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Gewerkschaft in Zugzwang - VW-Skandal beschäftigt IG Metall

VW-Abgas-Affäre Gewerkschaft in Zugzwang - VW-Skandal beschäftigt IG Metall

Der Abgas-Skandal bei VW hat auch die IG Metall erschüttert. Die einflussreiche Gewerkschaft muss einseitige Sparmaßnahmen abwehren und gleichzeitig die eigene Rolle hinterfragen.

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Der scheidende und der kommende Gewerkschaftschef: Detlef Wetzel (l.) und Jörg Hofmann (r.) müssen auf dem Gewerkschaftstak in Frankfurt Stellung zum VW-Abgas-Skandal beziehen.

Quelle: Alexander Heinl/dpa

Am liebsten würden die IG-Metall-Chefs Detlef Wetzel und Jörg Hofmann im Moment gar nichts mehr zu VW sagen, doch das geht natürlich nicht. Beim Gewerkschaftstag in Frankfurt versammeln sich jeden Tag mehr als 1000 IG-Metaller und Gäste, um über die Zukunft der deutschen Kernindustrie zu beraten. Da können der scheidende und der kommende Gewerkschaftschef nicht zum Dieselgate schweigen, zumal Hofmann künftig anstelle Berthold Hubers auch im Aufsichtsrat des schlingernden Autoriesen sitzen soll. 

In keinem anderen Industrieunternehmen ist die IG Metall so stark wie beim größten Autokonzern Europas, der wegen der Abgaswerte-Manipulationen in Diesel-Motoren vor Strafzahlungen und Schadensersatz in Milliardenhöhe steht. Über 90 Prozent der Stammbelegschaft sind gewerkschaftlich organisiert, geschützt vom VW-Gesetz spielt die IG Metall gemeinsam mit dem Land Niedersachsen auch im Aufsichtsrat eine gewichtige Rolle. Doch für die strategischen Entscheidungen sieht sie allein die Eignerfamilien Piëch und Porsche in der Verantwortung. 

„Die Mitbestimmung bezieht sich nicht auf die Frage, welche Komponenten in einen Motor eingebaut werden“, sagt Wetzel. Dabei traten VW-Betriebsräte in der Vergangenheit gerne als Co-Manager auf, erläuterten Investitionsentscheidungen oder Schichtmodelle. Der Skandal um Lustreisen von Arbeitnehmervertretern auf Konzernkosten hatte den VW-Betriebsrat aber in eine tiefe Krise gestürzt. Bernd Osterloh stieg damals zum neuen starken Mann im Betriebsrat auf und beendete den häufig monierten Kuschelkurs. 

Ob gerne oder nicht: Fakt ist, dass Osterlohs Team in jüngster Zeit ungewohnt viel Verantwortung im Unternehmen übernahm. Der mit dem Abgas-Skandal nun beschleunigte Konzernumbau hin zu dezentralen Strukturen und mehr Macht für die einzelnen Marken geht zu großen Teilen auf den Betriebsrat zurück. Ebenso die bessere Verzahnung der Nutzfahrzeugtöchter MAN und Scania, die inzwischen eine eigene handlungsfähige Holding als Dach haben. 

Osterloh krempelt gerne die Ärmel hoch - sei es, um anzupacken oder um die Muskeln spielen zu lassen. Als der inzwischen zurückgetretene VW-Chef Martin Winterkorn vergangenes Jahr die als Stellenstreicher berüchtigte Beratungsfirma McKinsey anheuerte, schäumte Osterloh. Fünf Milliarden Euro sollte VW sparen, doch der Betriebsrat fuhr dem Chef auf ungewöhnliche Weise in die Parade: Die Arbeitnehmerseite legte ordnerweise Sparvorschläge vor, die Osterloh zufolge sogar noch locker eine Milliarde Euro mehr an Einsparungen brächten. 

Auch mit Kritik an der einst streng auf Winterkorn und den VW-Patriarchen Ferdinand Piëch ausgerichteten Unternehmenskultur sparte Osterloh zuletzt nicht. Gemeinsam mit dem neuen Chef Matthias Müller schrieb er an die Belegschaft: „Wir brauchen für die Zukunft ein Klima, in dem Probleme nicht versteckt, sondern offen an Vorgesetzte kommuniziert werden. Wir brauchen eine Kultur, in der man mit seinem Vorgesetzten um den besten Weg streiten kann und darf.“ 

Unklar ist, welche Rolle Osterloh künftig im Konzern spielen wird. Ende November geht der bisherige VW-Personalvorstand Horst Neumann in den Ruhestand. Die IG Metall hat, wie in vielen Unternehmen der Metallindustrie, das Vorschlagsrecht für den Posten. Osterloh wird als Kandidat gehandelt, hatte auch schon einmal Interesse an dem Job geäußert, war dann aber wieder zurückgerudert. Auf Anfrage ließ der Konzernbetriebsrat mitteilen: „Derzeit stehen für uns Aufarbeitung und Konsequenzen aus der Manipulation von Diesel-Motoren im Fokus. Eine Entscheidung zur Nachfolge des Personalvorstands steht erst Ende November an.“ Der neue Personalchef könnte angesichts der drohenden Kosten des Abgas-Skandals künftig wohl auch schlechte Nachrichten überbringen müssen, um Ausgaben bei VW zu drücken. 

Rendite und „nachhaltige Beschäftigung“ sind aus Sicht der IG Metall zwei Seiten derselben Medaille. Der Haustarifvertrag liegt bei VW leicht über dem Industrieniveau und die Mitarbeiter bekommen regelmäßig satte Prämien. Die Gewerkschaft leitet ihre besondere Rolle in Wolfsburg auch aus dem Umstand ab, dass die Nazis das Werk 1937 mit zuvor beschlagnahmtem Geld der Gewerkschaften gründeten. 

Hinter vorgehaltener Hand wird unter den Metallern durchaus bezweifelt, dass der von Wetzel ausgegebene Grundsatz „Wir zahlen nicht für eure Krise“ komplett durchgehalten werden kann. Erste Schichten etwa in den Werken in Salzgitter, Puebla (Mexiko) und Polkowice (Polen) sind bereits gestrichen, als erste zittern Leiharbeiter um ihre Jobs. Natürlich geraten die Jahresprämien ebenso in den Blick der Sparkommissare wie das unrentable Luxusmodell Phaeton, der Haustarif oder anstehende Investitionen. 

„Hier drohen die größten Gefahren“, sagt ein hochrangiger Metaller, intensive Forschung und Entwicklung hätten immer zum VW-Markenkern gehört. Obwohl die Absatzentwicklung in den Sternen steht, dürfe sich VW nicht um seine Wettbewerbsfähigkeit bringen. 

Und die IG Metall konzentriert sich nicht allein auf VW. Bei den süddeutschen Premium-Herstellern zittern Manager wie Beschäftigte bei der Frage, ob die Diesel-Technologie als Ganzes durch die VW-Manipulationen infrage gestellt werden wird. Diesel-Komponenten, so Jörg Hofmann, seien komplizierter als beim Otto-Motor und würden folglich bislang noch eher im Hochlohnland Deutschland gefertigt. Angeblich will der VW-Konzern in seinen Beziehungen zu den Zulieferern 3 Milliarden Euro einsparen, was vor allem kleinere Firmen noch enger an die Wand drücken würde. Auch deren Beschäftigte organisiert die IG Metall.

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