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„Die Vertuschung war der größte Fehler von Volkswagen“

WAZ-Interview mit Jack Ewing „Die Vertuschung war der größte Fehler von Volkswagen“

Heute erscheint in Deutschland und den USA das erste umfassende Buch über die Abgas-Manipulation von Volkswagen: „Wachstum über alles - Der VW-Skandal“ von US-Journalist Jack Ewing. Die WAZ sprach mit dem Autor.

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„Wachstum über alles“: Für sein Buch über den VW-Skandal hat Autor Jack Ewing mit vielen Insidern gesprochen.

Wolfsburg. Der Abgas-Skandal hat Volkswagen im September 2015 in die größte Krise seiner Unternehmensgeschichte gestürzt. Rund 20 Monate später erscheint heute in Deutschland und den USA das erste umfassende Buch über die Diesel-Manipulationen: „Wachstum über alles - Der VW-Skandal“ von US-Journalist Jack Ewing. Schon kurz nach Bekanntwerden des Projekts hatte Hollywood-Star Leonardo DiCaprio die Rechte an dem Buch gekauft. Die WAZ sprach mit Autor Jack Ewing.

Herr Ewing, von Volkswagen erfahren wir wenig über die tieferen Ursachen des Diesel-Skandals. Kann Ihr Buch uns aufklären?

Ich glaube schon. Ich versuche aufzuzeigen, wie die von Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn geschaffene Unternehmenskultur eine Atmosphäre geschaffen hat, die grundsätzlich ehrliche, anständige Menschen dazu geführt hat, verbrecherische Handlungen zu begehen, die Volkswagen enormen Schaden zugefügt haben. Ich habe versucht, den Zusammenhang zu erklären, in dem der Skandal erwachsen ist und die Geschichte auf eine Art zu erzählen, die all die verschiedenen Ereignisse und Charaktere zu einer zusammenhängenden Geschichte verknüpft. Falls ich erfolgreich war, wird sich das Buch wie ein Wirtschaftskrimi lesen.

Wie ist das Buch entstanden? Mit welchen Akteuren konnten Sie sprechen, welche Dokumente konnten Sie einsehen?

Ich habe das Buch an Wochenenden geschrieben während ich fortlaufend über den Volkswagen-Skandal für die New York Times berichtete. Ich konnte mit einer beachtlichen Anzahl von Leuten innerhalb des Betriebs sprechen, von denen einige auf mich zukamen, nachdem sie gelesen hatten, dass ich an einem Buch schreibe. In einigen Fällen waren dies Leute, die dabei waren, als die illegale Software entwickelt und in Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns installiert wurde. Ich konnte auch einige Dokumente einsehen, die von Jones Day zusammengetragen wurden, zum Beispiel die Power-Point-Präsentation von Ende 2006, in der erläutert wurde, wie die Abschalteinrichtung funktionieren würde. Darüber hinaus waren viele Informationen zugänglich über Gerichtsdokumente in den Vereinigten Staaten. Indem ich all diese Information zusammentrug, war ich, glaube ich, in der Lage, ein ziemlich gutes Bild von dem zu zeichnen, was abgelaufen ist.

Welche neuen, bislang nicht bekannten Fakten zum Diesel-Skandal legen Sie in Ihrem Buch offen?

Es gibt ein paar Enthüllungen. Grundsätzlich dürften deutsche Leser daran interessiert sein, die Geschichte zu lesen, wie die illegale Software von einer kleinen Gruppe von Forschern der Universität von West Virginia aufgedeckt wurde, die mit einem Zuschuss von 70.000 Dollar arbeiten mussten. Ich denke nicht, dass dieser Aspekt der Geschichte sehr viel Berichterstattung in Deutschland gefunden hat. Es ist ziemlich erstaunlich zu hören, wie eine kleine Gruppe von promovierenden Studenten, darunter einige aus Indien, solch einen großen Skandal aufdecken konnten.

Was hat Sie bei der ganzen Geschichte am meisten überrascht?

Nach 35 Jahren als Journalist überrascht mich nicht mehr viel an menschlichem Verhalten. Aber ich glaube einer der Aspekte des Buches, der die Leute am meisten überraschen wird, ist die Vertuschung, die passierte, als erste Fragen nach VW-Dieseln gestellt wurden. In vieler Hinsicht war das der größte Fehler, den das Unternehmen gemacht hat. Wenn man gleich zu Beginn ein Vergehen zugegeben hätte, anstatt zu versuchen, amerikanische Aufsichtsbehörden in die Irre zu führen, hätte der Skandal viel weniger gekostet. In vieler Hinsicht war das der größte Skandal.

Bislang hat es VW nicht geschafft, den Skandal hinter sich zu lassen. Immer wieder werden neue Ermittlungen bekannt. Was hat das Unternehmen seit September 2015 falsch gemacht?

Wenn Sie andere Unternehmensskandale ansehen, wie zum Beispiel den Siemens-Bestechungsskandal, haben Firmen mit dem Schaden nicht abgeschlossen, bevor sie neue Manager eingestellt hatten, die von der Vergangenheit nicht belastet waren. Volkswagen wird immer noch von Leuten geleitet, die in hochrangigen Positionen waren, als die Übeltaten passierten. Es mag unfair gegenüber betroffenen Einzelnen sein, bestraft zu werden, bevor herausgefunden ist, dass sie persönlich involviert waren, aber das Wohl des Unternehmens und seiner 600.000 Beschäftigten geht vor. Es macht sich einfach nicht gut, wenn die Polizei Vorstandsbüros durchsucht.

Leonardo DiCaprio hat die Filmrechte an Ihrem Buch gekauft. Wann wird es diesen Film geben? Und sind Sie in das Projekt eingebunden?

Ich habe Gespräche mit Leonardo DiCaprios Produktionsfirma geführt, Appian Way und Paramonut Pictures. Auch habe ich den Drehbuchautor getroffen. Aber typischerweise spielt ein Autor, dessen Buch verfilmt wird, keine große Rolle. Ich weiß, dass das Projekt Fortschritte macht, aber ich weiß nicht, wann es einen Film geben wird und wer die Hauptrolle spielen wird.

Interview: Florian Heintz

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