Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Osterloh: „Hier muss sich keiner Sorgen machen!“

WAZ-Interview mit dem VW-Betriebsratschef zum Werksurlaub Osterloh: „Hier muss sich keiner Sorgen machen!“

Bewegte Zeiten in Wolfsburg: Nachdem der Volkswagen-Konzern jahrelang von Rekord zu Rekord eilte, gab es zuletzt Krisenmeldungen. Die Rendite der Marke VW ist anhaltend schwach, die Konzernspitze hat ihr ein milliardenschweres Sparprogramm verordnet. Gestern musste Produktionsvorstand Michael Macht gehen. Im Interview mit WAZ-Redakteur Florian Heintz spricht VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh (57) über die Sparanstrengungen, über Probleme im Werk Wolfsburg und die Gerüchte um eine mögliche Fiat-Übernahme durch VW. Ausdrücklich lobt Osterloh die Leistung der Belegschaft und die Zusammenarbeit mit dem neuen Werkleiter Jens Herrmann. Positiv sieht Osterloh auch die Entwicklung des VfL Wolfsburg, in dessen Präsidium er sitzt.

Voriger Artikel
Wechsel im Vorstand: VW trennt sich von Michael Macht!
Nächster Artikel
Im Juli: VW-Verkäufe legten 10,4 Prozent zu

Blickt optimistisch nach vorne: VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh ist überzeugt, dass Volkswagen seine Ziele erreichen wird.

WAZ: Nach den Erfolgsmeldungen der letzten Jahre sind bei VW auf einmal neue Töne zu hören. Konzernchef Martin Winterkorn hat der Marke ein Sparprogramm verordnet. Wie schlimm ist denn die Lage?

Osterloh: Erst einmal möchte ich klarstellen: Das ist kein Sparprogramm. Wir werden nicht weniger investieren. Es geht es darum, das Geld effizienter einzusetzen. Das ist ein großer Unterschied. Ich bin sicher, dass wir in der Lage sind, mit intelligenten Maßnahmen unsere Ziele zu erreichen und uns zukunftsfähig aufzustellen.

WAZ: In Wolfsburg fährt VW seit Monaten Sonderschichten. Für die Belegschaft ist die aktuelle Diskussion wahrscheinlich schwer nachvollziehbar.

Osterloh: Die Mannschaft macht einen tollen Job. Volkswagen ist gut aufgestellt. Der Golf verkauft sich in Europa weiter sehr gut. Der Sportsvan und der Golf Variant sind Top-Autos. An den etwas längeren Lieferzeiten merkt man, dass die Kunden unsere Autos gerne haben wollen. Wir haben kein Absatzproblem, sondern ein Effizienzproblem. Hier muss sich keiner Sorgen machen, Arbeitsplätze und Tarifverträge stehen nicht zur Disposition.

WAZ: Was wollen Sie gegen das Effizienzproblem tun?

Osterloh: Wir müssen vor allem Komplexität herausnehmen - vor allem solche, bei der der Kunde keinen zusätzlichen Nutzen hat. Dieser Aufgabe werden sich die Verantwortlichen annehmen und das werden wir sicher hinbekommen. Außerdem müssen wir mehr als Konzern denken und handeln. Ein Beispiel: Wir haben 310 Modelle im Konzern und müssen in der Lage sein, die Synergien, die sich zwischen den einzelnen Marken bieten, auch maximal zu nutzen. Gerade im Entwicklungsbereich.

WAZ: Eigentlich sollte der Modulare Querbaukasten (MQB) die Modelle vereinheitlichen und Einsparungen bringen. Greift der MQB also nicht?

Osterloh: Der MQB ist ein Erfolg . Die Frage ist nur, inwieweit man sich konsequent an diese Vorgaben hält. Wir müssen uns jetzt die Produkte anschauen und uns fragen, ob ganz bestimmte Dinge sein müssen. Da geht es zum Beispiel um die Vielfalt der Gelenkwellen, Achsen, Motoren und Getriebevarianten und so weiter. Dann müssen klare und nachvollziehbare Entscheidungen getroffen werden.

WAZ: Woran hakt es denn in der Produktion in Wolfsburg?

Osterloh: Die Anlagenverfügbarkeit ist nicht so, wie sie sein müsste. Wenn ich sage, ich will 2200 Autos pro Tag bauen, und bekomme nur 1800 heraus, dann ist das auf Dauer einfach zu wenig.

WAZ: Das Problem hängt mit der Einführung des MQB zusammen?

Osterloh: Nein, dann hätten wir ja bei Seat, Audi und Skoda dieselben Probleme. Es gibt unterschiedliche Gründe. Das sind Steuerungen, Handhabungsautomaten, fehlende Personalentwicklung. Da sind wir dran und das wird abgestellt.

WAZ: Dabei ist auch der neue Werkleiter Jens Herrmann gefordert. Wie läuft die Zusammenarbeit mit ihm?

Osterloh: Ich kenne Herrn Herrmann schon seit 20 Jahren, als er noch im Bereich Industrial Engineering gearbeitet hat. Ich habe mit ihm zum Beispiel Arbeitszeitmodelle verhandelt. Er ist ein sehr sympathischer, immer sehr sachorientierter Werkleiter, sehr stark in der Analyse und mit einer hohen sozialen Kompetenz.

WAZ: Jetzt steht der Werksurlaub an. Wie fällt Ihre Bilanz des ersten Halbjahres aus?

Osterloh: Ein dickes Lob an unsere Kolleginnen und Kollegen. Wir haben die Mannschaft wieder ziemlich gefordert mit den Sonderschichten und mit den Maßnahmen, die wir umgesetzt haben. Ich hoffe, dass wir nach dem Urlaub den Rest des Jahres mit einer entspannteren Fahrweise abschließen können. Aber es gibt natürlich immer wieder neue Herausforderungen. Wir bereiten uns gerade auf weitere Neuanläufe vor.

WAZ: Den Bau einer Tiguan-Modellvariante an einem deutschen Standort hält Herr Winterkorn derzeit für wirtschaftlich nicht machbar. Sie dagegen haben sich in der Vergangenheit für den Bau einer Tiguan-Langversion und des Cross Coupé in Wolfsburg ausgesprochen. Halten Sie daran weiter fest?

Osterloh: Ja. Das Produkt muss sich natürlich rechnen, das ist völlig klar. Wir wollen immer die Besten sein, das ist auch richtig. Aber die Frage ist, welchen Weg man dabei gehen muss und ob man das nicht weniger komplex machen kann.

WAZ: Zuletzt gab es das Gerücht, dass Volkswagen an einer Übernahme von Fiat/Chrysler interessiert ist. Was ist da dran?

Osterloh: Ich habe schon einmal gesagt, dass ich dieses Gerücht für einen Witz halte. Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Die Arbeitnehmerseite glaubt, dass wir im Moment ein paar andere Probleme haben, als Fiat und Chrysler zu kaufen. Das kann ich hier mit Bestimmtheit sagen.

WAZ: Der VfL Wolfsburg hat uns in der letzten Saison viel Freude gemacht. Ist die Mannschaft jetzt reif für die Champions League?

Osterloh: Ich persönlich, und da spreche ich jetzt nicht als VfL-Präsidiumsmitglied, wäre mit dem, was wir im letzten Jahr erreicht haben, wieder zufrieden. Wir haben eine gute Truppe, im Moment aber auch ein ordentliches Verletzungspech. Allerdings hat der VfL ja bewiesen, dass man mit Effizienz etwas erreichen kann. In der vergangenen Saison sind wir mit einem recht schmalen Kader, etwas mehr als 20 Spieler, Fünfter geworden. Mit 51 Spielern standen wir früher schlechter in der Tabelle.

WAZ: Also ist der VfL jetzt das Vorbild für VW?

Osterloh (lacht): Zumindest was die Spielereffizienz betrifft. Ich finde, Klaus Allofs hat einen sehr guten Job gemacht bei der Verkleinerung des Kaders und somit natürlich auch bei der Verringerung der Kosten. Das heißt aber nicht, dass man mit Personalabbau Effizienz erreicht, sondern dass man mit den richtigen Leuten an der richtigen Stelle effizient ist.

WAZ: Muss der VfL auf den einen oder anderen Spielerkauf verzichten, weil VW jetzt noch genauer auf die Ausgaben schaut?

Osterloh: Warum sollten wir das machen, wenn es sich um eine sinnvolle Verstärkung handelt? Grundsätzlich: Die Marke VfL Wolfsburg hat für das Unternehmen einen herausragenden Imagewert, den man in seiner Dimension auch gar nicht in Werbeminuten wiedergeben kann. Wir reden jetzt immer nur von der Herrenmannschaft, aber wir haben auch super Frauenfußball gesehen. Das Team hat wieder die deutsche Meisterschaft und die Champions League gewonnen. Ich fand es auch bemerkenswert, wie viele Zuschauer wir hier bei den Spielen hatten. Die Frauenmannschaft unseres VfL begeistert die Menschen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel