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Siegfried Fiebig: „Mein Nachfolger bekommt hier eine super Mannschaft!“

Volkswagen Siegfried Fiebig: „Mein Nachfolger bekommt hier eine super Mannschaft!“

Zeitenwende in Wolfsburg: Nach gut sieben Jahren steht Siegfried Fiebig (59) heute vor seinem letzten Arbeitstag als Werkleiter am VW-Stammsitz. Der Top-Manager, 1955 in Bielefeld geboren, gilt als hemdsärmelig und zupackend. Zum 1. April tritt Fiebig seine neue Stelle als Sprecher der Geschäftsführung von Volkswagen Sachsen an. Im Interview mit WAZ-Redakteur Florian Heintz spricht Fiebig über die Erfolgsgeschichte des VW-Werks Wolfsburg, seine bewegendsten Momente als Standortleiter, über die kommenden Herausforderungen – und über seinen Nachfolger Jens Herrmann (55), der als Werkleiter aus Emden nach Wolfsburg wechselt.

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Ende einer Ära: Wolfsburgs Werkleiter Siegfried Fiebig zieht im WAZ-Interview die Bilanz seiner sieben Jahre an der Spitze des VW-Stammwerks.

WAZ : Herr Fiebig, heute ist Ihr letzter Arbeitstag in Wolfsburg. Fällt Ihnen der Abschied schwer?
Fiebig : Natürlich, nach sieben Jahren in Wolfsburg verbindet man viel mit der Stadt, den Menschen, dem Werk und der Basis von Volkswagen. Für die Familie und auch für mich ist Wolfsburg ein neues Zuhause geworden. Die Familie bleibt auch erstmal in Wolfsburg.

WAZ : Was konnten Sie in Wolfsburg bewegen?
Fiebig : Wir haben uns natürlich deutlich auf die Fabrik konzentriert. Als ich vor sieben Jahren nach Wolfsburg kam, lag die Stückzahl bei rund 550.000 Fahrzeugen im Jahr. 2013 waren es 807.000 Autos. Das ist eine Zahl, die an die Tradition von Wolfsburg anknüpft. Das ist nicht die Leistung eines Einzelnen, sondern der ganzen Mannschaft. Darauf kann man stolz sein. Wichtig ist: Qualität hat bei uns oberste Priorität. So konnten wir zum Beispiel die Schadensfälle beim Tiguan von 2008 bis 2013 um 50 Prozent senken. Da gilt der Dank und der Respekt allen Beteiligten.

WAZ : Mit der Produktion ist auch die Belegschaft gewachsen...
Fiebig : Ja, wir konnten die Mitarbeiterzahl im Fahrzeugbau deutlich steigern. Im Jahr 2007 waren es 16.500 Beschäftigte, heute sind wir bei 22.500 Mitarbeitern. Das zeigt, dass wir vielen Menschen hier eine Perspektive und berufliche Zukunft geben konnten.

WAZ : Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Projekte?
Fiebig : Wir hatten zahlreiche Modellanläufe, jedes Jahr, darunter den Golf VI und den Golf VII. Beim Golf VII sind ja nur ein paar Schrauben gleich geblieben. Als wir dann bei der Markteinführung das geforderte Volumen bringen konnten, hat mich das schon ziemlich bewegt. Und ich muss sagen: Es war schön, mit dem E-Golf die neue Generation von Fahrzeugen und den Start der Elektrifizierung hier mitzuerleben.

WAZ : Ihr Ziel war es, in Wolfsburg einmal eine Million Autos im Jahr zu bauen. Wie realistisch ist diese Zahl?
Fiebig : Wir haben heute in Wolfsburg eine Kapazität von rund 3800 Autos am Tag. Wenn man das mit den nach Kalender möglichen 250 Arbeitstagen multipliziert, ergibt das bereits eine ordentliche Anzahl. 

WAZ : Nämlich 950.000 Autos – das klingt zuversichtlich. Wie gut ist das Werk für die Zukunft aufgestellt?'
Fiebig : Die Vollauslastung der Fabrik konnten wir sicherstellen. In der Fertigung haben wir den Automatisierungsgrad deutlich gesteigert und damit die Weichen für die Zukunft gestellt. Das Presswerk haben wir in den sieben Jahren mit einem Strategieplan modernisiert. Der Karosseriebau ist mit dem Einzug des Modularen Querbaukastens für mehr als zehn Jahre gewappnet. Und auch die Lackiererei hat den Automatisierungsgrad weiter verbessert.

WAZ : Trotzdem muss das Werk produktiver werden?
Fiebig : Das Ringen um eine weitere Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit hört nie auf, auch nicht im Werk Wolfsburg. Die Produktivität muss im Fokus bleiben, denn der Wettbewerb schläft nicht.

WAZ : Wie soll dieses Ziel erreicht werden?
Fiebig : Das geschieht in engster Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und den Kolleginnen und Kollegen auf dem Shopfloor. Es geht um viele organisatorische Fragen. Es gibt aber auch hier und da noch technische Maßnahmen, die dazu führen sollen, dass wir die Fahrzeuge mit weniger Aufwand bauen.

WAZ : Es gibt die Sorge, dass auch der Druck auf die Belegschaft weiter wachsen wird.
Fiebig : Natürlich dürfen wir die Mitarbeiter nicht überstrapazieren. Deshalb überlegen wir gerade mit dem Betriebsrat, welche Arbeitszeitmodelle die Belastung der Mitarbeiter senken könnten.

WAZ : Was bleibt Ihnen aus der Zeit in Wolfsburg in besonderer Erinnerung?
Fiebig : Es gibt zwei Dinge: Das eine ist die Entscheidung gewesen, die Auto 5000 zu integrieren, also das Unternehmen im Unternehmen aufzuheben und dafür zu sorgen, dass auch über diesen Mitarbeitern das VW-Zeichen schwebt. Das war eine gewaltige Herausforderung, die aber sehr konstruktiv von der Mannschaft mit umgesetzt worden ist. Tief gerührt war ich, als der Vorstand sämtlichen Bau- und Sanierungsmaßnahmen zugestimmt hat.

WAZ : Denn als Standortleiter verantworten Sie ja nicht nur die Fabrik...
Fiebig : Die gesamte Infrastruktur am Standort hat sich verändert. Und wir haben angeschoben, was schon viele Jahre gewartet hatte, nämlich die Sanierung des Verwaltungshochhauses. Dafür brauchten wir das neue Bürogebäude BT10. Hinzu kommt die Infrastruktur um das Werk herum, die ganzen Parkplätze und die Verkehrsmaßnahmen. Vergessen dürfen Sie eines nicht: Das sind die immensen Aufwendungen in der FE. Die Elektro-Entwicklung und den E-Campus hier auf das Werksgelände zu bekommen, das war nicht ganz einfach, aber heute ist das Gebäude fast fertig. Wir unterstützen die FE, wo wir nur können, denn ohne Top-Produkte ist alles nur halb so viel wert.

WAZ : War bei den vielen Baumaßnahmen der Denkmalschutz ein Hindernis?
Fiebig : Wir haben hier am Standort bewiesen, dass man auch aus traditionellen und gewachsenen Standorten sehr wohl Effektivität und Produktivität bringen kann. Ein schwieriger Punkt ist die Durchlaufzeit, also wie lange es dauert, bis das fertige Auto auf dem Kundenparkplatz steht. Auch da eine Zahl: Als ich 2007 nach Wolfsburg kam, hatten wir 172 Kilometer Fördertechnik im Werk. Die haben wir heute auf unter 100 Kilometer reduziert. Damit sind wir natürlich auch deutlich schneller beim Kunden und das muss die Aufgabe für die Zukunft sein.

WAZ : Wird irgendwann der Punkt erreicht, wo man sagen kann: Das Werk ist fertig!
Fiebig : Nein, das ist bei einer Größe wie in Wolfsburg nicht so. Wenn man hinten fertig ist, geht es vorne wieder los. Aktuell haben wir aber mit IT-City das jüngste Großprojekt angeschoben. Alles weitere überlasse ich dem Nachfolger.

WAZ : Können Sie dem neuen Werkleiter einen Rat geben?
Fiebig : Jens Herrmann bekommt hier eine super Mannschaft, die weiß, wo die Prioritäten sind. Darauf bin ich sehr stolz. Aber jeder Werkleiter muss seinen eigenen Weg finden. Natürlich haben wir uns mit dem Kollegen Herrmann zusammengesetzt und besprochen, was die Hauptaktivitäten der nächsten Monate sind. Jetzt muss er schnell das Ruder übernehmen.

WAZ : Wie groß ist der Druck für einen Werkleiter in Wolfsburg?
Fiebig : Hart ist es dann, wenn man die Vorgaben nicht erreicht. Dann werden die Tage schon länger als 20 Stunden. Aber mich hat die Mannschaft immer sehr unterstützt, das war sehr positiv. Auch darauf bin ich stolz.

WAZ : Wie lautet Ihre Bilanz – in einem Satz?
Fiebig : Viel Arbeit, konstruktiv, aber auch sichtbar erfolgreich.

WAZ : Was erwartet Sie in Sachsen?
Fiebig : Der Auftrag ist eindeutig, Volkswagen Sachsen mit den drei Standorten zu den Vorzeigewerken der Marke Volkswagen zu machen. Der zweite große Auftrag ist, sich auf das Thema Phaeton-Nachfolger zu konzentrieren. Mit dem neuen Produkt wird die Zukunft von Volkswagen definiert.

WAZ : Was heißt das?
Fiebig : Wir müssen das Thema Leichtbau unter Verwendung unterschiedlichster Materialien konsequent umsetzen. Dazu gehört auch modernstes Infotainment im Fahrzeug. Der neue Phaeton soll Begierde auslösen. Es gibt einen Spruch: vom Phaeton lernen.

WAZ : Und heute? Gibt es eine Abschiedsparty?
Fiebig : Nein. Am Nachmittag kommen einige Kollegen vorbei, mit denen ich die letzten Jahre zusammengearbeitet habe. Ansonsten ist keine Feier geplant. Es gab ja auch keine, als ich kam.

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