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Gigant in Schockstarre - Präsidium kämpft um VW

VW-Skandal Gigant in Schockstarre - Präsidium kämpft um VW

Per Video hat VW-Chef Winterkorn seinen Willen zum Weitermachen klar geäußert. Aber hat er damit wirklich überzeugt? In Wolfsburg berät die Kerngruppe der Aufseher hinter verschlossenen Türen über die Zukunft von Europas größtem Autobauer. Die Zeit drängt.

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Wolfsburg: Der VW-Aufsichtsrat berät hinter verschlossenen Türen über die Zukunft von Europas größtem Autobauer.

Quelle: dpa

Martin Winterkorn an der Spitze von Volkswagen - so recht kann sich das an diesem Mittwoch in Wolfsburg kaum jemand mehr vorstellen. Am Tag nach seiner Video-Entschuldigung scheint der Kreis der Unterstützer im Machtzirkel des Aufsichtsratspräsidiums immer kleiner zu werden.  Seit den frühen Morgenstunden hat sich das fünfköpfige Gremium an einem geheimen Ort auf dem Gelände des Stammwerks verschanzt. Aus dem Umfeld des Interimsvorsitzenden Berthold Huber dringen kaum Informationen nach außen. Nur so viel ist zunächst zu erfahren: Auch Winterkorn ist bei dem Treffen dabei. Der 68-Jährige wirbt einmal mehr um das Vertrauen und die Rückendeckung der Aufseher. 

„Die Manipulationen gehen ja viele Jahre zurück. Auch wenn Winterkorn nichts davon gewusst haben sollte, hat er versagt, denn er hätte es in seiner Rolle wissen müssen“, fasst ein Insider die Stimmungslage der Winterkorn-Kritiker zusammen. Generell zeichne sich in dem Gremium eine Tendenz zu Winterkorns Ungunsten ab: „Seine Rückendeckung bröckelt“, heißt es. Doch trotz der Gerüchte: Der bestbezahlte Dax-Manager scheint angezählt, sitzt aber weiter im Sattel. Auf ihn warten vor dem Werkstor zahllose Kamerateams und Journalisten. 

Die Situation ruft nicht nur bei Konzernkennern Erinnerungen an das hektische Frühjahr hervor. Auch damals musste Winterkorn um seinen Verbleib an der VW-Spitze kämpfen, auch damals hieß es immer wieder:
Winterkorns Zeit sei vorbei. Am Ende musste aber sein Gegenspieler, Ex-Patriarch Ferdinand Piëch, seinen Stuhl räumen. Genau an diesem Punkt zeigt sich allerdings ein großer Unterschied zwischen beiden VW-Krisen: Winterkorn hat diesmal keine öffentlichen Unterstützer, er scheint allein auf weiter Flur. Einige Stimmen sehen in dieser Isolation auch einen Hauptgrund für die Videobotschaft am Dienstag: „Das war die hilflose Geste eines Getriebenen - sie sollte in erster Linie in den Konzern wirken.“ 

Ähnlich interpretieren das auch etliche Medien - in zahllosen Artikeln werden mögliche Nachfolger durchleuchtet. Namen wie Audi-Chef Rupert Stadler, VW-Markenchef Herbert Diess und Lkw-Chef Andreas Renschler machen die Runde. Am Vortag war auch der von Porsche-Chef Matthias Müller als Top-Kandidat für die Erbfolge zu hören. Letzterer war schon im April von Piëch genannt worden.  Wie auch immer die Entscheidung des Präsidiums ausfallen wird: Die über Jahre hinweg stabile Machtarchitektur des Konzerns ist ins Wanken geraten. Die von Winterkorn noch vor einer Woche bei der IAA-Eröffnung angekündigte „Neu-Erfindung“ von Volkswagen ist in den Augen vieler Experten längst überfällig. Die Schockstarre im akuten Krisenmanagement zeige auf traurige Weise, wie fragil die Machtarithmetik in Wolfsburg ist. 

Vor einer Woche war das noch unvorstellbar. Bis zum Ausbruch der nicht nur in Deutschland wohl beispiellosen Unternehmenskrise galt Winterkorns Vertragsverlängerung durch den VW-Aufsichtsrat an diesem Freitag als reine Formalie. Doch die manipulierten Abgastests in den USA haben nicht nur den Aktienkurs zwischenzeitlich in freien Fall, sondern auch das oberste Kontrollgremium in den Krisenmodus versetzt.  Angesichts juristischer Ermittlungen im In- und Ausland, eines atemberaubenden Image-Kollapses für die gesamte deutsche Wirtschaft und drohender Milliardenstrafen steigt der Handlungsdruck minütlich. Weltweit warten Manager, Ingenieure und Arbeiter an 119 Standorten des Zwölf-Marken-Konzerns auf Vorgaben und Orientierung. 

Der bisherige Vorzeigekonzern verliert an Glaubwürdigkeit und Börsenwert. Das Symbol deutscher Wertarbeit erleidet schweren Schaden - hinter allen hehren Planspielen einer renditestärkeren Neuausrichtung steht ein Fragezeichen. Hinzu kommen Unwägbarkeiten durch die Weiterungen: Der Analyst Jose Asumendi von der US-Bank JPMorgan sieht im schlimmsten Fall ein Schadenvolumen von 40 Milliarden Euro auf VW zukommen. Das durch Deutschlands größten Industriekonzern ausgelöste Beben erschüttert längst auch das politische Berlin - und mehr.  „Diese Affäre geht weit über Volkswagen hinaus“, meint etwa die französische Tageszeitung „Le Monde“. „Sie beschädigt das Image der Europäer, die gern Lektionen erteilen und sich rühmen, Vorreiter im Kampf gegen die Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung zu sein.“ 

Anfang Oktober findet wenige Dutzend Kilometer von der VW-Zentrale entfernt in Hannover eine Vorbereitungskonferenz zum Pariser  Weltklimagipfel statt. Deutschland droht ziemlich blamiert dazustehen dank des „Dieselgate“, wie der Skandal mittlerweile genannt wird. 

Noch völlig unklar ist auch, wie bedrohlich das Debakel für die rund 600 000 Arbeitsplätze des Weltkonzerns ist. Ganz abgesehen vom Ruf-Schaden für die Marke „Made in Germany“. Kernwerte der deutschen Exportindustrie stehen auf dem Spiel. Carsten Brzeski, Chefökonom der ING-Diba-Bank, sieht bereits Schatten auf der Konjunktur: „Während Deutschlands Wirtschaft Griechenland, der Euro-Krise und der chinesischen Konjunkturflaute widerstand, könnte sie jetzt dem größten Absturzrisiko seit langem entgegensehen. Die Ironie dabei ist, dass die Bedrohung nun eher von innen als von außen kommt.“

dpa

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