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Allofs: „Wir können jetzt nicht sagen, dass alles falsch war“

WAZ-Interview Allofs: „Wir können jetzt nicht sagen, dass alles falsch war“

Auch drei Tage nach dem Spiel wirkt die Derby-Niederlage des VfL gegen Eintracht Braunschweig noch nach – weil sich viele Fans des Wolfsburger Fußball-Bundesligisten nach dieser bitteren 0:2-Niederlage gegen den Nachbarn auch ganz grundsätzliche Fragen stellen. VfL-Manager Klaus Allofs sprach darüber mit AZ/WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann (r.).

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WAZ: Herr Allofs, die Niederlage gegen Braunschweig wirkt nach, es gibt viel Kritik an Verein und Mannschaft - können Sie das nachvollziehen?

Allofs: Ja, natürlich. Dieser Kritik müssen wir uns stellen. Wir haben vieles aufbauen können in den letzten Monaten, aber einiges wurde leider durch dieses Spiel wieder eingerissen. Ich habe zwar auch mit Bremen schon Derby-Niederlagen gegen Hamburg erlebt, aber mir ist völlig klar, dass das hier etwas anderes ist - weil die Städte eben noch dichter beieinander liegen und weil unsere Fans jetzt die Häme ertragen müssen. Das ist uns bewusst.

WAZ: Kann man den Spielern vorwerfen, dass sie nicht die nötige Leidenschaft für das Derby hatten? Viele Fans tun das.

Allofs: Die Spieler wollten, das will ich ihnen nicht absprechen. Wir haben einen Kader, der mitzieht, der Bereitschaft zeigt. Aber wir werden jetzt schon genau hinschauen, ob diese Bereitschaft immer und in jeder Situation da ist. Trotzdem müssen wir jetzt in der Beurteilung richtig gewichten: Ja, diese Niederlage hat größere Bedeutung als andere Niederlagen und hat viel kaputt gemacht; doch wir können nicht sagen: Alles, was wir in den letzten Monten gemacht haben, war falsch.

WAZ: Hat nicht das Derby vor allem gezeigt, dass die Leute hier einen VfL wollen, der mit Herzblut realistische Ziele angeht - und eben keinen Verein, der immer wieder an den eigenen Vorgaben scheitert?

Allofs: Einen Sieg gegen Braunschweig zu wollen, ist doch kein überehrgeiziges Ziel.

WAZ: Anders formuliert: In vielen Vereinen fodern Fans und Umfeld sportliche Erfolge, während die Verantwortlichen Geduld einfordern. Hier scheint es manchmal andersherum zu sein - VW ist ja nicht davon abzubringen, dass das Ziel immer Europa heißen muss.

Allofs: Ich sehe nicht, dass man hier zu groß denkt oder dass die Ansprüche im Verein größer sind als bei den Fans. Im Grunde ist die Bundesliga zweigeteilt. Du spielst entweder gegen den Abstieg oder um Europa mit. Und wir wollen mittelfristig wieder in den internationalen Wettbewerb. Von daher ist es ein Muss, perspektivisch dieses Ziel zu formulieren. Wenn du das nicht tust, bekommst du auch die Spieler nicht, die du gern hättest...

WAZ: ...dann bekommt man sie eben nicht und nimmt stattdessen eigene Talente.

Allofs: Aber auch Talente entwickeln sich nur in einer guten Mannschaft. Ich habe am Sonntag auch gehört, dass der VfL doch mal einen Nationalspieler entwickeln könnte. Aber wenn man sich anschaut, aus welchen Klubs die jungen Nationalspieler kommen, dann sieht man: Das sind die Klubs, die erfolgreich sind, die richtig gute Spieler haben.

WAZ: Wenn der VfL dann einen Luiz Gustavo verpflichtet, steigt automatisch die Erwartungshaltung.

Allofs : Ja, das hat vielleicht tatsächlich dazu geführt, dass einige hier plötzlich wieder mehr für machbar hielten.

WAZ: Nur im Umfeld?

Allofs: Nein, durchaus auch intern. Dann gibt es in seinem ersten Spiel gleich ein 4:0 gegen Schalke, da gerät dann der eine oder andere schonmal ins Schwärmen. Aber dennoch sind wir uns hier im Klaren darüber, dass es immer wieder Rückschläge geben kann, mit denen wir leben müssen.

WAZ: Wären Rückschläge leichter zu ertragen, wenn man mit eigenen Talenten mehr Identifikation aufbaut?

Allofs: Diesen Weg gehen wir doch. Robin Knoche spielt regelmäßig, Maxi Arnold ist wieder auf dem Sprung, weitere Talente klopfen auch schon an. Und diese Spieler sind ja nicht dabei, damit wir unser Gewissen beruhigen, sondern weil wir von ihnen überzeugt sind.

WAZ: Aber Arnold ist ein gutes Beispiel - seit seinem Platzverweis spielt er plötzlich keine Rolle mehr.

Allofs: Er ist 19, da gibt es Formschwankungen. Und zuletzt waren es bei ihm vielleicht ein paar Prozent weniger Leistung. Dann ist es besser, ihm im richtigen Moment eine Pause zu geben, statt ihn zwei-, dreimal hinterherlaufen zu lassen, dann verliert er seine Sicherheit. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass jetzt ein guter Moment wäre, ihn zu bringen. Und wenn wir über Talente reden: Schauen Sie mal auf unsere U 23, die ist jetzt nicht nur Tabellenführer, sondern spielt richtig gut, mit vielen jungen Spielern. Da entwickelt sich was. Das dauert natürlich, bis daraus was für die Bundesliga wird, diese Zeit muss man uns geben.

WAZ: Dass die Fans Leidenschaft und junge Talente fordern, hat wahrscheinlich auch mit den Sensibilitäten zu tun, die schon vor Ihrer Zeit entstanden sind.

Allofs: Das mag sein. Ich halte nichts davon, jetzt die Vergangenheit immer als Erklärung für alles heranzuziehen. Aber dass unsere Fans diese Vorurteile von einer Werksmannschaft mit zu viel Geld, zu wenig Erfolg und zu wenig Indentifikation nicht mehr hören können und darum empflindlich reagieren, das verstehe ich absolut.

WAZ: Empfindliche Reaktionen gibt‘s dann plötzlich auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten - etwa bei der „Verhüllung“ des Trainingsplatzes vor der Arena

Allofs: Generell glaube ich schon, dass wir sehr fanfreundlich sind, unsere Trainingseinheiten sind alle öffentlich, das ist in der Liga nicht mehr die Regel. Aber ich gebe zu, dass wir das mit dem Trainingsplatz besser hätten erklären können und im Vorfeld besser hätten kommunizieren müssen, warum wir das machen. Da war der Ablauf nicht glücklich.

WAZ: Haben Sie das Gefühl, dass sie den Verkauf des bei den Fans beliebten Patrick Helmes besser hätten erklären müssen?

Allofs: Ich sage es mal so: Die öffentliche Wahrnehmung eines Spielers entspricht nicht immer seinem sportlichen Wert. Ich verstehe es, wenn man sagt: In einem Spiel wie jetzt gegen Braunschweig hätte man ihn vielleicht als Joker gebrauchen können. Aber die Entscheidung, ihn abzugeben, war insgesamt sportlich richtig, dabei bleiben wir.

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