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„Wir stellen Weichen für die Zukunft“

AZ/WAZ-Interview mit Bernd Osterloh „Wir stellen Weichen für die Zukunft“

Für Volkswagen geht ein erfolgreiches Jahr zu Ende. „Für den Konzern insgesamt, aber auch für die Marke Volkswagen ist es besser gelaufen als erwartet“, sagt VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh im AZ/WAZ-Interview. Und: Erstmals äußerte sich Osterloh im Gespräch mit AZ/WAZ-Redakteur Florian Heintz über den bisherigen BMW-Manager Herbert Diess, der im Oktober 2015 den Vorstand der Marke VW-Pkw übernimmt.

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VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh im Interview mit WAZ-Redakteur Florian Heintz.

Quelle: Photowerk (bas)

Die Trennung von Konzernvorstand (Martin Winterkorn) und Markenvorstand (Herbert Diess) ist aus Sicht des Betriebsrats aber kein Modell für die Zukunft. „Hier wird es mit uns langfristig keine Trennung von Konzern und Marke geben“, so Osterloh. Die Berufung von Diess zum VW-Markenvorstand sei aber noch keine Vorentscheidung für die Winterkorn-Nachfolge.

WAZ: Herr Osterloh, werden bei Volkswagen gerade die Weichen für die Zeit nach Martin Winterkorn gestellt?

Osterloh: Wir stellen Weichen für die Zukunft, aber nicht für die Zeit nach Martin Winterkorn. Er hat noch einen Vertrag bis Ende 2016. Und ich habe gerade bei der Betriebsversammlung gesagt, dass die Arbeitnehmervertreter seinen Vertrag noch einmal bis 2018 verlängern wollen.

WAZ: Wie hat Herr Winterkorn darauf reagiert?

Osterloh: In der Halle gab es spontan aufbrandenden Beifall. Natürlich hat er sich da gefreut, immerhin ist das nicht selbstverständlich, dass die Beschäftigten hinter ihrem Vorstandsvorsitzenden stehen.

WAZ: Trotzdem, im kommenden Oktober gibt Konzernchef Winterkorn den Markenvorstand von Volkswagen an Herbert Diess ab, der dafür von BMW geholt wurde. Dabei hatte Herr Winterkorn noch vor Kurzem die Bündelung von Marken- und Konzernführung in seiner Hand verteidigt. Warum jetzt dieses Umdenken?

Osterloh: Ich kann da kein Umdenken erkennen. Zwischen Herrn Dr. Winterkorn und uns besteht Einigkeit, dass der Vorstandsvorsitzende des Konzerns grundsätzlich auch immer Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen sein wird. Hier wird es mit uns keine Trennung von Konzern und Marke geben. Wir brauchen keine virtuelle Holding. Der Vorstand des Konzerns muss in seinen Schlüsselfunktionen auch Vorstand der Marke Volkswagen sein, die das Dach des Konzerns ist. Die Verankerung in der Marke VW gibt einem Konzernvorstand eine Hausmacht, die absolut sinnvoll ist. Mit einem starken und erfahrenen Vorstandschef wie Dr. Winterkorn kann man eine Trennung der beiden Chefposten auf Zeit einmal akzeptieren. Aber auf Dauer ist das kein Modell.

WAZ: Demnach wurde mit Herrn Diess auch der Konzernchef für die Zeit nach Herrn Winterkorn verpflichtet?

Osterloh: Glauben Sie, wir legen uns auf einen Manager fest, den wir noch gar nicht bei Volkswagen erlebt haben? Die Berufung von Herrn Diess ist in keiner Art und Weise eine Vorfestlegung auf die Nachfolge von Herrn Winterkorn. Wir haben eine ganze Reihe guter Leute an Bord, die dafür in Frage kommen. Da spreche ich mal mindestens über die Chefs unserer Marken, aber auch über fähige und kluge Köpfe, die nicht so im Licht der Öffentlichkeit stehen. Fest steht aus meiner Sicht jedenfalls: Wir sind in der glücklichen Lage, verschiedene Optionen zu haben. Welche es wird, hängt dann von einer ganzen Reihe von Faktoren ab, letztlich auch davon, wie eine künftige Gesamtstruktur für den Konzern und den Konzernvorstand in seiner Zusammensetzung und Größe aussieht.

WAZ: Warum ist Herr Diess der richtige Mann für die Marke Volkswagen?

Osterloh: Weil er sehr viele Bereiche eines Unternehmens kennt. Er war im Einkauf tätig, in der Produktion, er hat Auslandserfahrung, zuletzt war er in der Entwicklung.WAZ: Er hat sich auch einen Ruf als Preisdrücker gemacht. Kommt Herr Diess als Sanierer zu VW?

Osterloh: Dazu müsste es ja etwas zu sanieren geben - gibt es aber nicht. Wir haben eine gute Auftragslage und fahren auch im kommenden Jahr Sonderschichten. Sicherlich kann er seine Erfahrungen, die er bei BMW und vorher auch bei Bosch gesammelt hat, mit einbringen. Das ist doch gar keine Frage.

WAZ: Die Aufgabe für den neuen Markenchef ist nicht einfach. Bis 2017 sollen fünf Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden. Wie weit sind Sie mit dem Effizienzprogramm im letzten halben Jahr gekommen?

Osterloh: Seit dem Anstoß auf der zusätzlichen Betriebsversammlung und der Management-Information ist schon eine Menge passiert. Die Maßnahmen greifen besonders bei den Produkten, die wir zukünftig auf die Straße bringen werden, wie zum Beispiel beim neuen Tiguan oder beim neuen Touran. Aber natürlich gibt es auch bei laufenden Produkten noch Möglichkeiten zum Eingreifen. Wir werden die Komplexität dort senken, wo es der Kunde nicht spürt - und das zu Recht auch nicht extra bezahlen will. Wir machen das im Sinne des Volkswagen-Weges - ruhig, überlegt und mit Augenmaß.

WAZ: Was bislang über das Effizienzprogramm zu hören war, klingt eher nach kleinen Stellschrauben, nicht nach dem großen Wurf.

Osterloh: Es geht darum, jeden Prozess auf Effizienz zu durchleuchten. Von der Komplexität der Produkte an sich bis hin zu Doppelarbeiten wie Statistiken. In Summe sprechen wir dann über sehr viel Geld. Wenn ich zum Beispiel die Kühlergrillvarianten reduziere, dann hat das bei 5,5 Millionen Volkswagen und zehn Millionen Autos im Konzern schon eine Wirkung und ist kein Kleingeld. Wenn es darum geht, die Komplexität von Motor- und Getriebevarianten zu reduzieren, dann ist, glaube ich, allen klar, dass es dabei um mehr Geld geht als nur um ein paar Euro. Die andere Sache ist, dass wir unsere internen Prozesse, beispielsweise unseren Produkt entstehungsprozess, einhalten. Da liegt das meiste Geld. Da muss wieder mehr Disziplin Einzug halten.

WAZ: Einschnitte bei der Stammbelegschaft sind tabu. Trifft es deshalb die Leiharbeiter?

Osterloh: Erst mal haben wir in den deutschen Volkswagen-Werken alle Leiharbeiter, die in den letzten Jahren zur Übernahme anstanden, in die Stammbelegschaft übernommen. Und wir werden das im ersten Quartal 2015 auch weiter so machen. Allein in Wolfsburg rund 270. Alle, die bis Ende März seit drei Jahren in den deutschen VW-Fabriken arbeiten, werden fest übernommen. Das ist vereinbart. Aber ein Selbstläufer ist das nie und wird es auch nicht werden. Denn das Unternehmen stellt jedes Mal die Frage, wie viel Personalbedarf wir nachhaltig, also langfristig, haben.

WAZ: Mit Komponenten-Vorstand Werner Neubauer ist gerade einer der wenigen Ur-Wolfsburger aus der vordersten VW-Führungsriege ausgeschieden. Wie viel Wolfsburg steckt noch in Volkswagen?

Osterloh: (lacht) Jede Menge. Unser Produktionsvorstand Thomas Ulbrich ist hier geboren. Der neue Komponenten-Vorstand Thomas Schmall kommt zwar nicht aus Wolfsburg, ist aber im Unternehmen groß geworden. Übrigens glaube ich, dass er eine gute Wahl ist, die wir als Arbeitnehmer auch unterstützt haben. Wichtig ist für uns, dass die Damen und Herren des Managements auch bereit sind, hier in der Region zu wohnen. Ich habe schon ein Problem mit denen, die montags einfliegen und freitags ausfliegen. Das sage ich ganz offen. Um das Unternehmen zu verstehen, ist es gut, wenn man hier auch wohnt. Und Herr Diess hat gesagt, dass er natürlich nach Wolfsburg zieht. Und auch Thomas Schmall zieht hierher.

WAZ: Wie fällt die Bilanz für 2014 aus Sicht der Belegschaft aus?

Osterloh: Wir haben dieses Jahr in Wolfsburg 836.000 Fahrzeuge gebaut, so viele waren es seit langer Zeit nicht mehr. Die Belegschaft hat Außerordentliches geleistet - in der Produktion, wo mit 161 Sonderschichten ein hohes Pensum an Mehrarbeit abgerufen wurde, aber auch in der Technischen Entwicklung und in allen anderen Bereichen.

WAZ: Mit zwei Neuanläufen im kommenden Jahr wird das Produktionsniveau von 2014 kaum zu halten sein.

Osterloh: Durch den Touran-Anlauf, für den wir die Linie erst einmal abschalten, werden natürlich weniger Fahrzeuge gebaut. Aber wir gehen davon aus, dass wir in Wolfsburg auf jeden Fall wieder über 800.000 Autos kommen werden. Wir sind eindeutig das Produktionswerk Nummer eins im Konzern.

WAZ: Wenn wir über Wolfsburg hinausblicken: Wie zufrieden sind Sie mit dem Jahr 2014?

Osterloh: Für den Konzern insgesamt, aber auch für die Marke Volkswagen ist es besser gelaufen als erwartet. Wir hatten ja Ende 2013 doch die einen oder anderen Bedenken, wie sich das Jahr 2014 entwickeln wird. Es sieht so aus, als könnten wir unser 10-Millionen-Fahrzeuge-Ziel schon dieses Jahr erreichen. Dann hätten wir allen Grund, zufrieden zu sein.

WAZ: Dann braucht es jetzt ein neues Absatzziel für den Konzern?

Osterloh: Natürlich kann man Absatzerwartungen für die kommenden Jahre hochrechnen, wobei es da viele Unwägbarkeiten gibt. Aber zur Strategie 2018 gehören ja noch mehr Ziele. Wir wollen attraktivster Arbeitgeber werden und die Rendite verbessern. Wir haben noch drei Jahre Zeit, um uns auf diese anderen Ziele zu konzentrieren.

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