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Alles läuft ganz normal

VfL Wolfsburg Alles läuft ganz normal

Gegen Dortmund nur eine Halbzeit, gegen Manchester gar nicht, gegen den HSV und in Stuttgart wieder nur 45 Minuten. Das ist eine Einsatzbilanz, die schlechte Laune macht, zumindest bei Bas Dost. Der niederländische Stürmer des VfL Wolfsburg ist zudem so ein Typ, dem man die Stimmung immer ansieht.

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Das ist oft wahnsinnig sympathisch, manchmal nervt es aber auch. Vor allem den Trainer, der seinen Torjäger zuvor schon einmal öffentlich Maß genommen hatte, weil er „rumläuft, als hätte man ihm das Spielzeug weggenommen“, wie es Dieter Hecking ausdrückte. Dosts Lieblingsspielzeug sind die eigenen Tore, das bisher letzte schoss er beim 6:0 gegen Bremen. Das war ein Spiel, in dem jeder mal treffen durfte, sogar Josuha Guilavogui.  Dass Kevin De Bruyne nicht mehr da ist, hat den ganzen VfL durcheinander gebracht, für Bas Dost ist das Fehlen seines Lieblings-Vorlagengebers ein ziemlich überzeugender Schlechte-Laune-Grund. Bei Hecking steht er darum unter dem Verdacht, dass ihm die eigenen Treffer und die eigenen Einsatzzeiten womöglich wichtiger sind als das Abschneiden seiner Mannschaft. Aber das ist nur einer von vielen kleinen Bausteinen, die Hecking meint, wenn er vom „Mannschaftsgedanken“ spricht, den „jeder wieder mehr verinnerlichen“ müsse. 

 

Es mag nicht besonders fair sein, ausgerechnet Dost als Beispiel für die Probleme zu nennen, die Hecking und VfL-Manager Klaus Allofs in der vergangenen Hinrunde ausgemacht haben, denn der Stürmer ist ja kein Einzelfall. André Schürrle beklagte sich, bei der „besten Nationalmannschaft der Welt“ eine größere Rolle zu spielen als im Verein. Julian Draxler neigt zu abfälligen Gesten, wenn seine Mitspieler ihn nicht anspielen. Maxi Arnold schob Reservisten-Frust. Timm Klose wollte über seinen Vertrag reden, als die Dante-Verpflichtung einen Stammplatz unerreichbar scheinen ließ. Nicklas Bendtner ist für die sozialen Medien wertvoller als für seinen Arbeitgeber. Max Kruse mahnte die vermeintlich schlechte Einstellung seiner Mitspieler vor laufender Fernsehkamera an. Und, und, und. Einen wie Hecking, der weder als Spieler noch als Trainer jemals im Verdacht stand, irgendwelche persönliche Eitelkeiten zu pflegen, regt sowas auf. Fußball, das ist Heckings Überzeugung, funktioniert nur als Mannschaftssport, und dazu gehört nun einmal, dass eigene Bedürfnisse hinter dem Teamgedanken zurückstehen. In der vergangenen Saison hatte der VfL mit Kevin De Bruyne einen Spieler, der weit weniger selbstgefällig war, als er es ob seiner herausragenden Leistung hätte sein dürfen. Sowas wirkt sich auch auf die Mitspieler aus, womöglich unbewusst: Wenn schon der aktuell beste Fußballer der Liga sein Ego nicht zeigt, dann können wir das erst recht nicht tun. Dass De Bruyne nicht mehr da ist, ist auch unter diesem Aspekt ein Verlust; dass er rein fußballerisch fehlt, ist sowieso klar.

 

Der VfL ist in diese Saison als amtierender Pokalsieger, Vizemeister und Supercup-Gewinner gestartet, er hat sich für drei Wettbewerbe zu rüsten und seinen Kader entsprechend aufzustellen versucht. Wer in der Champions League spielt, der braucht 16, 17, 18 Profis auf Top-Niveau, um auf Ausfälle und Formschwankungen reagieren zu können. Weil immer nur elf spielen können, sind Unzufriedenheiten ebenso wenig verwunderlich wie entsprechende öffentliche und interne Unmutsbekundungen. Der FC Bayern hatte diese Probleme einst unter Trainer Giovanni Trapattoni, damals wurde der Spitzname „FC Hollywood“ geboren. Die Bayern haben seitdem viel dazugelernt. Dass sich ein Mario Götze oder ein Thiago Alcántara heute auf die Bank setzen können ohne gleich eine Diskussion über persönliche Eitelkeiten loszutreten, ist das Ergebnis eines langen Lernprozesses, der sich über mehr als zehn Jahre hinzog und erst unter Jupp Heynckes im Triple-Jahr 2013 so richtig erfolgreich abgeschlossen wurde. Was diese Entwicklung angeht, steht der VfL erst am Anfang. Und das gilt auch für seine öffentliche Wahrnehmung. Da kommt ein André Schürrle und sitzt nur auf der Bank? Unglaublich! Ein Riesenfußballer wie Julian Draxler spielt nicht immer von Beginn an? Das gibt es doch nicht! Manchmal wird der VfL betrachtet wie ein Kleinstadt-Kunstverein, der einen Original-Picasso besitzt, ihn aber nicht ausstellen will, weil die Farbgebung nicht zur Tapete passt. Spott, Häme und Unverständnis inklusive. Dass sich der VfL Wolfsburg längst als Groß-Galerist sieht, sich gerade zu einem internationalen Spitzenklub wandeln möchte, wird immer wieder mal vergessen. Und bei internationalen Spitzenklubs sitzt auch ein 30-Millionen-Transfer mal auf der Bank. Es wird Zeit, dass sich alle daran gewöhnen – die, die den VfL beobachten, und die, die ab und an auf der VfL-Bank sitzen.

 

Dass der Entwicklungs-Weg zum Champions-League-Stammgast – und nichts anderes steckt hinter dem Etikett „internationaler Spitzenklub“ – holprig sein kann, ist keine überraschende Erkenntnis. Knieprobleme bei Luiz Gustavo, Abgasprobleme bei Volkswagen, eine Rote Karte in Mainz, ein 1:3 in Stuttgart, Los-pech im Pokal, es kann viel passieren. Dem VfL ist eine ganze Menge passiert in dieser Saison, es war auch viel Beklagenswertes dabei. Man jammere auf hohem Niveau, hat auch Hecking schon festgestellt, aber das ging ein bisschen unter. Darum nochmal die Fakten: Der VfL ist zwar „nur“ Siebter, aber mittendrin im engen Rennen um die internationalen Plätze. Er ist zwar aus dem DFB-Pokal ausgeschieden, aber das gegen eine Mannschaft, gegen die (fast) alle verlieren. Er hat beim 0:2 in Eindhoven zwar eines der schwächsten Spiele der jüngeren Vergangenheit abgeliefert, steht aber dennoch zum ersten Mal in der K.o.-Phase der Champions League. Das ist alles nicht so schlecht, man könnte auch sagen: Nach dem extremen Erfolg der Vorsaison pendelt sich alles im normalen Bereich ein. Auch daran muss man sich vielleicht erst einmal wieder gewöhnen. Aber natürlich gibt es Gründe dafür, dass der VfL nicht zumindest zwei, drei Plätze besser dasteht. Der vielleicht wichtigste Grund: Es fehlt Qualität im Sturmzentrum. Dosts Fähigkeiten sind sehr speziell, Bendtners nicht ausreichend, Kruse und Schürrle sind anderswo wahrscheinlich wichtiger. Ein Torjäger, der einerseits mitspielen kann und andererseits immer in der Lage ist, Passsicherheit und Spieldominanz in Zählbares umzuwandeln, den hat der VfL im Gegensatz zu Bayern, Dortmund oder auch Leverkusen im Moment nicht. Der zweite Grund: Spieler wie Schürrle, Draxler oder auch Dante haben die Erwartungen bisher nicht erfüllt. Bei Draxler (kein Spielrhythmus) ist das noch am leichtesten zu erklären, bei Schürrle wird der Geduldsfaden vor allem der Fans langsam dünner, und Dante hat seine Kritiker in Sachen Nachlässigkeit und fehlende Schnelligkeit noch nicht völlig widerlegt. Und als dritter Grund kommt nach den Abgängen von Kevin De Bruyne und Ivan Perisic ein Verlust an grundsätzlichem Tempo hinzu, der das in der Vorsaison so starke Umschaltspiel extrem erschwert. 

 

All das ist reparabel, auch ohne Winter-Neuzugänge. Und beim VfL weiß man, dass es wichtig wäre, den Erfolg der Vorsaison in diesem und im nächsten Jahr zumindest annähernd zu bestätigen. Denn der Fußballmarkt ist in Bewegung, der neue Fernsehvertrag in England weckt auch Begehrlichkeiten für den neuen deutschen TV-Vertrag, der jetzt verhandelt wird und ab 2017 gilt. Die Auslandsvermarktung wird dabei immer wichtiger, wer sich jetzt in der Bundesliga in eine gute Position bringt, kann sich einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen, der sich womöglich jahrelang positiv auswirkt. Im Rennen um die besten Positionen an diesen lukrativen Fleischtöpfen ist die Ausgangslage des VfL gar nicht so schlecht, das Vermarktungspotenzial eines Kaders mit drei deutschen Nationalspielern ist besser denn je. Diesen Kader so zum Laufen zu bekommen, dass er zu den gestiegenen Ambitionen des VfL passt, das wird die Aufgabe von Dieter Hecking und seinen Spielern in der Rückrunde sein – eine Aufgabe, die der Trainer eben nicht durch Egoismen erschwert wissen will. Und man stelle sich nur mal vor, der VfL gewinnt auch ohne den jetzt verletzt fehlenden Bas Dost tatsächlich sein erstes Rückrundenspiel, korrigiert damit seine schlechte Auswärtsbilanz und springt womöglich sogar gleich auf Rang vier. Dann wäre wirklich wieder alles normal.        

Der Text stammt aus dem WAZ/AZ-Bundesliga-Sonderheft "Die VfL-Rückrunde 2016", erschienen am 20. Januar 2016.

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