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Dante: „Es ist wertvoll, Fußballer sein zu dürfen“

VfL Wolfsburg Dante: „Es ist wertvoll, Fußballer sein zu dürfen“

Dante: Im Norden Brasiliens trat er das erste Mal gegen den Ball, im Süden wurde er Profifußballer – und sein langer Weg begann.

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Im WAZ-Interview: Der VfL-Brasilianer Dante spricht über seine Karriere, seine Familie und seine Frisur.

Quelle: Britta Schulze
Dante Bonfim Costa Santos spielte für OSC Lille, Charleroi, Standard Lüttich, Mönchengladbach und den FC Bayern, ehe er im Sommer zum VfL Wolfsburg kam. WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann sprach mit dem 32-Jährigen über seine Karriere und seine Mentalität.

WAZ: „Immer positiv bleiben“ - Sie haben oft betont, dass das Ihr Lebensmotto ist. Wie schwer fällt das nach zwei Niederlagen und deutlichen Worten der Kritik von Trainer und Manager an der Mannschaft?

Dante: Gar nicht schwer. Denn das ist jetzt genau der Zeitpunkt, um positiv zu bleiben. Wenn alles gut läuft, dann ist es einfach, dann lachen alle. Aber wenn Schwierigkeiten kommen, dann möchte ich der sein, der trotzdem lachen kann. Ich denke, das ist meine Stärke.

WAZ: Wenn man Ihren Vater sieht, einen fröhlichen Mensch mit langen Dreadlocks, dann kann man sich gut vorstellen, dass Sie Ihre Fröhlichkeit von ihm geerbt haben...

Dante: Das kann sein. Aber meine ganze Familie ist so, wir lachen sehr viel. Und das passt auch zu der Kultur der Stadt, aus der ich komme, zur Kultur von Salvador. Außerdem vergesse ich nicht, wo ich herkomme. Wenn ich sehe, wie meine Kindheit war, und wenn ich sehe, wie es mir heute geht - dann muss ich einfach fröhlich sein.

WAZ: Stimmt es, dass Ihr Vater Sie nach Dante Alighieri benannt hat, dem berühmten italienischen Dichter, der vor 700 Jahren die „Göttliche Komödie“ schrieb?

Dante: Ja, das stimmt. Aber er mochte nicht nur das Buch, sondern auch einfach den Klang des Namens.

WAZ: Dante Alighieris Werk gilt heute als Ursprung der modernen italienischen Sprache - eigentlich hätten Sie demnach mal in Italien spielen müssen...

Dante: Ich kann sogar ein bisschen Italienisch sprechen. (lacht) Aber da hat sich nie eine Gelegenheit ergeben.

WAZ: Ihr Vater ist Kunstrestaurator und musisch sehr interessiert, das klingt eigentlich nicht nach einer für Brasilien typischen, fußballverrückten Familie...

Dante: Doch, doch! Ich habe einen Onkel, Jonilson, der auch Profi war und der mich auch zum ersten Mal mit ins Stadion genommen hat, in die Arena Estádio Fonte Nova in Salvador. Und mit ihm habe ich auch zu Hause immer Fußball gespielt. Was nicht immer einfach war...

WAZ: Warum nicht?

Dante: Federação, unser Stadtteil, ist ziemlich hügelig, da gab es wenig gerade Flächen zum Spielen.

WAZ: Und wie wurde das gelöst?

Dante: Wir mussten auf einen Supermarkt-Parkplatz gehen. Mit zwei Badelatschen haben wir ein Tor markiert, dann ging‘s los.

WAZ: Und wenn ein Auto kam?

Dante: Dann musste das woanders parken.

WAZ: In Deutschland huschen die Kinder schnell weg, wenn auf der Straße oder einem Parkplatz ein Auto beim Spielen stört.

Dante: Sehen Sie. (lacht) In Brasilien ist Fußball immer wichtiger.

WAZ: Gibt es diesen Parkplatz noch?

Dante: Ja, und ich sehe da manchmal auch immer noch Kinder spielen.

WAZ: Wenn Sie davon sprechen, nach Hause zu fliegen - haben Sie da Ihr eigenes Haus am Meer vor Augen oder das Ihrer Familie in Federação?

Dante: Federação, die Familie, die Freunde da. Wenn ich in Brasilien bin, bin ich dort. Wir reden, essen, spielen ein bisschen Samba, lachen.

WAZ: Sie spielen auch Samba?

Dante: Ja, ich kann ein bisschen Cavaquinho spielen, eine Art brasilianisches Banjo.

WAZ: Ein anderer Onkel hat Ihre Tattoos gemacht...

Dante: Ja, er hat ein Studio in Salvador, ich habe ihm geholfen, das aufzubauen. Mittlerweile ist er in der Stadt auch ein bisschen bekannt...

WAZ: ...weil er der Onkel eines berühmten Fußballers ist?

Dante: Auch weil er gute Arbeit macht.

WAZ: Um Fußballer zu werden, mussten Sie die Familie verlassen...

Dante: ...und ich musste viel herumreisen. Ich habe hier ein Probetraining gemacht, da ein Probetraining gemacht, einmal bin ich 52 Stunden mit dem Bus gereist, kam todmüde, ungeduscht und ohne Deo in der Tasche da an - und bin durchgefallen. Ich habe immer daran geglaubt, dass es klappen kann, aber es war nicht einfach. Du sitzt dann in einem Bus, hast kaum was zu essen oder zu trinken bei dir und hoffst einfach nur, dass es klappt.

WAZ: Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Dante: Dass es wertvoll ist, Fußballer sein zu dürfen. Dass man viel tun muss, um Erfolg zu haben. Und das Wichtigste: Du selbst musst immer derjenige sein, der das meiste Vertrauen in deine eigene Leistung hat.

WAZ: Mit 17 klappte es dann - Profivertrag bei EC Juventude in Caxias do Sul, 3000 Kilometer von der Heimat entfernt. Das ist ungefähr die Entfernung von Wolfsburg nach Kairo...

Dante: Ja, da konnte ich nicht mal eben zur Familie reisen. In meinem Jahr bei Juventude war ich nur einmal zu Hause - nach einem Turnier in Rio, von da waren es „nur“ noch 20 Busstunden bis Salvador.

WAZ: War es in Caxias do Sul auch kälter?

Dante: Oh ja, daheim in Federação sind das ganze Jahr 25 bis 30 Grad. In Caxias do Sul geht‘s im Winter runter auf 5 Grad, und die Heizungen und die Wände dort dürfen Sie nicht mit dem Standard in Deutschland vergleichen. (lacht) Mir war eigentlich immer kalt.

WAZ: War dann der Wechsel nach Europa überhaupt noch ein Kulturschock?

Dante: Er war zumindest schwieriger - vor allem wegen der Sprache. Ich konnte ja kein Wort Französisch, als ich in Lille ankam, das habe ich dort erst gelernt. Nach einem Jahr ging es; ich spreche Französisch immer noch besser als Deutsch. Aber am Anfang war es in Frankreich sehr schwer. Ich war 20 Jahre alt und haben niemanden verstanden. Das war eine schwere Zeit.

WAZ: Mal daran gedacht, einfach wieder abzuhauen?

Dante: Nein, nie. Ich habe immer daran gedacht, was ich in Brasilien alles auf mich nehmen musste, bevor ich Profi werden konnte. Das war schlimmer.

WAZ: War Französisch leichter zu lernen als Deutsch?

Dante: Ja, weil Französisch wie Portugiesisch auch eine romanische Sprache ist, da ähneln sich viele Vokabeln.

WAZ: Brasiliens Nationalspieler singen auf dem Weg zum Spiel immer „Tá Escrito“, ein Lied, in dem es unter anderem heißt „Manchmal kommt das Glück nicht mühelos, aber das ist genau der Moment, an dem wir nicht aufhören können zu träumen“ und „Ein echter Kämpfer rennt nie weg“. Beschreibt das Ihre Mentalität, ist das typisch brasilianisch?

Dante: Vielleicht ein bisschen. Es hat auch viel mit unserer Kultur, mit unserem Zusammenhalt zu tun. Vor allem in der Familie. Für euch in Deutschland heißt Familie: Vater, Mutter, Kind. Für uns gehören viel mehr dazu, Tante, Onkel, Cousin, Cousine. Wir stehen zusammen, wir kämpfen zusammen, vor allem wenn man wie ich aus einer ziemlich armen Familie kommt. Wenn dann einer aus der Familie erfolgreich ist, ist er es auch für alle anderen aus seiner Familie.

WAZ: Motiviert das?

Dante: Natürlich. Die Leute sagen immer, dass wir Profis doch zufrieden sein müssen, weil wir so viel Geld verdienen. Aber das Geld ist dafür da, dass meine Familie in Brasilien zufrieden ist - damit ich zufrieden bin, muss ich einfach nur auf dem Platz stehen und Fußball spielen dürfen. Ich kann zu Hause anrufen und fragen: Braucht ihr was? Das macht mich glücklich.

WAZ: Als Sie von Mönchengladbach zum FC Bayern wechselten, hat Ihnen Ihr Vater gesagt: „Du musst mehr als 500 Löwen am Tag töten.“ Wie hat er das gemeint?

Dante: Wenn er mich früher anstacheln wollte, hat er immer gesagt: „Du musst jeden Tag einen Löwen töten.“ Das bedeutet: sich durchsetzen, schwere Aufgaben bestehen. Auf dem Platz, neben dem Platz. Und er wusste, dass der Druck immer größer wird, je höher ich spiele. Es reicht nicht mehr, einen Löwen zu töten, es werden immer mehr, zwei, fünf, zehn, unendlich viele.

WAZ: Träumen Sie noch von einem Comeback in der Nationalmannschaft?

Dante: Ich bin Realist. Das letzte Turnier war kein großer Erfolg, der Trainer hat gewechselt, es kommen immer wieder gute, jüngere Spieler, bei der nächsten WM 2018 wäre ich 34. Ich glaube nicht, dass das noch was wird.

WAZ: Ihr letztes Länderspiel war das 1:7 im WM-Halbfinale gegen Deutschland 2014. Haben Sie anschließend mal bedauert, dass Sie ausgerechnet in Deutschland leben und spielen?

Dante: Ein bisschen ja. (lacht) Wenn ich mit David Luiz oder Thiago Silva spreche, sagen sie mir immer, dass die WM in Frankreich schnell vergessen war - und sie es selbst darum auch schnell vergessen konnten. Aber hier in Deutschland wurde natürlich viel drüber geredet, man wird oft daran erinnert. Das ist nicht einfach, ein bisschen Spott war manchmal auch dabei. Aber klar, ich muss akzeptieren, dass die Deutschen stolz sind auf dieses Spiel und die WM.

WAZ: Viele brasilianische Spieler sprechen bis heute gar nicht über das 1:7.

Dante: Weil es weh tut. Ich habe darüber auch mit Luiz Gustavo geredet. Ich glaube, viele Leute verstehen immer noch nicht so richtig, was es heißt, wenn wir Brasilianer sagen: Wir spielen mit unserem Herzen. Alle denken immer: Das sind Profis, die spielen für ihre Millionen zwei Jahre hier, drei Jahre da. Aber so sind wir nicht. Auf dem Platz spielen wir mit Herz.

WAZ: Sie haben mit den Bayern im vergangenen Januar mit 1:4 in Wolfsburg verloren, in einer Szene konnten Sie ein De-Bruyne-Tor nicht verhindern. Man bekam danach den Eindruck, ab diesem Spiel waren bei Bayern nicht mehr alle zufrieden mit Ihnen...

Dante: Ich hatte das Gefühl, dass einige davon profitierten, dass immer nur über meine Fehler geredet und geschrieben wurde. Das fand ich zu einfach. Und De Bruyne ist in der Szene auch nicht einfach an mir vorbeigelaufen, ich war ja dran und hätte den Schuss fast abgeblockt. Es war also nicht so peinlich für mich wie einige taten. Außerdem darf man ja nicht vergessen, dass ich nicht alleine gespielt habe. Ich bin nicht dumm, ich weiß, wann ich einen Fehler mache.

WAZ: War das der Zeitpunkt, ab dem Sie über einen Abschied von den Bayern nachgedacht haben?

Dante: Nicht sofort. Aber ab diesem Spiel habe ich immer häufiger gemerkt, dass meine Meinung und die der Leute bei Bayern auseinandergehen. Ich finde es schade, dass sich viele mit mir gefreut haben, als es gut lief - aber kaum einer da war, als ich etwas Rückendeckung gebraucht hätte.

WAZ: 500 Löwen...

Dante: Ja, genau. 500 Löwen.

WAZ: In Gladbach haben Sie sich Ihre Haare abrasieren lassen, als der Klassenerhalt 2011 sensationell geschafft war - würden Sie so eine Wette auch für den VfL eingehen?

Dante: Nein, die Haare bleiben. Vielleicht ändere ich die Frisur, wenn die Karriere vorbei ist.

WAZ: 2018?

Dante: Was? Nein, nein! Ich höre nicht auf, wenn mein Vertrag hier ausläuft, ich werde noch weiterspielen.

WAZ: Sie sind dann 34.

Dante: Na, und? Das ist nichts. Ich habe in den letzten viereinhalb Jahren ganz viele Spiele gemacht und war nur ein einziges Mal verletzt - und das war im Urlaub. Mein Körper ist gut.

WAZ: Sind Sie langsamer geworden?

Dante: Das meinen vielleicht einige. Aber für mich ist wichtig, wie schnell oder wie langsam du im Kopf bist, darauf kommt es an. Glauben Sie mir: Auch wenn ich keine 18 mehr bin, ich kann heute schneller denken als damals.

WAZ: Mit dem VfL gab es zuletzt zwei Niederlagen, Manager und Trainer waren unzufrieden - wie unzufrieden sind Sie?

Dante: Wir wissen, dass wir es besser machen müssen, wir Spieler sind auch nicht zufrieden. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir die Kritik nicht übertreiben. Sonst wird die allgemeine Stimmung schlechter, die Fans werden unruhiger. Natürlich ist Druck da - aber ich freue mich eigentlich immer, wenn ich unter Druck Leistung zeigen kann.

WAZ: Sie fallen immer wegen Ihrer Frisur auf - braucht die eigentlich viel Pflege?

Dante: Gar nicht. Ich stehe morgens auf - und sehe so aus. Ich wasche sie mir ganz normal, ein bisschen Pflegemittel, das man nicht ausspülen muss, fertig.

WAZ: Und wie oft gehen Sie zum Friseur?

Dante: Einmal im Jahr, im Urlaub in Brasilien. Ich lasse mir die Spitzen schneiden - das war‘s.

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