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Matthias Müller ruft zum Aufstand auf

VW-Konzernchef diskutiert mit Mitarbeitern Matthias Müller ruft zum Aufstand auf

Fast zwei Jahre nach Beginn des VW-Abgas-Skandals ist die erhoffte Ruhe noch immer nicht ins Unternehmen eingekehrt. Dass die Belegschaft trotzdem allen Grund dazu hat, mit Mut in die Zukunft zu blicken, wollte VW-Konzernchef Matthias Müller am Mittwoch bei einem neu ins Leben gerufenen Dialogformat deutlich machen.

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„Meeting Müller“: VW-Konzernchef Matthias Müller diskutierte am MIttwoch mit 300 Mitarbeitern im Wolfsburger Markenhochhaus.

Quelle: Urban Zintel

Wolfsburg. Im Wolfsburger Markenhochhaus diskutierte der Top-Manager unter dem Motto „Meeting Müller“ mit rund 300 Mitarbeitern über den Wandel bei Volkswagen und stellte sich den Fragen der Beschäftigten. Heraus kam ein für manche überraschend offener und kritischer Dialog.

Für die Teilnahme an dem Gesprächsformat hatten sich Mitarbeiter aus allen Bereichen bewerben können. Am Ende wurden die 300 Plätze per Losverfahren vergeben. Auf den Stühlen und Sitzwürfeln rund um ein kleines Podest in der Ausstellungshalle des Markenhochhauses versammelten sich viele Anzugträger, aber auch einige Arbeiter in T-Shirts und VW-Kitteln.

Eigentlich würde Müller gerne gleich über die Zukunft von Volkswagen sprechen: Elektromobilität, Digitalisierung, autonomes Fahren. Doch natürlich lastet der Abgas-Skandal weiter auf dem Konzern. „Die massiven Auswirkungen spüren wir alle noch heute, überall im Unternehmen“, sagte Müller zu Beginn seiner 15-minütigen Rede. Aus den Fehlern der Vergangenheit habe Volkswagen gelernt. „Wo es berechtigte Kritik gibt, nehmen wir die an: offen und transparent. Und wo es Versäumnisse gab, da räumen wir die aus“, sagte der Konzernchef. Er stellte sich zugleich schützend vor die Belegschaft. „Wo Vorwürfe überzogen, haltlos, unfair sind – da werden wir uns weiter wehren. Wo eine Klageindustrie fette Beute wittert und versucht, unser Unternehmen in seiner Existenz zu gefährden, da werden wir gegenhalten.“

Bei der IAA in Frankfurt, der wichtigsten Automesse der Welt, will VW in der nächsten Woche ein Zeichen setzen „für den Mut und die Zukunftsfähigkeit des Konzerns“. Der VW-Chef kündigte an: „Wer immer darauf gehofft hat, dass uns die Dieselkrise unseren Kampfgeist rauben würde, der wird spätestens in der nächsten Woche sehen, dass er sich einer Illusion hingegeben hat.“

Anschließend konnten die Mitarbeiter ihre Fragen an den VW-Boss richten. Wie denn der Kulturwandel bei Volkswagen zu bewältigen sei, wollte eine Mitarbeiterin wissen. „Vielleicht die schwerste Aufgabe“ sei das, räumte Müller ein. Er selbst wolle diesen Wandel schlicht und einfach „vorleben“.

Wie weit Wunsch und Realität bei diesem Thema häufig noch auseinanderklaffen, machte die Wortmeldung eines Mitarbeiters aus dem Karosseriebau deutlich: Durch Einsparungen fehlten in seinem Bereich Mitarbeiter und Material, was zu Fehlern in der Produktion führe. Dagegen werde ein riesiger Aufwand für die Autos betrieben, die dem Vorstand für Abnahmefahrten übergeben werden („Die werden zum Teil 48 Mal aufgelegt!“). Und wichtige E-Mails aufs Smartphone zu bekommen, das sei laut Vorgesetzten „für normale Werker“ nicht vorgesehen. Klare Antwort von Müller: „Diese hierarchieabhängige Behandlung ist ein Unding!“

Munter ging es weiter: Ein Mitarbeiter von VW Nutzfahrzeuge, zuständig für den Vertrieb in Südamerika, ärgerte sich über den „Hype“ um die E-Autos. Ein anderer wollte dagegen wissen, warum VW den Diesel-Skandal nicht für eine radikalere Wende hin zur Elektromobilität genutzt habe. Müllers Antwort: „Wo sind die Kunden?“ Zunächst müsse die Ladeinfrastruktur in Deutschland besser werden („Die ist jämmerlich!“). Ein Wirtschaftsingenieur stöhnte über sein überquellendes Postfach und regte einen „E-Mail-Knigge“ an. Müller äußerte Verständnis: „Manchmal ist es bloß ein Anruf und man kann die Dinge klären, anstatt fünf Tage hin und her zu schreiben.“

Zum Ende berichtete ein Mitarbeiter über die bürokratischen Hindernisse im Konzern. Seine Kollegen hätten ein Projekt entwickelt, um den Bestellprozess von Literatur zu digitalisieren. Die Umsetzung koste einmalig 180.000 Euro, das Sparpotenzial liege bei 270.000 Euro pro Jahr. „Es scheitert daran, dass keiner die Kosten übernehmen will.“ Unkonventioneller Rat von Müller, der dafür Applaus erntete: „Machen Sie’s doch einfach. Mal schauen, was passiert. Dann sollen sich ein paar zusammenrotten und den Aufstand proben!“

Das neue Dialogformat mit Konzernvorständen soll künftig regelmäßig stattfinden, mindestens einmal im Quartal mit Matthias Müller.

Von Florian Heintz

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