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WM-Vorfreude in der Favela? „Wir sind alle Fußball-Fans!“

Volkswagen WM-Vorfreude in der Favela? „Wir sind alle Fußball-Fans!“

13 Projekte unterstütz die VW-Betriebsrats-Initiative „A Chance To Play“ in Brasilien. Eines davon ist das Kinderrechts-Zentrum in Rua Nova, einer Favela im Osten Sao Paulos. Wie groß ist dort die Vorfreude auf die anstehende Fußball-WM?

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Hier hilft „A Chance To Play“: Das Armenviertel „Rua Nova“ im Osten der 22-Millionen-Metropole Sao Paulo.

Quelle: Pahlmann

„Wir sind alle Fußball-Fans“, sagt Mike (17). Er gehört zu einer Gruppe Jugendlicher, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind - und die hier im Kinderrechts-Zentrum regelmäßig Fußball spielen oder Breakdance trainieren. „Wir hoffen nur, dass wir von der WM profitieren können.“ Sein Kumpel Guilherme (17) pflichtet ihm bei: „Es wäre schön, wenn der Welt jetzt das wahre Brasilien gezeigt wird - und nicht nur die Vorzeigeprojekte zu sehen sind, von denen keiner was hat.“

Das wahre Brasilien: Das sind für sie die kleinen Hütten, die sich an zwei Hügeln bis zum Horizont erstrecken. Strom haben sie alle, Fernseher die meisten, Wasser wird in Tanks gesammelt. Rund sieben Millionen leben in Sao Paulo so oder ähnlich.

Zwei schmale Gassen vom Kinderrechts-Zentrum entfernt steht eines der Gemeindehäuser der Favela. Hier wird Capoeira, der brasilianische Kampftanz, trainiert. Draußen an der Wand hantiert Sandro (17) mit einer Spraydose. Er will nicht über die WM reden („Ich bin kein Fußball-Fan“), er sprüht seine Meinung lieber an die Wand: „Copa para quem?“ WM für wen?

Ein paar Meter unterhalb seiner Graffiti-Mauer wehen Fähnchen in den Landesfarben, die schmale Straße ist für die WM geschmückt. „Fußball ist hier kein Sport, sondern Teil der Kultur“, bringt es Pispo, der Breakdance-Lehrer, auf den Punkt. Aber ein WM-Spiel im Stadion zu sehen, ist für alle hier unvorstellbar. „Fußball heißt hier Fußball im Fernsehen“, erklärt Edilaine. Die 26-Jährige bringt den Kinder der Favela das Trommeln bei. „Der Fernseher steht im Mittelpunkt - wer hier eine Hütte baut, kauft sich einen Fernseher, noch bevor er einen Kühlschrank hat.“

Vor diesen Fernsehern werden sie sitzen, wenn wenige hundert Meter entfernt im Stadon Itaquera am Donnerstag die WM startet. Wer wird Weltmeister? Pispo grinst, dann guckt er in die Runde und zählt kurz an: „Drei, zwei, eins“ - und alle rufen voller Überzeugung zugleich: „Brasil!“

apa

Interview mit Beat Wehrle: "Proteste gegen FIFA"

„A Chance To Play“ – zusammen mit „terre des hommes“ unterstützt der VW-Betriebsrat weltweit Projekte, die Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Spiel, Sport und sinnvoller Freizeitbeschäftigung ermöglichen. Beat Wehrle, den alle nur „Tuto“ nennen, koordiniert die Projekte in Brasilien. Die WAZ sprach mit dem Schweizer, der seit 1986 in Brasilien lebt, über die WM-Stimmung.

WAZ: Herrscht bei den Menschen in Brasilien eher Skepsis, Vorfreude oder Unmut im Hinblick auf die WM?
Wehrle : Alles drei. Und die Brasilianer haben kein Problem damit, diese drei Gefühle gleichzeitig zu haben.

WAZ : Es gibt immer wieder Proteste gegen die WM...'
Wehrle : Nein, die Proteste richten sich weder gegen die WM noch gegen den Fußball, sondern eher gegen das Geschäftsgebahren der FIFA. Die Leute sehen die schönen WM-Stadien – während für ein gutes Gesundsheitswesen oder eine gute Wohnversorgung kein Geld da ist.

WAZ : Wie ist die soziale Situation?
Wehrle : Ein Drittel aller Menschen in Sao Paulo leben von Sozialhilfe – das ist ein Fortschritt, vor zehn Jahren war nicht einmal das vorstellbar. Brasilien hat Wachstumsjahre hinter sich, aber dieser Rausch ist jetzt vorbei. Die Leute sind mit Sozialhilfe nicht mehr zufrieden und der Fußball lenkt sie auch nicht ab. Das Prinzip „Brot und Spiele“ funktioniert nicht mehr. Beim Confed-Cup vor einem Jahr waren es vor allem Jugendliche, die protestierten, jetzt sind es mehr und mehr auch die Leute aus den Favelas.

WAZ : Wie wird die Stimmung während der WM sein?
Wehrle : Alles hängt davon ab, wie die Sicherheitskräfte reagieren. Wenn sie zu hart, zu repressiv vorgehen, kann die Stimmung auch explodieren. Und ich fürchte, Repression ist das Einzige, was sie können.

apa

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