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Christian Seifert - Die WAZ trifft den Chef der Bundesliga

VfL Wolfsburg Christian Seifert - Die WAZ trifft den Chef der Bundesliga

Der VfL muss keine Angst vor den neuen Financial-Fairplay-Regeln der UEFA haben – und die Bundesliga wird nicht langweilig. Das meint zumindest Christian Seifert, Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung und damit so etwas wie der Chef der Fußball-Bundesliga. Die WAZ traf den gebürtigen Badener, der heute 45 wird, in der DFL-Zentrale in Frankfurt.

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Christian Seifert über Wolfsburg, Langeweile und Financial Fairplay

Mit Leipzig ist ein Konzernklub ganz neuen Zuschnitts gerade in die 2. Liga aufgestiegen, die Top-Teams der Bundesliga müssen sich mit den neuen Finanzregeln der UEFA beschäftigen, die Langeweile an der Spitze der Bundesliga wird überall diskutiert – an Themen  mangelte es beim Medien-Infotag der DFL nicht, Seifert nahm dabei auch zu Problemen Stellung, die aus Sicht des VfL Wolfsburg besonders spannend sind (siehe unten).

Seifert, der zuvor für den Musiksender MTV und für KarstadtQuelle gearbeitet hatte, ist seit 2005 Chef der DFL-Geschäftsführung, zudem ist er Vorsitzender des Stiftungsrates der Bundesliga-Stiftung und Vorsitzender und Sprecher der Initiative Profisport Deutschland (IPD). Die DFL ist die Tochter-GmbH des Liga-Verbandes, in dem alle Profi-Klubs zusammengeschlossen sind, und ist für den Spielbetrieb, die Lizenzierung und die Vermarktung der Bundesliga und der
2. Liga zuständig.

Was bedeutet das neue „Financial Fairplay“ für Wolfsburg und die Liga?

Für die europäischen Wettbewerbe führt die UEFA jetzt das „Financial Fairplay“ (FFP) ein, das im Kern besagt: Vereine dürfen von Sponsoren, Investoren, Gönnern oder Eignern nur   Geld erhalten, für das sie auch einen (Werbe-)Gegenwert liefern. Damit soll verhindert werden, dass „Scheichklubs“ sich sportlichen Erfolg erkaufen. Kritiker behaupten, durch die VW-Unterstützung werde das FFP schon jetzt in Wolfsburg unterlaufen.  „Ich sehe zumindest, dass das ein Thema sein kann“ , sagt Christian Seifert. Aber er beruhigt den VfL:  „Sie können sicher sein, dass sich jeder Klub, der international spielen möchte, mit den Anforderungen der UEFA auseinandersetzt. Der zentrale Begriff ist ,Fair Value‘, also die Frage: Was ist ein fairer Preis für den Werbewert eines bestimmten Fußballklubs?“ Wenn ein Klub, der bis vor ein paar Jahren international keine Rolle gespielt hat, plötzlich 200 Millionen pro Jahr kassiert und damit für Sponsoren mehr Wert hätte als Manchester United, Barcelona oder Bayern zusammen, dann, so Seifert „wird dahinter schon ein Fragezeichen gesetzt“.

Wenn aber Klubs aus Deutschland – egal, ob  nun Wolfsburg oder ein anderer Klub – ihre Unterlagen einreichen, „dann wird die UEFA dahinter einen Haken machen“, ist sich Seifert sicher. Denn VW und jedes andere Unternehmen müssten selbst jeden Sponsoringvertrag, ob mit einem Fußballverein oder einem Kulturveranstalter, in seinem Wert überprüfen – allein, um nicht gegenüber etwa Aktionären „in Erklärungsnot zu kommen“.

Hat der VfL Wolfsburg in der Liga einen Wettbewerbsvorteil?

Der VfL Wolfsburg nimmt wie Bayer Leverkusen eine Sonderstellung unter den Klubs ein, weil die am Spielbetrieb teilnehmenden Kapitalgesellschaften beider Klubs jeweils einem Konzern gehören. Oft gibt es Kritik, das sei ein Wettbewerbsvorteil für diese immer wieder als „Retorten-Klubs“ geschmähten Bundesligisten.  „Was ist ein Wettbewerbsvorteil?“ , fragt Christian Seifert – und nennt ein interessantes Beispiel:  „Es gab in den siebziger Jahren Klubs mit großen Stadien und Klubs mit kleinen Stadien – zu einer Zeit, in der 80 Prozent der Einnahmen eines Klubs aus Zuschauer-Erlösen kamen. Also gab es auch damals schon strukturelle Unterschiede.“

In der Frage, was ein Wettbewerbsvorteil sei und was nicht, gebe es „keine objektive Betrachtungsweise“ . Und:  „Es gibt und gab einen Haufen Klubs, die hatten Wettbewerbsvorteile en masse – und haben nichts draus gemacht...“

Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und jetzt Leipzig – ist das zuviel?

Mit Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim hat die Bundesliga schon drei Klubs, hinter denen – in unterschiedlichen Konstruktionen – Konzerne stehen. Jetzt kommt Leipzig mit Red Bull in der 2. Liga dazu. Viele Kritiker sagen: Das wird zuviel. „Zuviel von was?“, stellt Christian Seifert die Gegenfrage. Es käme hier eben auch stark auf die Perspektive an. Denn: „Klubs wie Leipzig oder Wolfsburg verfolgen ein anderes Geschäftsmodell als andere. Dass man darüber diskutiert, kann ich vielleicht nachvollziehen, aber ich möchte das nicht werten.“ Denn seine Rolle sei eine andere:  „Als DFL hat mich ja nicht zu interessieren, ob ein Geschäftsmodell oder eine Investition gut oder schlecht ist. Uns als DFL interessiert, ob sich einer im Rahmen der Regeln bewegt oder nicht – Regeln, die sich die Klub selbst gegeben haben.“ Und wenn jetzt die Konkurrenz mit den Werksklubs Probleme hat? Seifert: „Dann steht jedem Verein die Möglichkeit offen, bei der nächsten Mitgliederversammlung zu sagen: Wir stellen den Antrag, die Regeln zu ändern.“

Wie genau schaut die DFL hin, wenn‘s um die Lizenz für Leipzig geht?

Der Aufstieg von RB Leipzig in die 2. Liga bringt die Diskussion wieder ins Rollen: Wie „gesund“ sind die von Konzernen aufgepäppelten Klubs für den Fußball? Eine Diskussion, wie sie auch der VfL Wolfsburg kennt und manchmal ertragen muss. Inwieweit schaut die DFL genau hin, wenn es jetzt um die Zweitliga-Lizenz für die Leipziger geht, die von Red Bull in den Profi-Fußball gepuscht werden? „Wir treffen keine Entscheidung für oder gegen Leipzig“ , sagt Christian Seifert. „Wir treffen eine Entscheidung über die Teilnahme an diesem Wettbewerb – und das nach den Regeln, die sich die Klubs selbst gegeben haben.“ Diese Regel besagt: Erst wenn ein Sponsor einen Verein 20 Jahre lang unterstützt hat, kann er substanziell Einfluss auf diesen Klub nehmen – das ist aktuell nur in Leverkusen (Bayer) und Wolfsburg (VW) der Fall, andere wie Hannover (Kind) könnten dazukommen. Demnach dürfte Red-Bull-Klub Leipzig trotz einiger vereinsrechtlicher Tricks keine Lizenz bekommen. Seifert gibt sich diplomatisch: „Wenn wir der Meinung sind, dass ein Klub die Regeln aktuell nicht einhält, dann teilen wir das dem Klub mit. Dann kann der Klub das akzeptieren und es ändern. Oder er lässt es juristisch überprüfen – wie das Hannovers Präsident Martin Kind  gemacht hat.“ Von einer vermeintlichen Anti-Leipzig-Stimmung lasse sich die DFL dabei nicht leiten: „Wir treffen keine Entscheidung, um in irgendwelchen Fan-Foren Applaus zu kriegen. Wir treffen eine Entscheidung, von der wir glauben, dass sie das umsetzt, was die 36 Profivereine festgelegt haben.“

Machen Bayern und Dortmund die Liga auf Dauer langweilig?

Trotz der Pleite gegen Madrid: Bayern ist international in den letzten Jahren extrem erfolgreich, Dortmund konnte ansatzweise mithalten. National scheinen diese beiden Vereine enteilt – killt der Erfolg auf europäischer Ebene die Spannung in der Liga? Christian Seifert kontert diese These mit einem Beispiel: „Zwischen 1969 und 1977 waren nur Bayern und Gladbach Meister. Keiner schreibt heute über ,die langweiligen Siebziger‘, sondern alle schwärmen immer von den großen Zeiten des deutschen Fußballs.“ Seifert selbst sei in den ersten Jahren seiner Zeit bei der DFL immer gefragt worden: Wann gewinnt mal wieder ein deutscher Klub die Champions League? „Jetzt haben wir gerade gesehen: Wenn Sie die Champions League gewinnen wollen, müssen Sie unter anderem Real Madrid schlagen. Und Manchester City. Und Manchester United. Und Barcelona. Das sind Klubs mit 400 bis 500 Millionen Euro Jahresumsatz. Wenn Sie die schlagen wollen, brauchen Sie eine gewisse Qualität. Und dafür brauchen sie gewisse wirtschaftliche Möglichkeiten.“

Im Umkehrschluss bedeute das: Wenn ein Klub das Zeug dazu habe, die Champions League zu gewinnen oder ins Halbfinale zu kommen, dann hat er in der Regel auch die Qualität, immer im oberen Drittel seiner nationalen Liga zu spielen. Deshalb befände sich jede Liga Europas „in dem Spagat zwischen einem spannenden nationalen Wettbewerb und internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ .
Die Bundesliga stünde da noch gut da, denn in den vergangenen zehn Jahren gab‘s fünf verschiedene Meister – neben Wolfsburg auch Bremen, Bayern, Stuttgart und Dortmund. Seifert: „So abwechslungsreich ist es sonst nirgends!“

apa

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