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WAZ-Interview: Osterloh spricht Klartext zur Lage bei VW

Volkswagen WAZ-Interview: Osterloh spricht Klartext zur Lage bei VW

Wegen der Abgas-Affäre hat auch VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh die vergangenen Monate im Krisenmodus verbracht. Die WAZ-Redakteure Dirk Borth und Florian Heintz sprachen mit Osterloh über die aktuelle Lage bei Volkswagen.

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Klartext vom VW-Betriebsratschef: Die WAZ-Redakteure Dirk Borth (r.) und Florian Heintz (l.) sprachen mit Bernd Osterloh über die aktuelle Lage bei Volkswagen.

WAZ: Herr Osterloh, für Volkswagen war 2015 das Jahr der Krise. Wie zuversichtlich blicken Sie auf das laufende Jahr?

Osterloh: 2016 wird das Jahr der Weichenstellungen. Es geht um die Frage, wie wir die Abgas-Affäre bewältigt bekommen. Volkswagen muss die Öffentlichkeit und die Behörden in den USA, aber natürlich auch unsere Kunden, die Politik und die Öffentlichkeit in Europa glaubhaft davon überzeugen, dass sich so etwas nicht wiederholt. Deshalb müssen wir die Aufklärung weiter schonungslos vorantreiben.

WAZ: Wie kann das funktionieren?

Osterloh: Wir müssen klar machen: Volkswagen toleriert weder Manipulationen noch Gesetzesverstöße. Ich kann gut nachvollziehen, dass die amerikanischen Behörden darüber verärgert sind, dass sie über Monate hinweg im Dunkeln gelassen wurden. Wir müssen jetzt verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen und klar machen: 600.000 Kolleginnen und Kollegen rund um den Erdball leisten ehrliche Arbeit, um unseren Kunden Fahrzeuge in höchster Qualität zu liefern. Das werden wir auch weiterhin tun - mit höchsten Ansprüchen an Nachhaltigkeit. Und: Gesetze müssen natürlich eingehalten werden, egal wie anspruchsvoll sie sein mögen. Volkswagen ist Teil der Gesellschaft. So wie das Soziale ein Markenzeichen unseres Unternehmens ist, muss es auch die Nachhaltigkeit sein. Deshalb werden wir unsere Forderung nach einem hochkarätig besetzten Nachhaltigkeitsbeirat auch in den Aufsichtsrat einbringen. Er muss auf der obersten Unternehmensebene angesiedelt sein. Wir sind davon überzeugt, auch das hat etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun.

WAZ: Einen großen Absatzeinbruch als Folge der Abgas-Affäre gab es im vergangenen Jahr nicht. Wie sieht die Auftragslage momentan aus?

Osterloh: Derzeit bin ich optimistisch, dass die Kunden uns die Treue halten. Gerade wenn ich auf den deutschen Markt schaue. Dafür will ich mich ausdrücklich bedanken. Übrigens: Unsere Vertriebsmannschaft leistet hier einen großartigen Job. Für unser Wolfsburger Werk, aber auch für Volkswagen insgesamt, steht zudem ein weiteres Top-Modell kurz vor seinem Start: der neue Tiguan. Ich bin sicher, er wird die Kunden vom ersten Tag an begeistern.

WAZ: Die Erwartungen an das Fahrzeug sind groß. Worauf muss sich die Belegschaft einstellen? Stehen weitere Sonderschichten an?

Osterloh: Noch haben wir keine neuen Sonderschichten vereinbart. Derzeit arbeitet die Mannschaft hochkonzentriert am Anlauf unseres neuen Tiguan. Wir haben hier in Wolfsburg eine der erfahrensten Führungsmannschaften und Belegschaften der Automobilindustrie. Ich bin überzeugt, dass unser Produktionsvorstand Thomas Ulbricht, Werkleiter Jens Herrmann und unsere Kolleginnen und Kollegen in den Fertigungsbereichen das neue Auto vom ersten Tag an in höchster Qualität vom Band laufen lassen werden.

WAZ: Der Produktionsstart eines neuen Fahrzeugs ist für sich schon eine große Aufgabe. Gleichzeitig muss die Belegschaft in vielen Bereichen weiter an der Bewältigung der Diesel-Krise arbeiten. Das ist schon eine enorme Herausforderung, oder?

Osterloh: Natürlich ist die Anspannung in vielen Bereichen hoch. Und die Belegschaft fragt sich: Wie geht es weiter mit Volkswagen? Hinzu kommt, dass wir einen weitgehend neuen Vorstand an Bord haben, der seine Linie auch erst einmal finden muss. Ich kann den Handelnden da immer wieder nur einen Rat geben: Gemeinsam mit der Belegschaft von Volkswagen - und hier schließe ich unsere erfahrenen Führungskräfte ein - kann man alles erreichen. Die Bereitschaft, für unser Unternehmen viel zu leisten, ist groß. Das war immer so. Und das wird so bleiben, wenn es der Markenvorstand versteht, die Beschäftigten mitzunehmen. Da sehe ich durchaus noch Luft nach oben, auch wenn es gut gemeinte Ansätze gibt.

WAZ: Wie ist denn die Stimmung in der Belegschaft? Kurz nach Bekanntwerden der Abgas-Manipulationen haben Sie von Angst, Wut und Verunsicherung gesprochen. Herrscht inzwischen wieder mehr Zuversicht?

Osterloh: Von Aufbruchstimmung sind wir jedenfalls noch ein großes Stück entfernt. Bei der Diesel-Affäre liegt noch viel vor uns. Und wie gesagt: Auch die Linie des Markenvorstands ist noch ein Stück weit unklar. Es gibt richtige Ansätze, wie etwa Schwerpunkte auf Digitalisierung und E-Mobilität zu legen. Das unterstützen wir. Es gibt aber noch kein greifbares Gesamtkonzept. Hier wird der Markenvorstand noch hart arbeiten müssen, um Betriebsrat und Belegschaft zu überzeugen. Und natürlich sind die Ansprüche hoch, immerhin haben wir von 2007 bis 2014 eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Das macht das Geschehene ja auch so unverzeihlich. Es hat uns unvermittelt getroffen und uns genauso erschüttert wie die Öffentlichkeit. Herr Dr. Diess muss deshalb eine Gesamtstrategie für die Marke Volkswagen vorlegen. Eine Strategie, hinter der dann auch wirklich das gesamte Unternehmen steht. Das wird für ihn noch ein hartes Stück Arbeit.

WAZ: Im Vorstand gab es weitere Veränderungen. Welche Impulse erwarten Sie vom neuen Personalchef Karlheinz Blessing?

Osterloh: Karlheinz Blessing wird dafür sorgen, dass Wirtschaftlichkeit und Beschäftigung bei Volkswagen gleichrangige Unternehmensziele bleiben. Außerdem erwarten wir, dass er sich stärker um die Management-Planung - insbesondere auch das Top-Management - kümmert. Wir haben exzellente Fachleute und Manager an Bord. Diese müssen konsequent, über Bereichsgrenzen hinweg, qualifiziert und entwickelt werden, damit sie später Top-Funktionen in Marke und Konzern übernehmen können. Außerdem gehen wir davon aus, dass Karlheinz Blessing die Führungskultur vorantreiben wird. Er bringt da große Erfahrung mit und kann sicherlich die aktuellen Diskussionen in Vorstand und Management in die richtigen Bahnen lenken.

WAZ: Das Thema Mitarbeiter-Bonus dürfte sich durch die finanziellen Belastungen erledigt haben. Oder werden Sie doch noch einmal das Gespräch mit dem Vorstand suchen?

Osterloh: Natürlich spreche ich mit dem Vorstand über das Thema. In erster Linie geht es der Belegschaft darum, dass es fair zugehen muss. Die Beschäftigten haben die Abgas-Affäre nicht zu verantworten. Und wir wollen nicht erleben, dass es jetzt Millionen-Boni für den Vorstand gibt und die Beschäftigten bekommen nichts. VW-Chef Matthias Müller hat schon selbst angekündigt, dass auch er bei seinem Bonus schauen will, dass es gerecht zugeht. Wir gehen davon aus, dass das auch der Rest des Vorstands so sieht. Insofern mache ich es mir leicht und sage, dass ich einen fairen Vorschlag erwarte.

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