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VW-Schichtmodell wird nachjustiert

WAZ-Interview VW-Schichtmodell wird nachjustiert

Das Schichtmodell im VW-Werk, die Sonderschichten, die Strategie für das Logistikzentrum – der VW-Betriebsrat ist in diesen Tagen mit vielen Themen beschäftigt. WAZ-Redakteur Jörg Lünsmann sprach mit VW-Betriebsrats-Chef Bernd Osterloh.

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Bernd Osterloh: Solange es keine Gesamtstrategie bei VW gibt, liegen die Nordamerika-Pläne auf Eis.

WAZ: Herr Osterloh, auf Wunsch der Belegschaft hat sich der VW-Betriebsrat für ein neues Schichtmodell eingesetzt. Nach dem Werksurlaub soll es noch einmal nachjustiert werden. Warum?
Osterloh: Weil die Mehrzahl der Kollegen, die im Drei-Schicht-System arbeiten, ein Problem mit dem Wechsel-Rhythmus hat. Auf Wunsch des Unternehmens arbeiten unsere Kollegen derzeit in der Folge Früh-, Spät- und Nachtschicht. Das Problem stellt das Wochenende von der Nachtschichtwoche auf die folgende Frühschichtwoche dar.

WAZ: Warum?
Osterloh: Die Menschen kommen am Samstagmorgen aus der Nachtschicht nach Hause. Viele legen sich erst gar nicht hin, um zum einen den normalen Schlafrhythmus am Wochenende wieder herzustellen und zum anderen sich natürlich auch am Familienleben zu beteiligen. Sehr viele Beschäftigte berichten davon, dass sie in der Nacht von Sonntag auf Montag dann so gut wie gar nicht schlafen. Das bedeutet zum Beispiel, dass mir Kollegen schildern, dass sie am Montagmorgen um 2 Uhr endlich einschlafen, um festzustellen, dass um 4.30 Uhr schon wieder der Wecker klingelt, weil um 6.30 Uhr die Frühschicht beginnt. Und es wird auch dadurch deutlich, dass verstärkt Urlaubswünsche auf den Montag gelegt werden, um dieser Situation aus dem Wege zu gehen.

WAZ: Wie hat der Betriebsrat reagiert?
Osterloh: Ich habe mir mit meinen Betriebsratskollegen viel Zeit genommen, um mit betroffenen Kollegen darüber zu sprechen. Die große Mehrheit hat die Bitte, dass wir den Wechselrhythmus noch einmal ändern. Deshalb starten jetzt die konkreten Gespräche mit dem Unternehmen, damit wir nach dem Werksurlaub die Umstellung fertig haben.

WAZ: Viele Kollegen haben sich dazu bereit erklärt, ihren Urlaub zu verschieben und auch in der Zeit des Werksurlaubs zu produzieren. Obendrein fragt das Unternehmen immer wieder den Betriebsrat, ob er neuen Sonderschichten zustimmt. Ist die Produktionskapazität im Werk Wolfsburg zu gering, um während der Regelarbeitszeit genügend Autos bauen zu können?
Osterloh: Sie sehen das zu negativ. Sie müssen sich das Positive für unseren Standort anschauen: Die Kundennachfrage nach unseren Modellen ist erfreulicherweise so hoch, dass wir trotz unserer enormen technischen Kapazität im Werk Wolfsburg Sonderschichten fahren müssen. Etwas Besseres kann uns als Beschäftigten gar nicht passieren, denn am Ende entscheidet immer der Kunde mit seiner Entscheidung für unsere Produkte, wie sicher unsere Arbeitsplätze sind.

WAZ: Der Betriebsrat hat dafür gesorgt, dass VW-Beschäftigte im Werk leichter freie Tage nehmen können und das System der „planbaren Abwesenheit“ neu geregelt. Haben sich die Kollegen dafür bei Ihnen schon bedankt?
Osterloh: (lacht) Ich denke, unsere Kollegen wissen schon, was sie an ihren Betriebsräten haben. Und umgekehrt wissen wir, was wir an einer Belegschaft haben, die mit einem 90-prozentigen IG-Metall-Organisationsgrad hinter uns steht. Das hat sie auf der letzten Betriebsversammlung wieder bewiesen.

WAZ: Da haben Sie den Vorstand unter Beifall der Belegschaft wegen seiner Nordamerika-Pläne für Golf und Tiguan zurechtgewiesen. Volkswagen will weltgrößter Autobauer werden. Dazu gehört, dass dort Autofabriken gebaut werden, wo noch mehr Autos abgesetzt werden können. Sind durch die Expansionspläne wirklich die Jobs in Wolfsburg in Gefahr?
Osterloh: Die Expansion bei Volkswagen ist so angelegt, dass sie keine Jobs gefährdet, sondern sichert. Sie werfen verschiedene Dinge in einen Topf. Als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben wir alle Entscheidungen für neue Standorte mitgetragen. Weil im Vorfeld sichergestellt wurde, dass diese neuen Fabriken auch neue Märkte erschließen und diese beliefern. Und weil das auch in Wolfsburg und an anderen Standorten zusätzlich Arbeit schafft. Nicht umsonst haben wir gerade 600 weitere feste Arbeitsplätze in unserer Forschung und Entwicklung geschaffen. Denn in Wolfsburg schlägt das Innovations-Herz unseres Unternehmens. Hier werden die VW-Modelle für die ganze Welt geboren.

WAZ: Aber warum dann die herbe Kritik wegen der Verlagerungspläne bei Golf und Tiguan?
Osterloh: Weil dafür in Nordamerika erst einmal zusätzliche Kapazität aufgebaut werden müsste. Und weil es keine Strategie gibt, was Wolfsburg dafür für einen Ausgleich bekommt. Und wie sich das wiederum auf andere Standorte und Beschäftigung auswirkt. Kurzgefasst: Das ist noch nicht ausgegoren. Wir werden das jetzt im Zuge der Gespräche zur Planungsrunde 60 mit dem Vorstand nachholen. Ich gehe davon aus, dass es uns gemeinsam gelingen wird, eine vernünftige Gesamtstrategie zu finden. Und solange liegen die Nordamerika-Gedankenspiele auf Eis.

WAZ: Golf, Golf Plus, Tiguan und Touran – im Werk Wolfsburg werden schon jetzt verschiedene Modelle gebaut. Trotzdem fordern Sie Investitionen im Karosseriebau, um flexibler zu werden. Können Sie konkreter werden?
Osterloh: Eine höhere Flexibilität im Karrosseriebau des Golf könnte ein Ausgleich für die Nordamerika-Frage sein, weil wir damit die Sicherheit der Beschäftigung hier in unserem Werk noch einmal deutlich erhöhen.

WAZ: Warum?
Osterloh: Uns geht es darum, die Arbeitsplätze in Wolfsburg langfristig sturmfest zu machen. Dazu brauchen wir in unserer Fabrik eine gewisse Flexibilität, um von Modell X oder Modell Y bei Absatzschwankungen einfach mehr oder weniger Fahrzeuge fertigen zu können. Wir bilden Drehscheibe mit den Standorten Emden und Zwickau. Emden und Zwickau bauen beide Passat, zusätzlich fertigt Zwickau genau wie Wolfsburg den Golf. Nehmen wir einmal rein theoretisch an, wir haben eine Phase, in der Tiguan oder Touran, die wir hier bauen, einmal nicht ganz so boomen wie das seit Monaten der Fall ist. Gleichzeitig werden aber Passat und Golf in großer Stückzahl bestellt. Dann könnte man in Zwickau die Passat-Produktion nach oben fahren und dafür Gölfe nach Wolfsburg geben. Damit wären alle Fabriken ausgelastet. Klingt doch gut, aber leider nur theoretisch. Denn: In Wolfsburg haben wir beim Golf durch Engpässe im Karosseriebau keine Möglichkeit, die Produktion zu erhöhen. Deshalb fordern wir, dass wir die Investitionen für eine höhere Flexibilität im Karosseriebau vom Vorstand genehmigt bekommen.

WAZ: Im Gewerbegebiet Westrampe gab es gerade den Spatenstich für ein Logistikzentrum. Sie setzen sich dafür ein, dass kein Zulieferer, sondern VW selbst das Logistikzentrum betreibt. Warum?
Osterloh: Weil wir dort leistungsgewandelte Kollegen einsetzen können. Wir können nicht alle Tätigkeiten, die wir Menschen aus unserer Produktion, wenn sie nicht mehr ganz so können, an Dritte vergeben.

WAZ: Die Parkplatznot rund ums VW-Werk ist immer wieder Thema. Vor Monaten schon hat VW angekündigt, ein Parkhaus am Wellekamp bauen zu wollen. Wann geht‘s endlich los?
Osterloh: Volkswagenseitig sind wir gut unterwegs. An der FE und im Bereich Nord kann man die ersten Arbeiten schon sehen. Und die Bauanträge für ein Parkhaus am Wellekamp und Erweiterungsmaßnahmen im Bereich des Bahnhofs sind gestellt. Wir hoffen jetzt auf eine zügige Entscheidung.

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