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Golf sei dank? VW hofft beim Diesel-Rückruf auf Trendwende

Volkswagen Golf sei dank? VW hofft beim Diesel-Rückruf auf Trendwende

„Aktion 23R7“ heißt das Software-Update zur Abgas-Krise bei Volkswagen. Im seit Monaten schleppenden Diesel-Rückruf hofft Volkswagen mit der Freigabe für den Golf auf die dringend benötigte Trendwende. Wegen technischer Probleme beim Passat hat VW nun die ersten Golf-Modelle vorgezogen.

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Quelle: Martin Schutt/dpa

Doch die größte Rückruf-Aktion in der Konzerngeschichte kommt nicht richtig in Gang. Wegen technischer Probleme beim Passat hat VW nun die ersten Golf-Modelle vorgezogen. Grund zur Hoffnung? Zunächst noch nicht zahlenmäßig, denn in Relation zu den weltweit mehr als elf Millionen manipulierten Dieseln sind die jetzt für den Rückruf freigegebenen 15 000 Modelle TDI Blue Motion mit 2,0 Liter Motor und Schaltgetriebe nur ein Tropfen auf den heißen Stein:
Gerade einmal 0,14 Prozent. Eine läppische Zahl, die im Konzern aber an einem regnerischen Dienstag dennoch ein fast vergessenes Gefühl des Optimismus verbreitet.  

„Die Botschaft hinter der Zahl ist entscheidend“, heißt es aus dem 20-köpfigen Aufsichtsrat von Volkswagen. Die wochenlange Wartezeit sei damit endlich beendet, ist aus den rund 2000 VW-Werkstätten zu hören. Nach dem Rückrufstart für 8400 Modelle des VW-Pickups Amarok im Januar war und ist aber noch immer Geduld gefragt. Denn anstelle der erwarteten 160 000 Passat-Diesel, die Ende Februar zurückgerufen werden sollten, passierte praktisch nichts. So wie auch an diesem Dienstag, als kaum ein übereifriger Golf-Fahrer in die Werkstatt eilt, um die „Aktion 23R7“ durchführen zu lassen. 

„Das ist natürlich ärgerlich“, betont ein Werkstattbesitzer. Auch in den Händlerkreisen gärt der Unmut: „Da wurden Urlaubsverbote ausgesprochen, mehr Leihwagen bereit gestellt und Zusatzkräfte eingestellt, weil man sich auf die Aussagen von VW verlassen hat.“ 

Händler und Werkstätten seien in Vorkasse gegangen. Das Geld sei nun weg, aber man werde es auf jeden Fall von Volkswagen zurückfordern. „Darauf kann sich der Konzern schon mal einstellen.“   Allem Ärger zum Trotz wird Nachricht über den vorgezogenen Golf-Rückruf positiv aufgenommen. Mehr noch: „Es war gut, dass Matthias Müller es persönlich gesagt hat. Das zeigt, dass er sich der Situation bewusst ist.“  

Der Werkstattbesitzer, der wie so viele in diesen Tagen bei VW seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, spielt auf eine Situation in der vergangenen Woche an. In seiner Rede vor der versammelten Weltpresse weicht der VW-Chef von seinem Manuskript ab und verkündet in der für ihn typischen Sachlichkeit mit bajuwarischem Akzent, dass der Golf-Rückruf nach Rücksprache mit dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) vorgezogen wird: „Die Entscheidung ist heute Morgen gefallen.“ Besser hätte das Timing für die Randnotiz nicht sein können. Denn kurz darauf muss Müller den Geschäftsbericht 2015 vorstellen - inklusive schmerzhafter Diesel-Rückstellungen von mehr als 16 Milliarden Euro. 

Angesichts der zahllosen Hiobsbotschaften der vergangenen Monate wirken die guten Golf-Nachrichten wie ein Balsam auf der angekratzten VW-Seele. Auch das gehört zur neuen Bescheidenheit im einstigen „Höher, Schneller, Weiter“-Konzern und passt zu den seit Wochen hörbaren Durchhalteparolen beim größten Rückruf der VW-Geschichte. Denn neben dem Amarok dürfen bislang nur Modelle der VW-Töchter Audi und Seat von der illegalen Software befreit werden. „Es ist natürlich bedauerlich, dass ausgerechnet die Kernmarke VW hier bislang nicht vorankommt“, heißt es aus dem Konzern. 

Doch das soll sich bald ändern. „Es kommt jetzt bald das fehlende Volumen in den Rückruf“, heißt es. Bis zur Hauptversammlung am 22. Juni  - so die Hoffnungen - sollen weitere Modelle in die Werkstätten dürfen. Optimistisch ist von „Millionen“ die Rede. Nach dem schlechten Erfahrungen der vergangenen Wochen ist dies aber nur hinter vorgehaltener Hand zu erfahren und fast reflexartig kommt die Einschränkung „die letzte Entscheidung liegt natürlich beim KBA“. 

Der bereits verbuchte Zeitverlust von vier Monaten wird VW aber dennoch noch lange beschäftigen. Dessen ist sich auch Müller bewusst. „Wir sind damit noch nicht so weit, wie wir es gerne wären“, erklärt er bei besagter Rede. Nachdem ein Viertel des Jahres verstrichen ist, ohne beim Rückruf nennenswert voranzukommen, kann Müller längst nicht mehr ausschließen, die Aktion bis ins erste Quartal 2017 strecken zu müssen. Intern wird der Verzug auf rund 250 000 Fahrzeuge beziffert. 

„Das Ziel ist ambitioniert, aber zu schaffen. Wir wissen aber definitiv nicht, wie lange das Aufschieben noch dauert“, heißt es aus Händlerkreisen. Ungeachtet aller technischen Probleme muss VW noch mit zusätzlichen Anstrengungen rechnen: Sollten die Kunden auch nach den Freigaben nicht zeitnah in die Werkstätten strömen, dürften die Behörden einiger Länder Druck machen, weil vorgegebene Rückrufquoten in Gefahr sind. Dann müsste VW etwa in Werbekampagnen den Ruf zur Umrüstung untermauern. Zudem drohen Termin-Engpässe. „Das sind aus heutiger Sicht aber Luxusprobleme“, heißt es aus dem Aufsichtsrat.

dpa

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