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VW-Markenchef Diess im großen AZ/WAZ-Interview

Volkswagen VW-Markenchef Diess im großen AZ/WAZ-Interview

Zum Auftakt des Automobil-Salons in Genf verbreitete VW-Markenchef Herbert Diess (57) in dieser Woche Aufbruchstimmung. Zurück in Wolfsburg nahm sich Diess die Zeit für einen Besuch in der WAZ-Redaktion und erläuterte im Interview mit der AZ/WAZ seine Pläne für die Neuausrichtung der Marke VW-Pkw.

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Zu Besuch bei der AZ/WAZ: VW-Markenchef Herbert Diess.

Quelle: Manfred Hensel

AZ/WAZ: Herr Diess, in Genf haben Sie gerade das Jahr des Neuanfangs für Volkswagen ausgerufen. Was meinen Sie damit?
Diess: Wir haben in den vergangenen Monaten ein umfangreiches Reformprogramm für die Marke Volkswagen auf den Weg gebracht. So haben wir mit einem 12-Punkte-Plan die Schwerpunkte festgelegt und damit die Neuausrichtung eingeleitet. Und unter dem Stichwort „New Volkswagen“ arbeiten wir bereits am Auto der Zukunft: vollelektrisch, vernetzt und zum Teil autonom fahrend. Themen wie Elektromobilität und Digitalisierung werden Volkswagen stark verändern.

AZ/WAZ: Derzeit fährt Volkswagen noch im Krisenmodus. Die Kosten des Abgasskandals sind noch immer nicht abzusehen, die Aufarbeitung und die Bewältigung der Krise binden viele Kapazitäten. Was macht Sie da so optimistisch?
Diess: Ich bin überzeugt davon, dass der Volkswagen-Konzern insgesamt stark genug ist, um die Diesel-Krise zu meistern. Die Wahrnehmung der Marke Volkswagen hat natürlich schon gelitten. Mit der Umrüstaktion der ersten Dieselfahrzeuge kommen wir aber sehr gut voran. Angefangen haben wir mit dem Amarok - davon waren bereits mehr als 10.000 Fahrzeuge in den Werkstätten und es hat so gut wie keine Kundenbeschwerden gegeben. In wenigen Tagen folgt dann der Passat. Ich bin der Meinung, dass wir gute Chancen haben, in den nächsten Monaten eine Übereinkunft mit den Behörden in den USA zu erzielen. Dann bleibt aber noch die große Aufgabe, Volkswagen zukunftsfähig zu machen…

AZ/WAZ: Was meinen Sie damit? Ohne die Diesel-Krise hätte Volkswagen doch im Ergebnis gerade das erfolgreichste Jahr der Unternehmensgeschichte abgeschlossen...
Diess: Der Konzern hat in den vergangenen Jahren echte Erfolge eingefahren: Seat und Skoda haben ordentlich aufgeholt, Audi brilliert mit Technik und Modellen, Porsche fährt Rekorde ein. Die Marke Volkswagen muss dagegen noch einiges tun, um in den nächsten Jahren profitabler zu werden. Nur so können wir uns die Zukunft leisten. Und ich bin sicher: Wir werden keine zweite Chance bekommen. Das starke Wachstum in China hat da in den vergangenen Jahren solche Themen überstrahlt. Der Umbruch in der Automobilindustrie wird dramatisch werden. In den nächsten Jahren werden wir es mit völlig neuen Wettbewerbern zu tun haben. Darauf müssen wir uns einstellen. Nicht alle Unternehmen, die wir heute in der Automobilindustrie sehen, werden diesen Wandel langfristig überleben.

AZ/WAZ: Können Sie der Belegschaft denn vermitteln, wie groß der Handlungsbedarf ist? Die vorherrschende Meinung ist doch, dass Volkswagen total erfolgreich unterwegs ist.
Diess: Mir ist wichtig, dass wir hierzu zwischen der Marke Volkswagen und dem Volkswagen-Konzern differenzieren. Ich sage ganz klar: Die Marke Volkswagen muss sich bewegen, um sich zukunftsfähig aufzustellen. Genau deshalb haben wir ein unternehmensweites Effizienzprogramm aufgelegt, das wir noch einmal beschleunigen. Wir werden mit weniger Kosten mehr Autos bauen und damit die Produktivität verbessern.

AZ/WAZ: Droht weiterer Krach mit den Arbeitnehmern? Betriebsratschef Bernd Osterloh hält Ihre Produktivitätsziele für dieses Jahr für unrealistisch.
Diess: Ich nehme Herrn Osterloh als unternehmerisch denkenden Betriebsrat wahr. Er weist selbst immer wieder auf Handlungsbedarf im Management hin. Wo gibt es einen Betriebsratschef, der ein Effizienzprogramm über mehrere Milliarden vorschlägt? Ich gehe auch davon aus, dass er meine grundsätzliche Einschätzung zur Lage des Unternehmens teilt und dass wir ein gemeinsames Interesse haben, die Marke Volkswagen zukunftsfähig zu machen. Aber natürlich ist es so, dass Herr Osterloh die Mitarbeiterinteressen aus einem anderen Blickwinkel vertritt als ich es tue. Deshalb wird es auch in Zukunft Diskussionen um den gemeinsamen Weg geben. Insgesamt bin ich aber überzeugt, dass wir an einem gemeinsamen Ziel arbeiten: der Zukunft von Volkswagen.

AZ/WAZ: Viele Mitarbeiter sorgen sich wegen des Abgas-Skandals um ihre Arbeitsplätze. Sind die Jobs bei VW noch sicher?
Diess: Wenn es uns gelingt, das Vertrauen unserer Kunden zurückzugewinnen, werden wir bald die Trendwende in Europa schaffen. Das ist aber nur der erste Schritt. Darüber hinaus müssen wir unsere Kosten in den Griff bekommen. Wir werden über profitables Wachstum unsere Stammarbeitsplätze sichern. Ich werde alles daran setzen, dass dies gelingt.

AZ/WAZ: Wo sehen Sie Volkswagen denn in fünf Jahren?
Diess: In einigen Jahren wächst Volkswagen wieder - auch auf den Krisenmärkten außerhalb Chinas. Dann sollten wir auch in den USA wieder Fuß gefasst und unsere Marktposition in Südamerika und Russland gestärkt haben. Ich bin optimistisch, was die nächsten Jahre betrifft, denn wir haben viele tolle Modelle in petto.

AZ/WAZ: Vor Kurzem wollte der Volkswagen-Konzern noch die Nummer eins der Welt werden. Konzernchef Matthias Müller hat das schon ein Stück weit revidiert. Was denken Sie, muss das Ziel der Marke VW sein?
Diess: Der langfristige Anspruch der Marke Volkswagen muss es sein, den hohen Stellenwert, den wir uns in Deutschland und Europa erarbeitet haben, weltweit zu erreichen. Ich spreche von einer Positionierung zwischen den Premium- und den Volumenmarken, verbunden mit dem Anspruch, Premiumqualität und Innovationen einem breiten Kundenkreis zugänglich zu machen. Dann ist die Marke profitabel, auch in der neuen digitalisierten Welt.

AZ/WAZ: Dazu brauchen Sie die Belegschaft. Ist sie bereit für diesen Wandel?
Diess: Ich glaube, wir haben hier eine außerordentlich kompetente Mannschaft. Das fängt in der Entwicklung an. Wir bauen Autos, die reihenweise Vergleichstests gewinnen – auch gegen Wettbewerber aus dem Premiumsegment. Ich weiß, dass auch in der Fertigung viel Know-how vorhanden ist. Volkswagen hat weltweit hocheffiziente Standorte und beherrscht die Fertigung in diesem komplexen Netzwerk. In der Fertigung gibt es aber noch großes Potenzial. So arbeiten wir daran, die Direktläuferquote zu erhöhen und die Anlaufkompetenz in den Werken zu verbessern. Die Fertigung hat ein ehrgeiziges Programm aufgesetzt, um die Produktivität deutlich zu steigern. Das stimmt mich sehr positiv.

AZ/WAZ: Wo sehen Sie die Rolle des Wolfsburger Stammwerks im Unternehmen?
Diess: Das Werk Wolfsburg muss sich eine Führungsrolle im weltweiten Produktionsnetzwerk erarbeiten. Wolfsburg soll Vorbild sein, beispielsweise beim „Lean Manufacturing“ (dt. schlanke Produktion; Anm. d. Red.) oder in der Teamarbeit. Und genau diese Herausforderung hat die Mannschaft beim letzten Symposium angenommen. Es gibt hier also schon viele gute Ansätze.

AZ/WAZ: Nicht nur für Wolfsburg, sondern für die gesamte Marke ist der neue Tiguan ein wichtiges Auto. Wie kommt das Fahrzeug denn an?
Diess: Ich war gerade in Portugal bei einer Händlerkonferenz und kann sagen: Der Tiguan wird mit Spannung und Euphorie erwartet. Und er wird extrem gut nachgefragt. Nach nur zwei Wochen haben wir schon über 10.000 Bestellungen.

AZ/WAZ: Der Anlauf des Touran im vergangenen Jahr verlief alles andere als reibungslos, viele Nachbesserungen waren erforderlich. Klappt das beim Tiguan jetzt besser?
Diess: Man kann der Mannschaft in Wolfsburg zum neuen Tiguan gratulieren. Dieser Anlauf läuft hervorragend. Wir liegen absolut im Plan.

AZ/WAZ: Am Dienstag sprechen Sie erstmals auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg. Wie wichtig ist Ihnen der Dialog mit der Belegschaft?
Diess: Das Gespräch mit der Mannschaft ist mir außerordentlich wichtig. Deshalb haben wir auch Veranstaltungen außerhalb der Betriebsversammlungen ins Leben gerufen. Dabei geht der Vorstand in die einzelnen Bereiche und führt mit jeweils 100 Mitarbeitern einen offenen Dialog. Wir reden Klartext miteinander. Das Format heißt „nachgefragt“.

AZ/WAZ: Wolfsburg und VW sind nicht zu trennen. Was wünschen Sie sich für die Volkswagenstadt?
Diess: Zur neuen Unternehmensstruktur gehört die klare Trennung zwischen Marke und Konzern. Ich finde, dass die Marke Volkswagen hier in Wolfsburg nicht präsent genug ist. Damit meine ich zum Beispiel die reiche Kulturgeschichte der Marke: was Volkswagen in den vergangenen Jahrzehnten geleistet hat mit der Motorisierung der Gesellschaft und den vielen emotionalen Fahrzeugkonzepten. Aus meiner Sicht müssten wir in Wolfsburg die Marke Volkswagen viel mehr leben. Darüber werden wir bald auch mit der Stadt beraten.

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