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„Das Werk Wolfsburg hat auch dieses Jahr die Marke von 800.000 Autos geknackt“

AZ/WAZ-Interview mit Bernd Osterloh „Das Werk Wolfsburg hat auch dieses Jahr die Marke von 800.000 Autos geknackt“

Stellenabbau, Digitalisierung, Elektromobilität: Im großen AZ/WAZ-Interview zieht VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh Bilanz und spricht über die kommenden Herausforderungen

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VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh in AZ/WAZ-Interview: "Der Erfolg des Zukunftspaktes wird ganz wesentlich davon abhängern, ob wir den internen Arbeitsmarkt richtig organisiert bekommen."

Quelle: Roland Hermstein

Trotz mehrerer Produktionsausfälle durch den Zulieferer-Streit und eine defekte Blechpresse sind im VW-Werk Wolfsburg auch dieses Jahr wieder mehr als 800.000 Fahrzeuge vom Band gelaufen. Das sagte VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh im großen WAZ-Interview. Die Auslastung des VW-Stammwerks scheint auch in den kommenden Jahren gesichert zu sein: Für 2020 wurde ein Produktionsziel von 820.000 Fahrzeugen ausgerufen. Dann sollen am Mittellandkanal auch ein SUV von Seat und möglicherweise noch ein Elektro-Geländewagen einer weiteren Konzernmarke produziert werden. Dass der Volkswagen-Konzern auch im Jahr der Diesel-Krise beim Absatz wieder die Zehn-Millionen-Marke knackt, darf laut Osterloh nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in vielen Regionen nicht rund läuft. „Es ist doch logisch, dass die Beschäftigten in Deutschland mit dem Zukunftspakt nicht die Verluste zahlen wollen, die Volkswagen anderswo auf der Welt einfährt“, betonte Osterloh im WAZ-Interview.

Herr Osterloh, das vergangene Jahr war für die Belegschaft von Volkswagen nicht einfach. Die Verunsicherung war hier in Wolfsburg deutlich zu spüren. Hat sich das durch den Abschluss des Zukunftspaktes geändert?
Die Stimmung in der Belegschaft hat sich deutlich gebessert. Das merke ich. Die Menschen haben in den vergangenen Monaten Angst um ihren Arbeitsplatz gehabt. Mit dem Zukunftspakt haben wir nun Sicherheit: In den nächsten neun Jahren – also bis Ende 2025 – sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Der Abschluss des Zukunftspaktes war etwas Positives, nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Menschen.

Dazu gehört aber auch der Wegfall von 23.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis 2020. Wie stark wird der Stellenabbau den Standort Wolfsburg treffen?
Es wird bei Volkswagen in Wolfsburg einen Stellenabbau geben, aber zugleich bauen wir hier auch neue Zukunftsarbeitsplätze auf. Damit machen wir Volkswagen fit für ein neues Zeitalter der Mobilität. Aber zur Wahrheit gehört: In Summe werden wir 2020 weniger Arbeitsplätze haben als heute. Auch, wenn es für weitere Einzelheiten noch zu früh ist, so kann man doch schon eines sagen: Der Arbeitsplatzabbau passiert nicht unkontrolliert über Nacht, sondern Schritt für Schritt über Altersteilzeit entlang der demographischen Kurve.

Wie soll das mit der Altersteilzeit funktionieren?
Im ersten Schritt sollen die Beschäftigten angesprochen werden, die Altersteilzeit schon unterschrieben haben, aber noch nicht gestartet sind. Da geht es um die Frage, ob sie sich auch einen noch früheren Ausstieg vorstellen können. Dann starten in den nächsten Tagen Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen des Jahrgangs 1961. Und die folgenden Jahrgänge müssen dann schnell folgen. Die zentrale Frage ist doch, wie viele Beschäftigte überhaupt in Altersteilzeit gehen wollen. In Wolfsburg liegt die erwartete Quote bei 65 Prozent, an den anderen Standorten bei 90 Prozent.

Warum der Unterschied?
Das liegt an der Struktur der Belegschaft. Altersteilzeit wird immer in der Produktion am häufigsten genutzt. Dort, wo körperlich besonders belastende Tätigkeiten anfallen. Bei Facharbeitern liegt die Quote schon etwas niedriger und bei Angestellten am niedrigsten. Übrigens: Je höher die Entgeltstufe, desto seltener ist Altersteilzeit.

Wenn in Wolfsburg 65 Prozent der Betroffenen in Altersteilzeit gehen, wie viele Beschäftigte wären das in Summe?
Das ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich und lässt sich auch nur über den Daumen peilen. Und wir haben als Betriebsrat keine Lust, irgendwelche Zahlen in die Welt zu setzen, die nur reine Hypothese sind. Fakt ist: Zu einem Altersteilzeitvertrag muss jeder einzelne Beschäftigte ja sagen. Und das Unternehmen auch. Das ist die so genannte doppelte Freiwilligkeit. Der Erfolg des Zukunftspaktes wird ganz wesentlich davon abhängen, ob wir den internen Arbeitsmarkt richtig organisiert bekommen. Da ist unser Personalwesen der entscheidende Bereich für Erfolg oder Misserfolg. Das sieht auch Karlheinz Blessing so, der dieses Thema als Top-Priorität des kommenden Jahres auf seiner Agenda hat.

Sie sprachen davon: Es geht bei Volkswagen auch um Stellenaufbau. Wo passiert der?
In den Zukunftsbereichen wie Digitalisierung, autonomes Fahren und Mobilitätsdienstleistungen. In Wolfsburg werden bis 2020 rund 1000 neue Arbeitsplätze entstehen. 911 dieser Stellen sind schon konkret beschrieben. Allein schon aus diesem Grund hat der Zukunftspakt seinen Namen verdient. Er ist die Grundlage dafür, dass wir diese Themen in Wolfsburg jetzt richtig anschieben.

Neue Stellen sollen vorrangig intern besetzt werden. Soll sich also ein Montagearbeiter zum Software-Entwickler weiterbilden?
Das geht natürlich nicht in jedem Fall, aber es ist auch nicht grundsätzlich unmöglich. Mein Kollege Heinz-Joachim Thust ist als Betriebsrat für die Volkswagen-IT zuständig. Er hat ein Programm zur Nachwuchsförderung angeregt mit Leuten, die rein von ihrer formalen Qualifikation her nichts mit dem Thema IT zu tun haben. Da gab es richtig viele Bewerbungen, zum Beispiel von einem Werkzeugmacher, der für sich zuhause privat Java-Software entwickelt, oder von Montagewerkern, die richtige Computerfreaks sind. Es kommt eben nicht so sehr darauf an, was man auf dem Papier vorzuweisen hat, sondern darauf, was man kann.

Mit der Initiative #WolfsburgDigital wollen Stadt und Volkswagen Wolfsburg zur digitalisierten Großstadt entwickeln. Ist Wolfsburg denn attraktiv genug, um ausreichend junge und kreative Leute anzuziehen?
Wir Wolfsburger sind manchmal einfach zu bescheiden. Wolfsburg bietet viel Lebensqualität. Ich jedenfalls fühle mich hier wohl. Und für viele junge Firmengründer sind Städte wie München inzwischen auch recht teuer. Für solche Leute müssen wir hier die nötige Infrastruktur schaffen. Damit meine ich nicht hippe Discos, sondern ideale Arbeits- und Lebensbedingungen – also ein attraktives Umfeld für Gründer und Startups.

Bislang ist die digitale Großstadt nur ein Konzept – wie soll es mit Leben gefüllt werden?
Erstmal geht es darum, die ganze Stadt mit Glasfaserkabel für ein schnelles Internet zu versorgen. Und bei der Stadtentwicklung könnten wir den Nordkopf besonders in den Blick nehmen. Wir sollten übrigens auch junge Menschen, die heute schon in den Digitalisierungs-Labs in Berlin und München arbeiten, nach ihren Wünschen fragen. Bei der Initiative #WolfsburgDigital sehe ich die Wolfsburg AG in einer zentralen Rolle. Sie könnte noch stärker Startups aus dem Bereich der Digitalisierung fördern. Hier werden wir sicherlich auch gemeinsam mit der Stadt bei der Wolfsburg AG darüber sprechen, wie wir im neuen Jahr die Schwerpunkte setzen.

Kann Wolfsburg auch beim autonomen Fahren eine Vorreiterrolle einnehmen?
Das ist ein spannendes Thema. Ich habe mit Ministerpräsident Stephan Weil darüber diskutiert, ob man nicht im Zuge des geplanten Ausbaus der A 39 bis nach Ehra-Lessien das Teilstück von unserer Technischen Entwicklung bis zu unserer Teststrecke in Ehra für autonomes Fahren freigeben kann. Dazu muss man die nötige Infrastruktur schaffen. Es müssen bestimmte Punkte gegeben sein, an denen sich das Auto orientieren kann. Bei einem Neubau wäre das möglich.

Ab wann werden denn selbstfahrende Volkswagen auf unseren Straßen unterwegs sein?
Das Ziel 2020 halte ich für sportlich. Ich glaube, das wird doch etwas länger dauern. Auch wenn schon heute technisch vieles möglich ist, so muss sich neue Technik erst einmal die Herzen der Menschen erobern und zugleich noch bezahlbar sein.

Bis 2025 sollen die Hälfte aller Autos auf Wolfsburgs Straßen E-Fahrzeuge sein. Ist dieses Ziel realistisch?
Zumindest kann die Stadt Wolfsburg vieles dafür tun, dass es so kommt. Sie kann nämlich die entsprechende Infrastruktur schaffen. In Berlin ist das eher sportlich. Unsere Stadt hat beides: Sie ist kompakt genug und bietet gleichzeitig genügend Raum für viele Ladesäulen und Stellplätze.

Von der Elektromobilität profitiert auch das Werk Wolfsburg mit einem neuen Elektro-SUV. Außerdem sollen hier künftig auch Autos anderer Konzernmarken vom Band laufen. Werden dann insgesamt mehr Fahrzeuge im Werk gebaut?
Für 2020 hat Volkswagen für Wolfsburg ein Produktionsziel von 820.000 Fahrzeugen. Wenn die Kunden mehr Fahrzeuge bestellen, können sicher auch mehr produziert werden. Beim Thema Elektromobilität ist klar: So lange es kein ausreichendes Volumen von E-Fahrzeugen allein für die Marke Volkswagen gibt, wäre es fahrlässig, wenn man hier bei uns in Wolfsburg nicht die Montage stärker auslastet – zum Beispiel mit dem schon im Zukunftspakt vereinbarten SUV-Modell von Seat und vielleicht sogar noch mit einem Elektro-SUV anderer Marken. Natürlich nur, solange die Stückzahlen überschaubar sind. Bei steigenden Volumen müssen die E-Fahrzeuge in den Werken der jeweiligen Marken gebaut werden.

Um welche Stückzahlen geht es bei den Modellen anderer Marken?
Das muss man erst noch sehen, aber das könnten pro Jahr jeweils zwischen 25.000 und 35.000 Fahrzeuge sein. Aber eines möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen: Wenn alle Welt den Fokus auf E-Mobilität legt, werde ich den Eindruck nicht los, dass viele dabei vergessen, dass Volkswagen auch in den nächsten Jahren noch ganz überwiegend Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren bauen wird. Das muss auch so sein, denn mit diesen Fahrzeugen verdienen wir Geld. Und wenn das nicht so wäre, könnten wir uns die Rieseninvestitionen in die Elektromobilität gar nicht leisten.

In diesem Jahr hat erst ein streikender Zulieferer die Golf-Produktion lahmgelegt, dann ging auch noch eine Presse kaputt und sorgte für einen weiteren Stillstand. Wurde in Wolfsburg trotzdem die Marke von 800.000 Autos erreicht?
Ja, die 800.000-Marke haben wir trotzdem geknackt. Das ist übrigens einzig und allein ein Verdienst der gesamten Mannschaft.

Der Volkswagen-Konzern wird auch dieses Jahr wieder mehr als zehn Millionen Autos weltweit ausliefern. Das war nach Dieselgate kaum zu erwarten. Läuft denn also alles rund?
Wir haben enorme Steigerungsraten in China, die Lage in Europa ist stabil. Anders ist die Situation in Brasilien, Nordamerika, Russland und Indien. Für diese vier Regionen fordern wir als Betriebsrat vom Vorstand klare Zukunftsaussagen. An diesen Aussagen muss sich der Vorstand dann auch messen lassen. Es ist doch logisch, dass die Beschäftigten in Deutschland mit dem Zukunftspakt nicht die Verluste zahlen wollen, die Volkswagen anderswo auf der Welt einfährt. Und: wir brauchen auch für unsere Kolleginnen und Kollegen in den genannten Regionen eine klare Perspektive. Denn ihre Arbeitsplätze sind auch nur dann sicher, wenn Volkswagen erfolgreich ist.

Für die USA wurde gerade eine große Comeback-Story ausgerufen – mal wieder. Falls diese Pläne nicht aufgehen, wäre dann auch ein Rückzug der Marke VW aus den USA denkbar?
Ich will nochmal daran erinnern: Es war schon im Januar 2014, als ich mit Blick auf das USA-Geschäft von Volkswagen von einer „Katastrophenveranstaltung“ gesprochen habe. Und damit meinte ich das laufende Geschäft. Nicht Diesel. Damals musste ich mir deswegen Kritik vom Vorstand anhören. Heute sind alle schlauer und wissen, dass der Betriebsrat recht hatte. Hätte Volkswagen damals gleich damit begonnen, das Lenkrad herumzureißen, wären wir auf unserem Weg heute schon ein Stückchen weiter. Was wir in den USA brauchen, sind neue Produkte, die den US-amerikanischen Kunden gefallen. An erster Stelle sind das sicherlich sportliche Geländewagen. Größere Autos als die, die wir hier bei uns kennen. Mit einer Langversion des Tiguan und dem neu entwickelten Atlas kommen 2017 zwei attraktive Modelle auf den US-Markt. Das ist zunächst mal vielversprechend. Und eines muss auch klar sein: Nordamerika ist der größte Automobilmarkt der Welt. Wenn wir einen globalen Anspruch haben wollen, dann müssen wir dort erfolgreich sein.

Letzte Frage: Wie werden Sie das anstehende Weihnachtsfest verbringen?
Weihnachten werde ich natürlich zu Hause im Kreise der Familie mit meiner Frau und meinen Kindern feiern. Heiligabend sind wir bei den Schwiegereltern. Wie immer gibt es super italienisches Essen. An dieser Stelle möchte ich auch allen WAZ-Lesern und allen Wolfsburgern frohe Weihnachten wünschen. Ich denke, ich kann das auch im Namen der VW-Belegschaft tun: Meine Kolleginnen und Kollegen wissen es sehr zu schätzen, dass alle Bürger in Wolfsburg auch in dieser schwierigen Phase zu Volkswagen halten. Dafür sind wir sehr dankbar.

Interview: Florian Heintz, Dirk Borth, Kevin Nobs

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