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Neue Dimension - Skandal dürfte VW noch Jahre beschäftigen

VW-Abgas-Affäre Neue Dimension - Skandal dürfte VW noch Jahre beschäftigen

Drohende Milliarden-Kosten, Börsenabsturz, Vertrauensverlust bei Kunden und Behörden: Für Volkswagen ist die Wucht der Ereignisse außergewöhnlich, auch wenn schon andere Unternehmen große Skandale erlebt haben. 

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Experten sicher: Die Abgas-Affäre wird VW noch lange Zeit beschäftigen.

Quelle: Peter Steffen/dpa

Fast über Nacht hat die VW-Affäre um manipulierte Abgastests die deutsche Autobranche erschüttert. Auch wenn sich das gesamte Ausmaß noch nicht abschätzen lässt, steht schon jetzt fest, dass Europas größter Autobauer jahrelang damit zu tun haben wird, den gigantischen Scherbenhaufen beiseitezuräumen. 

Schwere Krisen wegen Fehlverhaltens im Unternehmen haben auch andere deutsche Konzerne hinter sich. Doch der Fall VW könnte in seiner Dimension selbst den milliardenschweren Korruptionsskandal bei Siemens in den Schatten stellen. Volkswagen hat sich nun die Spezialistin Christine Hohmann-Dennhardt ins Haus geholt, die bereits bei der Aufarbeitung von Daimlers Schmiergeld-Affäre ganze Arbeit geleistet hat.

Ein Vergleich der Fälle:

WORUM GEHT ES? Die Auslöser der Skandale waren völlig unterschiedlich. Während bei Siemens und Daimler Schmiergelder flossen, um Aufträge in aller Welt zu ergattern, geht es bei VW um die millionenfache Manipulation von Abgastests. Bei Siemens sollen über ein System schwarzer Kassen rund 1,3 Milliarden Euro gezahlt worden sein. Nach einer Großrazzia im November 2006 offenbarte sich das gesamte Ausmaß des Siemens-Skandals erst nach und nach.  Anders die Dynamik im Fall VW: Spätestens mit dem öffentlichen Eingeständnis, dass in rund elf Millionen Diesel-Autos weltweit Motoren mit Manipulations-Software verbaut wurden, brach ein Sturm los. Bei Daimler wiederum war die US-Börsenaufsicht SEC 2004 aufmerksam geworden. Die US-Behörden bezifferten den mit Hilfe von Korruption gemachten Umsatz auf 1,9 Milliarden Dollar und die illegalen Gewinne auf mindestens 91,4 Millionen Dollar. Parallele zwischen den Fällen: Am dicksten könnte es auch für VW in den USA kommen, wo der Abgas-Skandal aufgedeckt wurde. 

FINANZIELLE FOLGEN: 2,5 Milliarden Euro an Strafzahlungen, Anwalts- und Beraterkosten hatte Siemens wegen der Schmiergeld-Affäre zu schultern - und kam damit noch relativ glimpflich davon. Vor allem der zeitweise drohende Ausschluss von öffentlichen Aufträgen war gefährlich, konnte aber abgewendet werden. Bei Daimler beliefen sich die Strafzahlungen, die die US-Behörden verhängten, sogar „nur“ auf 185 Millionen Dollar (damals 138 Mio Euro).  Bei VW wird nun über mögliche Belastungen von bis zu 50 Milliarden Euro spekuliert - dazu gehören drohende Strafen und Schadenersatz-Forderungen, ein Rekord-Rückruf, Anlegerklagen und Anwaltskosten. Vorerst hat sich der Autobauer 6,5 Milliarden Euro zurückgelegt. Das Geld soll allerdings vor allem für die technische Umrüstung der Fahrzeuge reserviert sein. 

PERSONELLE KONSEQUENZEN: Obwohl die Aufklärung des VW-Skandals gerade erst richtig angelaufen ist, hat er bereits massive personelle Folgen - allen voran der Rücktritt des früheren Konzernchefs Martin Winterkorn Ende September. Eine Reihe von Top-Managern aus der technischen Entwicklung wurde zudem beurlaubt.  Auch in dieser Hinsicht kam der Siemens-Skandal langsamer in Gang. Rund fünf Monate nach seiner Aufdeckung nahm der damalige Aufsichtsrats- und frühere Konzernchef Heinrich von Pierer seinen Hut. Auch sein Nachfolger an der Unternehmensspitze, Klaus Kleinfeld, verließ das Unternehmen. Beide wiesen stets jede persönliche Verantwortung für Schmiergeld-Zahlungen von sich. Insgesamt kam es bei der Aufarbeitung zu 250 Kündigungen, hinzu kamen rund 120 Manager, die Amnestie erhielten. Auch bei Daimler gab es personelle Konsequenzen, die jedoch nicht bis in die Vorstandsetage reichten. 

AUFARBEITUNG: Neben den Konzernrevisionen verschaffen Wirtschaftsskandale solcher Größenordnung vor allem auch einer Heerschar von Anwälten Arbeit. In Wolfsburg nimmt - ähnlich wie damals bei Siemens und Daimler - eine extern beauftragte US-Kanzlei die Machenschaften um die Software-Tricksereien unter die Lupe. Alle drei Unternehmen richteten zudem eigene Vorstandsressorts zur Einhaltung von Recht und Gesetz im Unternehmen ein.  Danach wird für VW die prozessuale Aufarbeitung folgen: Auf den Autobauer könnte eine ganze Lawine von Verfahren vor Gerichten im In- und Ausland zurollen. Ähnlich war es bei Siemens. So endete der letzte große Strafprozess gegen einen Ex-Vorstand des Elektrokonzerns erst Ende Mai 2014 mit einem Freispruch - fast acht Jahre nach der Aufdeckung des Korruptionsskandals. 

FOLGEN FÜR DIE BRANCHE UND DIE GESAMTE WIRTSCHAFT: Schon der Ausbruch des VW-Skandals schreckte die Autobranche auf. Wenn die Dieseltechnologie dauerhaft in Verruf käme, würde das auch andere Hersteller empfindlich treffen. Hinzu kommt, dass die US-Umweltbehörden weitere Untersuchungen und die Vorlage von Testergebnissen zu anderen Autobauern angekündigt haben. Auch vor möglichen Imageschäden für das Label „Made in Germany“ wurde im Zusammenhang mit dem Abgas-Skandal gewarnt.  Die Siemens-Affäre wiederum löste eine regelrechte Compliance-Welle in Deutschland aus. Ähnlich wie der Elektrokonzern, der ein umfassendes Anti-Korruptionssystem installierte, stellten viele Firmen interne Regelwerke auf den Prüfstand, beriefen spezielle Compliance-Wächter oder externe Ombudsleute, an die sich Hinweisgeber anonym wenden können. Dazu gehörte übrigens auch der VW-Konzern, der damit auch die Lehren aus einem früheren Skandal um Lustreisen und Schmiergeld-Zahlungen im eigenen Haus zog.

dpa

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