zunächst in Ihrer Heimat Gent gespielt – wann haben Sie gemerkt, dass Sie mehr Talent haben als die Anderen?
De Bruyne: In Belgien spielen die Jugendmannschaften der Erstligisten gegeneinander, darum habe ich mit acht Jahren quasi schon Erstliga-Spiele gehabt. Aber ob ich mehr Talent habe, hat mich nie interessiert, ich wollte immer nur Spaß am Fußball haben. Irgendwann wurde mir gesagt, ich könne Profi werden, da wurde ich dann ehrgeizig.

WAZ : Mit 14 wechselten Sie von Gent nach Genk, eineinhalb Autostunden von Zuhause weg...
De Bruyne : Ich war ziemlich allein dort, lebte im Internat und bei Gastfamilien. Es war eine gute Zeit, aber in dem Alter auf sich allein gestellt zu sein, ist nicht immer leicht.

WAZ : Haben Sie daraus fürs Leben gelernt?
De Bruyne : Ja. Ich lebte mit 17, 18 Jahren allein, organisierte mir eine eigene Wohnung, managte mein Leben selbst. Das war eine gute Erfahrung. Es ist zwar schön, wenn es Menschen gibt, die für einen da sind – aber ich bin nie abhängig von Anderen. Das ist wichtig. In meinem Alter sind viele ja noch sehr behütet.

WAZ : Hat das Auswirkungen auf Ihr Spiel? Sie galten in Ihrer jungen Karriere oft als Führungsfigur.
De Bruyne : Auf dem Spielfeld mag das so stimmen, außerhalb des Platzes sicher nicht. Ich bin nicht unbedingt der Wortführer in einer Mannschaft oder der, der sich um alles kümmert. Kapitän zu sein, wäre nichts für mich. Das ist nicht meine Art. Ich will Fußball spielen – das ist alles.

WAZ : Ihre Ablöse lag bei rund 20 Millionen Euro – haben Sie irgendeine Beziehung zu dieser Summe?
De Bruyne: Überhaupt nicht. Ich interessiere mich wirklich nicht besonders für Geld. Ich weiß, was ich verdiene, und ich weiß, dass viel Geld für mich bezahlt wurde. Aber ich spiele Fußball, weil es Spaß macht. Vielleicht ändert sich das mal, wenn ich eine Familie und Kinder habe, dann geht es vielleicht auch darum, dass alle gut versorgt sind.

WAZ : Sie spielen oft nur mit einem Kontakt, halten das Spieltempo hoch, suchen Tempodribblings. Wann hat sich dieser Stil entwickelt?
De Bruyne : In Genk. Vorher war ich fast immer Stürmer, war als Jugendspieler sogar explosiver und schneller als ich es heute bin. Dann wurde ich Mittelfeldspieler, meistens hinter den Spitzen. Da habe ich die richtige Rolle für mich gefunden  – ich will nach vorn spielen, ich mag es, wenn mein Team in Ballbesitz ist, ich mag schöne Kombinationen.

WAZ : Sie sind mit 22 noch ziemlich jung und sehen – mit Verlaub – noch jünger aus. Wurden Sie in Ihrer Karriere oft unterschätzt?
De Bruyne : Ich weiß nicht. (lacht) Ich habe meine Gegenspieler nie gefragt. Außerdem wissen wahrscheinlich die meisten, dass ich schon relativ viele Spiele als Profi gemacht habe. Es hätten sogar noch mehr sein können.

WAZ : Wieso?
De Bruyne: Pfeiffersches Drüsenfieber, Bänderriss, zwei Zehenbrüche – ich bin im Alter zwischen 17 und 20 Jahren ziemlich oft ausgefallen.

WAZ : War es hart, damit umzugehen?
De Bruyne: Nein, es war keine wirklich schwere Verletzung dabei, mit allem anderen kann man  klarkommen.

WAZ : Ihre Karriere verlief dann in den letzten beiden Jahren ziemlich wild – Belgien, Chelsea, Bremen, Chelsea, Wolfsburg...
De Bruyne : Ja, entscheidend ist dabei, dass ich mich in der Zeit weiterentwickelt habe. Ich wurde zu einem wesentlich besseren Spieler, als ich es in Belgien war. Ich kann auf Bundesliga-Level spielen, ich kann auf internationalem Level spielen.

WAZ : Haben Sie das Gefühl, bei Chelsea gescheitert zu sein?
De Bruyne: Überhaupt nicht. Ich hatte eine gute Zeit dort, habe mit einem unglaublichen Team trainiert. Ich glaube, es gibt kaum einen  Verein, der einen so starken Kader hat wie Chelsea.

WAZ : Was ist mit Bayern?
De Bruyne : Bayern hat vielleicht die beste Mannschaft. Aber ein Kader mit 25 Spielern auf diesem unglaublich hohen Niveau, das hat nur Chelsea. Wenn man sich anguckt, welche Spieler es bei José Mourinho manchmal nicht einmal in den Kader schaffen – das gibt‘s kein zweites Mal.

WAZ : Wurden Sie in England oft auf Ihre Ähnlichkeit mit Prinz Harry angesprochen?
De Bruyne : Ja, klar. (lacht) Jeder hat wahrscheinlich einen Doppelgänger, meiner ist eben berühmt.

WAZ : In Belgien haben Sie früher regelmäßig die Sportschau geguckt. Hatten Sie einen Lieblingsverein?
De Bruyne : Nein. Ich habe einfach nur sehr gerne Fußball geguckt. Und zwar alles, was es gab – Deutschland, England, egal. Seit ich selbst Profi bin, schaue ich allerdings bedeutend weniger Fußball im Fernsehen als damals. In meiner Freizeit mache ich jetzt lieber was anderes.

WAZ : Sie leben in Wolfsburg immer noch im Hotel?
De Bruyne : Ja, aber nicht mehr lange. Ich habe jetzt ein Haus gefunden, kann in eineinhalb Wochen einziehen.

WAZ : Alleine?
De Bruyne : Ja, aber ich werde kaum mehr als die Hälfte der Zeit alleine da wohnen; Familie und Freunde werden bei mir sein.

WAZ : Haben Sie Wolfsburg schon kennenlernen können?
De Bruyne : Ein paar Restaurants, mehr bisher noch nicht. Ich bin nicht so der Kultur-Typ.

WAZ : Und wie entspannen Sie sich? An der Playstation, wie die meisten Kollegen?
De Bruyne : Ich gucke ganz gern TV-Serien, aber Playstation spiele ich auch.

WAZ : „FIFA“, das Fußball-Konsolenspiel?
De Bruyne : Nein, das nicht so sehr. Ich mag eher Shooter wie „Call Of Duty“  oder etwas in der Art.

WAZ : Wolfsburg ist nicht so groß wie Bremen, aber ähnlich beschaulich – was gab 2012 den Ausschlag, zu Werder zu wechseln?
De Bruyne : Ich hatte einfach ein gutes Gefühl. Und ich entscheide oft nach Gefühl, außerdem hatte der Verein einen sehr  guten Ruf. Im Nachhinein war‘s die richtige  Entscheidung. Es war ein gutes Jahr, ich hatte Spaß und habe immer noch viele Freunde dort.

WAZ : Sie kannten Klaus Allofs aus Bremen, welche Rolle hat das bei Ihrem Wechsel nach Wolfsburg gespielt?
De Bruyne: Es ist immer gut, wenn man bei einem neuen Klub jemanden kennt, der Vertrauen in einen setzt. Aber meine Entscheidung habe ich nicht alleine davon abhängig gemacht.

WAZ : Als Sie in Bremen gespielt haben, gab es dort Geschichten über Sie zu lesen, die für Sie wahrscheinlich nicht okay waren – über die Trennung von Ihrer damaligen Freundin, über angebliches Heimweh und darüber, dass Sie sich in der Stadt nicht richtig wohlfühlen. Wie sind Sie damit umgegangen?
De Bruyne: Es hat meine Einstellung zu Medien, zur Öffentlichkeit schon verändert. Aber soll ich mich über Journalisten ärgern, die Mist über mich schreiben? Oder die es wichtig finden zu hinterfragen, ob ich zehn Minuten nach dem Training schon wieder nach Belgien fahre oder nicht? Alle, die negative Dinge  über mich geschrieben haben, mussten am Ende zugeben: Er hat sich immer für die Mannschaft den Hintern aufgerissen, er hat immer alles für den Verein gegeben, auch wenn er „nur“ ein Leihspieler war. Ich muss nicht mit Worten beweisen, dass irgendwer etwas Falsches über mich verbreitet – ich kann es mit Leistung beweisen. Das ist immer die beste Antwort auf alles.

WAZ : Wie ist der Umgang mit Medien in Belgien?
De Bruyne : Gut, ich hatte nie Probleme. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber ich war da immer einigermaßen beliebt – viele kennen mich dort einfach schon sehr lange. Und die Leute  wissen: Ich sage manchmal deutlich meine Meinung, bin dabei aber immer ehrlich.

WAZ : Wie groß ist der Hype um die belgische Nationalmannschaft, die viele aktuell für die beste seit dem Vize-EM-Titel 1980 halten.
De Bruyne : Ziemlich groß. Aber die Mannschaft geht locker damit um – und diese Lockerheit ist wahrscheinlich die größte Stärke, die unsere Nationalmannschaft gerade hat.

WAZ : Eden Hazard, Vincent Kompany, Axel Witsel oder auch Sie – warum hat Belgien plötzlich so viele internationale Top-Spieler?
De Bruyne : Viele Spieler sind früh ins Ausland gegangen, haben sich dort entwickelt. Die belgische Liga hat nicht das Niveau anderer Länder, da müssen wir ehrlich sein. Die Jugendarbeit  ist schon länger sehr gut, aber erst in den letzten Jahren sind ausländische Top-Klubs auf die Idee gekommen, belgische Spieler zu holen. Das war dann so ein Domino-Effekt – die ersten Belgier spielten gut im Ausland, weitere Klubs haben nach Belgien geschaut und dann dort wieder gute Spieler entdeckt.

WAZ : Und nun ist das Team ein Geheimtipp bei der WM...
De Bruyne : Das ist weit weg, außerdem ist es nicht meine Art, über Ziele zu reden. Ich will immer so viel wie möglich erreichen, und ehrlich gesagt sollte es möglich sein, die Gruppe mit Algerien, Russland und Südkorea zu überstehen. Danach hängt es davon ab, was für Gegner wir bekommen, es könnte Deutschland sein.

WAZ: Wo wir gerade bei Zielen sind – was ist für den VfL in dieser Saison drin?
De Bruyne : Auch hier gilt: Ich will so viel erreichen wie möglich.

WAZ : Und das wäre?
De Bruyne : Das weiß ich nicht. Wir sind auf einem Europa-Platz, den wollen wir verteidigen. Wenn wir uns für die Europa League qualifizieren, wäre das gut. Wenn wir in die Champions League kommen, wäre das besser.

WAZ : Und was ist im Spiel bei Hertha drin?
De Bruyne : In der Bundesliga gibt es nur enge Spiele, das weiß ich aus Bremen. Mit einem Sieg könnten wir uns etwas Vorsprung verschaffen – aber Hertha spielt als Aufsteiger eine starke Saison, das wird nicht einfach.

apa

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