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Bereit für den nächsten Schritt?

VfL Wolfsburg vor der Saison 2014/15 Bereit für den nächsten Schritt?

Fast immer, wenn der VfL Wolfsburg eine gute Saison gespielt hat, gab‘s im Jahr danach einen Rückschritt. Die einzige Ausnahme waren die Jahre 2008 und 2009. Anders gesagt: Wenn der VfL in der Bundesliga auf Platz fünf landete, wurde er ein Jahr später Meister. Zuletzt war er wieder Fünfter. Und jetzt?

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Quelle: WAZ

Ein Ausblick von Andreas Pahlmann

Der 21. September könnte der Tag werden, an dem sich für Dieter Hecking die eine oder andere Frage beantwortet. An diesem Tag, einem Sonntag, tritt der Trainer des VfL Wolfsburg mit seiner Mannschaft zum Bundesliga-Heimspiel gegen Bayer Leverkusen an. Dieses Spiel wird der Abschluss der ersten Wolfsburger Europa-Woche der Saison sein, drei Tage nach dem ersten Spieltag der Europa League. „Die Leverkusener kennen diese Situation schon, wir noch nicht. Mal sehen, ob wir es so gut hinbekommen wie in der vergangenen Saison in Hamburg“, sagt Hecking. In der vergangenen Saison hat der VfL vieles gut hinbekommen, unter anderem dieses Spiel in Hamburg, das vier Tage nach dem Spiel des Jahres, dem Pokal-Halbfinale in Dortmund, stattfand. Das 3:1 beim HSV reihte sich ein in die souverän-erfolgreichen VfL-Spiele der Rückrunde, die schließlich auf Platz fünf und in den Europapokal führten und damit auch für die neuen Belastungen sorgen, mit denen der VfL jetzt fertig werden muss. Kann er das?

Dieter Hecking jedenfalls weiß, dass sich der VfL in der Vergangenheit oft schwertat, wenn er eine gute Saison bestätigen sollte. Man hat es ihm erzählt, er hat‘s nachgelesen oder aus der Ferne beobachtet. Dem sensationellen sechsten Platz 1999 folgten acht Spielzeiten mit schlechteren Platzierungen, der Meisterschaft 2009 folgten die Plätze acht und 15. Nur einmal gelang die große Ausnahme, der VfL qualifizierte sich 2008 als Fünfter für Europa und wurde ein Jahr später Meister. „So etwas gelingt wohl nur einmal“, meint Hecking lachend. Nicht, dass den VfL noch jemand auf den Favoritenschild für die neue Saison heben will.

Da gehört er nicht hin, auch wenn ihn viele wieder und wieder in die Rolle der kommenden Liga-Großmacht schreiben und reden wollen. „Die Bundesliga“, sagt Hecking, „wird unheimlich interessant.“ Und dann zählt er sie alle auf. Die Bayern, die der Konkurrenz beweisen wollen, dass sie auch in einer Nach-WM-Saison ihre Vormachtstellung behalten können. Die Dortmunder und die Leverkusener, die „enorme Anstrengungen“ unternommen hätten, um mit den Bayern Schritt zu halten. Die Schalker, mit denen man sowieso immer rechnen müsse. Und dann kämen auch schon Gladbach, Hoffenheim und der von neuer Aufbruchstimmung geprägte HSV. „Dort irgendwo“, beginnt Hecking endlich den mit Spannung erwarteten Satz, „wollen wir uns einreihen“.

Hoffenheim? HSV? Die argwöhnische Konkurrenz sieht Wolfsburg längst in ganz anderen Sphären - ganz so, als bräuchte es nichts weiter als einen großen Konzern im Rücken, um von der Spitze der Bundesliga-Tabelle zu winken. Aber wenn es so wäre, dann hätte man Klaus Allofs nicht gebraucht und hätte auch die Kader-Bereinigungen der letzten Monate nicht nötig gehabt. Klar, dank VW darf der VfL über einen Spieler wie Romelu Lukaku zumindest mal nachdenken, das ist mehr als andere Verein können. Aber: Der VfL leistet sich mittlerweile eben nicht nur teure Spieler, er leistet sich auch mal ein „Nein“ - wie im Fall des Stürmers Lukaku, der mit einer Ablöse jenseits der 30 Millionen Euro und einem Jahresgehalt oberhalb der alten Diego-Messlatte einfach nicht zum VfL gepasst hätte. Zumindest nicht zu dem VfL, der wieder bodenständig, normal und seriös daherkommt - auch wenn das die Konkurrenz manchmal übersieht. „Ich habe nicht den Eindruck, dass sich das von VW angekündigte Sparpaket auch auf den VfL erstreckt“, so las sich in diesem Sommer die mittlerweile fast im Quartalstakt abgeschossene Spitze von BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in Richtung Wolfsburg. So klingt einer, der schonmal Argumente sammelt für den Fall des eigenen Misserfolgs. „Man muss uns ja nicht lieben“, sagt Dieter Hecking dann gern, „aber man merkt schon, dass wir uns einen gewissen Respekt erarbeitet haben.“ Respekt, der Erwartungen weckt. Vielleicht schwächeln die Bayern in dieser Saison ja doch. Unter den Klubs, die für diesen Fall der Fälle als mögliche Nutznießer genannt werden, ist mittlerweile mit schöner Regelmäßigkeit auch der VfL dabei. Dabei will Hecking eigentlich „nur“ wieder Fünfter werden, auch wenn er das so nicht sagt, denn ein richtiges Saisonziel will der VfL nicht ausgebeben.

Wozu auch? „Wir haben keinen Druck“, sagt Manager Klaus Allofs. Höchstens den, mit den Erwartungen umzugehen, die die vergangene Saison geweckt hat - in vierfacher Hinsicht. Erstens: der fünfte Tabellenplatz. „Den zu wiederholen, wäre für uns ein weiterer Schritt der Konstanz“, sagt Hecking. Denn: „Wir wollen wieder international spielen, und das“ - so viel Ehrgeiz darf es dann doch sein - „in einem der beiden Wettbewerbe“. Zweitens: die tolle Entwicklung von Maxi Arnold und Robin Knoche, die womöglich noch nicht beendet ist. „Langsam, langsam“, bremst Hecking auch hier, „für beide wäre es sehr gut, wenn sie das Niveau aus der vergangenen Saison bestätigen können.“ Drittens: die Wolfsburger WM-Fahrer, die in Brasilien insgesamt eine gute Rolle gespielt haben. „Die Aussicht auf diese WM“, so Hecking, „war in der vergangenen Rückrunde für viele Spieler eine tolle Motivation“, nun erwarte er, dass Gustavo, De Bruyne und Co. „die Erfahrungen dieser WM gewinnbringend für uns einsetzen.“ Und schließlich viertens: der am Ende erfolgreiche Kampf ums internationale Geschäft, das den VfL nun vor neue Aufgaben stellt - auch seinen Trainer.

2004 war Hecking schon mal auf der europäischen Bühne dabei, Zweitligist Alemannia Aachen hatte sich als Pokal-Finalist in den UEFA-Cup verirrt. Hafnarfjördu, Lille , Sevilla, St. Petersburg, Athen und Alkmaar waren die Gegner. Das ist zu lange her, als dass man die Erfahrungen ohne Weiteres übertragen könnte. „Ich bin selbst gespannt, wie ich jetzt damit umgehe“, sagt Hecking. „Die Abläufe, die Trainingssteuerung, die Reisen - das wird eine spannende Herausforderung.“ Das größte Plus sind dabei nicht unbedingt die Neuzugänge, sondern die Eingespieltheit seines Teams - kein Stammspieler hat den VfL verlassen. Dazu kommen punktuelle Verstärkungen und hoffnungsvolle Nachwuchsspieler wie Paul Seguin, dem intern sehr viel zugetraut wird. Im Idealfall kann er eine Entwicklung wie Knoche oder Arnold nehmen.

Also alles gut? Nicht ganz. Verletzungen überschatteten die Vorbereitung, mit Neuzugang Sebastian Jung, Christian Träsch und Patrick Ochs fielen zeitweise alle drei Rechtsverteidiger aus; Ivan Perisic wird in seinem sportlich bisher glänzenden Jahr von einem Schulterbruch ausgebremst. Heckings Experiment mit einem 3-5-2-System zeigte, dass taktischer Feinschliff mehr Zeit braucht als man in der Regel hat. Mit Luiz Gustavo stieß der letzte WM-Teilnehmer erst zwei Wochen vorm Pflichtspielstart zum Team. Die Suche nach einer Sturm-Verstärkung erwies sich wie erwartet als langwierig. Das 1:5 im Testspiel gegen Atletico Madrid war ein böser Rückschlag. Eine Menge Fragezeichen also vor dem nächsten Schritt, den der VfL in dieser Saison gehen will. Der nächste Schritt? „In der vergangenen Saison haben wir drei Schritte auf einmal gemacht“, sagt Hecking. Und dazu noch ganz nebenbei die für Wolfsburger Verhältnisse eher seltene Erfahrung, am Ende auch mal besser abzuschneiden als gedacht.

Und was ist mit der Champions League, die dem VfL ja sowieso immer als Ziel unterstellt wird, egal, was er sagt? Für Ambitionen dieser Art ist in der sportlichen Führung Allofs zuständig, nicht im Widerspruch zum bescheidenen Hecking, sondern eher als Ergänzung. „Im Idealfall“, formuliert Allofs geschickt, „machen wir einen kleinen Schritt nach vorn.“ Das klingt sehr zurückhaltend, fast niedlich. Aber wenn man Fünfter war, dann bedeutet ein kleiner Schritt nach vorn eben Platz vier. Und der berechtigt nun einmal zur Teilnahme an der Qualifikation zur Champions League. Und wenn man in der Königsklasse angekommen ist, dann ist man ein Bundesliga-Spitzenteam. Das dauerhaft zu sein, das ist der Anspruch in Wolfsburg, die vergangene Saison war ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Der nächste wird folgen. Wie schnell ist der VfL auf diesem Weg? Fragezeichen im Vorfeld gehören dazu, die Ausrufezeichen werden auf dem Platz gesetzt. Unter anderem am Sonntag, dem 21. September. Und an 33 anderen Spieltagen.

Text erschienen im AZ/WAZ-Sonderheft „Bundesliga 2014/15“

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