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VW-Betriebsratschef Osterloh im WAZ-Interview

Volkswagen VW-Betriebsratschef Osterloh im WAZ-Interview

Im großen WAZ-Interview zum Ende der Werksferien erteilt VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh Plänen des Unternehmens für eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland eine klare Absage.

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WAZ-Interview mit Bernd Osterloh: "Wr brauchen zusätzliche Fachleute."

Der Vorstand der Marke Volkswagen wolle Jobs im IT-Bereich aus Wolfsburg und anderen Standorten nach Indien oder Polen verlagern. „Da wird sich der Vorstand an uns die Zähne ausbeißen“, sagte der mächtige Betriebsratsboss der WAZ. Um den Herausforderungen wie der zunehmenden Digitalisierung zu begegnen, müsse VW stattdessen zusätzliche Fachleute an Bord holen und in Start Ups im IT-Bereich investieren. Volkswagen müssen zudem größere Anstrengungen unternehmen, um Frauen im Top-Management an sich zu binden und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.

WAZ: Herr Osterloh, gerade haben Sie verkündet, dass Volkswagen im ersten Halbjahr in seinen niedersächsischen Werken rund 1000 Stellen neu geschaffen hat, davon allein 650 in Wolfsburg. Wird sich dieser Trend so fortsetzen?

Osterloh: Wir kommen langsam in eine Phase der Konsolidierung. Und das Management ringt hart mit uns als Betriebsrat um jeden weiteren Arbeitsplatz. Dabei eint uns ein Interesse: Wer eine feste Stelle bei Volkswagen bekommt, der soll auch langfristig sicher sein, dass er einen Job behält. Deshalb ist es richtig, dass wir immer wieder gemeinsam kritisch prüfen, ob wir dieses Versprechen mit weiteren Einstellungen auch halten können. Derzeit sehen wir noch einen gewissen nachhaltigen Bedarf. Aber wir arbeiten natürlich auch gleichzeitig an der Produktivität in unseren Werken.

WAZ: Sie waren mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden der Marke Volkswagen, Herbert Diess, gleich in seinen ersten Amtstagen mit dem Fahrrad im Werk Wolfsburg unterwegs. Wo sieht er Handlungsbedarf?

Osterloh: Zunächst sind wir uns einig, dass das Werk Wolfsburg als Konzernsitz immer eine besondere Rolle spielen wird. Für den Konzern, aber natürlich auch für die Marke Volkswagen. Herr Dr. Diess sieht im Werk Wolfsburg durchaus Möglichkeiten, die Produktivität weiter zu steigern. Er spricht darüber mit mir sehr offen. Er möchte Veränderungen gemeinsam mit dem Betriebsrat, aber vor allem auch den Beschäftigten machen. Beim Ziel für Wolfsburg sind wir uns einig: Das Werk - Fahrzeugbau wie Komponente - muss die Maßstabe für alle anderen VW-Werke setzen.

WAZ: Maßstäbe sollte Volkswagen aus Ihrer Sicht nicht nur in seinen Werken setzen, sondern auch bei Frauen im Top-Management. Was hat Sie so erzürnt, dass Sie Volkswagen wegen des Wechsels von Elke Eller zur TUI öffentlich kritisieren?

Osterloh: Volkswagen gelingt es nach wie vor nicht in ausreichendem Maße, für Frauen wirklich attraktiv zu sein. Wir haben binnen kurzer Zeit Frau Eller als Personalvorstand bei Volkswagen Nutzfahrzeuge und Christine Ritz als Leiterin Investor Relations verloren. Beide Frauen waren in ihren jeweiligen Fachgebieten absolut top. Mit Christine Ritz haben wir die beste Kommunikatorin - und das meine ich geschlechterunabhängig - des VW-Konzerns verloren. Mir geht es darum, dass wir deutlich mehr tun müssen, um solche Top-Frauen bei Volkswagen zu behalten. Außerdem bin ich auch der Überzeugung: Wir müssen unsere Anstrengungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich verstärken. Denn auf dem Weg ins Management - und durch die Management-Ebenen - gehen uns nach wie vor zu viele gut qualifizierte Frauen verloren, weil Volkswagen als Unternehmen keinen adäquaten Beitrag zur Kinderbetreuung leistet. Ich bin davon überzeugt: Wir brauchen hier gezielte betriebliche Betreuungsmöglichkeiten. Das ist längst überfällig - gerade an einem Standort wie Wolfsburg mit einem hohen Anteil an Akademikern.

WAZ: Aber zumindest im Aufsichtsrat wird doch demnächst die 30-Prozent-Quote für mehr Frauen in Spitzenpositionen sorgen...

Osterloh: Ja. Und gehen Sie davon aus, dass wir als Arbeitnehmervertreter die Quote zur nächsten Aufsichtsratswahl erfüllen werden. Denn auf unserer Betriebsratsliste haben wir schon heute eine 30 Prozent-Quote. Und auch im Betriebsausschuss, der übrigens neun Personen plus Vorsitzenden und Stellvertretender umfasst, also dem Spitzengremium unseres Betriebsrats, sind zwei von acht Bereichen durch Frauen vertreten. Unserer Gesamtjugendvertretung steht auch eine Frau vor. Und die stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden in Hannover und Kassel sind Frauen, die auch im Gesamt- und Konzernbetriebsrat vertreten sind. Genauso wie Daniela Cavallo und Gabriele Trittel aus Wolfsburg. Wir sind da deutlich besser unterwegs als das Unternehmen. Also auch im Gesamtbetriebsrat und im Ortsvorstand der IG Metall Wolfsburg sind deutlich mehr Frauen vertreten als der tatsächliche Anteil der Beschäftigung ergeben würde. Die gesetzliche Quote im Aufsichtsrat verändert zwar zunächst nicht die betriebliche Realität, aber sie ist ein Anfang. Trotzdem müssen wir eigentlich konsequenter daran arbeiten, dass wir Frauen in Führungspositionen im Unternehmen bekommen. Und da bleibe ich dabei: Wenn wir das wirklich wollen, dann braucht es mehr Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

WAZ: Themenwechsel: Sie tragen eine Apple-Watch. Und propagieren seit geraumer Zeit, dass die Digitalisierung die Automobilbranche in den nächsten fünf Jahren vor Herausforderungen stellen wird, die sie in den zurückliegenden 20 Jahren so nicht erlebt hat...

Osterloh: Das ist nach unserer Auffassung so. Deshalb haben wir aus dem Innovationsfonds beispielsweise den Aufbau des Data Labs von Volkswagen in München gefördert. Wir müssen die Kräfte im Konzern bündeln, wenn wir nicht wollen, dass Google oder der chinesische Alibaba-Konzern irgendwann bei uns Autos bestellen, um sie mit ihren digitalen Systemen auszustatten. Dann wären wir auf einmal nur noch Hardware-Lieferant. Das Geld, schauen Sie sich nur die Apps für das iPhone an, wird aber künftig immer stärker mit der Software verdient. Deshalb glauben wir als Betriebsrat, dass Volkswagen hier weitere Anstrengungen machen muss. Wir müssen bei Techniken wie dem E-Antrieb ganz weit vorne sein, müssen aber gleichzeitig auch beim vernetzten Auto der Zukunft ganz vorne sein. Davon wird unser Unternehmenserfolg abhängen. Herr Diess sieht dies als Chef der Marke Volkswagen sehr klar. Ich bin überzeugt: Dies wird eines seiner ersten Zukunftsprojekte.

WAZ: Aber sehen Sie nicht auf der anderen Seite durch den technischen Fortschritt - Stichwort Industrie 4.0 - Arbeitsplätze gefährdet? Ihr Personalvorstand Horst Neumann geht davon aus, dass in 15 bis 20 Jahren einfachere Produktionstätigkeiten zunehmend von modernen Robotern übernommen werden, die Hand in Hand mit dem Menschen arbeiten können...

Osterloh: Wissen Sie: Die Automobilindustrie hat sich, seit ich bei Volkswagen vor mehr als 35 Jahren begonnen habe, stetig gewandelt. Gerade in der Fertigung. Ich glaube, dass im Einsatz solcher Technologien in der Fertigung die Chance liegt, bestimmte belastende Tätigkeiten künftig von Robotern übernehmen zu lassen. Im Karosseriebau und der Lackiererei haben wir heute schon einen sehr hohen Automatisierungsgrad. Das Auto ist vom Aufbau her immer noch wie ein Käfig. Deshalb sehe ich im Bereich der Montagen, also im Inneren des Fahrzeugs, den Menschen noch auf lange Sicht als überlegen. Ich glaube nicht, dass der Roboter die Flexibilität unserer Kolleginnen und Kollegen und das Handling der zunehmenden Komplexität ersetzen kann. Erst wenn es Fahrzeug-Konzepte mit besserer Zugänglichkeit von oben, unten oder der Seite gibt, wird sich der Automatisierungsgrad auch in der Montage erheblich steigern lassen.

WAZ: Aber dann werden Arbeitsplätze wegfallen?

Osterloh: Zeitgleich werden mit dem Einsatz komplexerer Roboter neue Aufgaben in Anlagenführung und -wartung entstehen. Das sehen wir als Betriebsräte als Chance. Wir stellen uns dem Thema Industrie 4.0 offensiv, denn wir wollen es von Beginn an mitgestalten. Und wollen vor allem auch dafür sorgen, dass wir schon jetzt damit beginnen, unsere Kollegen richtig zu qualifizieren. Da warten wir nicht wie das Kaninchen auf die Schlange, da handeln wir. Für mich ist im Übrigen die Annahme, dass einfachere Aufgaben im Angestelltenbereich zunehmend von Computern übernommen werden, genauso real.

WAZ: Wie meinen Sie das?

Osterloh: Ich war gerade drei Tage in München, unter anderem an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und in unserem VW-Data-Lab, dessen Aufbau wir als Betriebsrat aus Mitteln unseres Innovationsfonds‘ gefördert haben. Ich habe mich umfassend mit dem Thema Big Data auseinandergesetzt. An der LMU haben wir lange über lernende Maschinen gesprochen. Sie werden mehr und mehr in den Büros der Zukunft Einzug erhalten.

WAZ: Und somit werden einfache Angestelltentätigkeiten entfallen?

Osterloh: Bestimmte Aufgaben werden sicherlich darüber entfallen. Aber zumindest das Unternehmen Volkswagen will diese Aufgaben schon heute aus Wolfsburg und anderen Standorten hinaus verlagern. Nach Polen oder Indien. Der Vorstand der Marke Volkswagen plant solche Verlagerungen. Ich kann den Herren nur empfehlen, sich erst einmal an der LMU oder bei unseren eigenen Big-Data-Spezialisten schlau zu machen. Denn ich glaube, dass solche Tätigkeiten über kurz oder lang ohnehin von Computern übernommen werden. Volkswagen hat die Verpflichtung, unsere Kollegen weiter zu qualifizieren, damit sie höherwertige Tätigkeiten ausüben können. Und wir werden zusätzliche Fachleute, absolute Spezialisten an Bord nehmen müssen. Verlagerungen ins Ausland sind der falsche Weg. Da wird sich der Vorstand an uns die Zähne ausbeißen, Verlagerungen nach Polen oder Indien sind der falsche Weg.

WAZ: Sie wollen also statt Verlagerungen mehr Qualifizierung im indirekten Bereich und Einstellungen für die IT?

Osterloh: Ja, ich glaube, wir müssen als Volkswagen-Konzern hier mehr tun. Erstens müssen wir unsere vorhandenen Kapazitäten in den Marken zum Thema Digitalisierung und Big Data bündeln. Das macht momentan noch zu sehr jeder für sich. Zweitens müssen wir absolute Spezialisten, um die sich am Markt heute schon alle streiten, an uns binden. Da spreche ich zum Beispiel über Data Scientisten, also Experten im Bereich der Datenanalyse, die für Unternehmen Big Data erst nutzbar machen. Weltweit gibt es einen Mangel an solchen Fachleuten. Drittens bin ich davon überzeugt, dass Volkswagen in Start Ups im IT-Bereich investieren sollte, um junge aufstrebende Menschen an unseren Konzern zu binden. Der richtige Mix wird uns die Zukunft sichern.

htz

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