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„Aktuell ist VW nicht zukunftsfähig“

Interview mit VW-Markenchef Herbert Diess „Aktuell ist VW nicht zukunftsfähig“

Abgasskandal, Klagen und Ermittlungen gegen den Aufsichtsratschef belasten Europas größten Autobauer. Dabei muss sich VW-Markenchef Herbert Diess noch um eine andere Kleinigkeit kümmern: die Zukunft des Automobils. Ein Gespräch über nötige Reformen – und die neuen E-Autos.

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Spricht im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland über die Zukunft von Volkswagen: VW-Markenchef Herbert Diess.

Quelle: dpa

Wolfsburg. VW-Markenchef Herbert Diess hat eine klare Vision vom Auto der Zukunft. Im Exklusivinterview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland gewährt der gebürtige Münchner Einblicke.

Herr Diess, Sie sind erst gut ein Jahr bei VW und rufen mit dem Elektroauto I.D. gleich eine Revolution aus. Ist dieses Auto eine Vision, oder kommt es wirklich?

Natürlich kommt der I.D. Wir werden ihn 2020 auf den Markt bringen – mit bis zu 600 Kilometern Reichweite, voll vernetzt und mit umfangreichen Funktionen für das autonome Fahren. Kosten wird er in etwa so viel wie ein vergleichbar ausgestatteter Golf Diesel. Für Volkswagen ist das eine Zäsur wie in den Siebzigerjahren der Wechsel vom Käfer zum Golf. Dieses Auto ist Programm.

Das Projekt müssen Sie ziemlich schnell nach Ihrem Amtsantritt vor gut einem Jahr angeschoben haben. Hat VW bis dahin geschlafen?

Volkswagen hat schon heute eine Reihe von Elektro- und Hybridmodellen im Programm. Der aktuelle e-Golf bekommt jetzt einen Nachfolger mit fast 50 Prozent mehr Reichweite – 300 Kilometer reichen für die allermeisten Anforderungen völlig aus. In Norwegen, wo das Elektroauto bereits zum Alltag gehört, ist der E-Golf klarer Marktführer. Wir sind also schon ganz gut aufgestellt. Aber natürlich werden wir nicht stehen bleiben. Wenn man die Vorteile des Elektroautos konsequent nutzen will, zum Beispiel für mehr Platz im Innenraum oder eine neue Formensprache, dann muss man die Fahrzeugplattform konsequent auf die Elektrifizierung ausrichten.

Das haben andere vor Volkswagen getan. Warum ist der Konzern langsamer?

Wir sind nicht die Pioniere, aber das müssen wir auch nicht sein. Die Marke Volkswagen steht dafür, Innovationen in die Breite zu tragen. Im Jahr 2020 werden wir mit dem I.D. auf den Markt kommen. Das ist genau der richtige Zeitpunkt, denn dann wird die Elektromobilität weltweit Fahrt aufnehmen.

Der Pionier heißt Tesla.

Wir nehmen Tesla sehr ernst. Sie zu belächeln, wie es manche tun, ist gefährlich. Wenn Tesla den Schritt zur Massenproduktion schafft, dann wird das ein harter Wettbewerber. Aber wir haben sehr gute Karten, denn wir wissen, wie man große Stückzahlen in sehr guter Qualität weltweit fertigt. Und wir sind auf einem guten Weg, uns die neuen Technologien für die elektrifizierte Mobilität zu erschließen.

Es gibt noch andere, völlig neue Konkurrenten. Google will das Auto vernetzen, Apple vielleicht sogar ein eigenes bauen ...

... und auch das nehmen wir ernst. Diese neuen Wettbewerber haben einen großen Vorteil: Sie müssen keine bestehende Technologie transformieren. Die können bei null anfangen und haben außerdem riesige Kapitalreserven.

Diese Konzerne machen im Internet Gewinne, von denen Volkswagen nicht einmal träumen kann. Warum wollen die ins Auto?

Weil es ein sehr attraktiver Zukunftsmarkt ist. Das Auto wird Teil des Internets. Wir sprechen inzwischen von der „Automotive Cloud“. Wenn irgendwann alle Autos im Netz sind, dann wird das Internet noch größer, wichtiger und wertvoller. Die Menschen werden dann doppelt so viel Zeit im Internet verbringen. Das ist für die IT-Konzerne ein riesiger Anreiz. Die investieren Milliarden, um an diese Zeit heranzukommen.

Und Volkswagen will diese Zeit auch haben?

Wir konkurrieren nicht mit den IT-Konzernen, aber beim Thema Mobilität wollen wir der bessere Dienstleister sein. Nur so können wir die Position sichern, die wir als traditioneller Autohersteller erreicht haben. Wir müssen uns von der alten Welt lösen und konsequent neu denken. Das müssen im Übrigen alle Autobauer, und nicht jeder wird es schaffen.

Wer sich heute ins Auto setzt, erlebt oft noch eine alte Welt. Neben Plattformen von Apple oder Google wirken die serienmäßigen Navigations- und Infotainmentsysteme altbacken – schon in der Ergonomie.

Die Ergonomie und die Benutzeroberfläche bekommen wir hin, da sind wir auf einem guten Weg. Aber die IT-Konzerne besitzen unglaublich viele Kundendaten und das Wissen, wie man diese Daten nutzt. Wenn Google und Co. auch noch den direkten Draht zum Autofahrer besetzen, dann machen die das Geschäft mit dem Auto. Wir haben vielleicht noch ein bis zwei Jahre, um diese Schnittstelle selbst zu besetzen. Der I.D. wird deshalb ständig online sein.

Dann loggt er sich also ein, der I.D. – und nicht Google, sondern VW sammelt meine Daten?

Die Frage ist aber, was man damit macht. Wir haben noch nicht über Sicherheit gesprochen: Dank Vernetzung und automatisiertem Fahren wird es im Jahr 2030 kaum noch Verkehrsunfälle geben. Die dafür notwendigen Umfelddaten wird man – natürlich anonymisiert – teilen müssen. Aus anderen Daten kann man Komfortdienste machen. Das Auto registriert zum Beispiel eine leere Parklücke, gibt diese Information weiter und wir stellen sie dann Fahrern zur Verfügung, die dort gerade einen Parkplatz suchen. Auch das funktioniert anonymisiert. Und dann gibt es persönliche Daten, die nur den Kunden etwas angehen. Deren Verwendung muss der Kunde im Vorfeld zustimmen. Eins ist jedenfalls sicher: Wir werden uns und unsere Kunden nicht anderen ausliefern.

Das Tempo im Silicon Valley ist legendär, die Verkrustung in Wolfsburg auch. Wie will Volkswagen in diesem Rennen mithalten?

Wir müssen agiler und schneller werden. Ich halte Volkswagen in der Tat für reformbedürftig, aber auch für reformfähig. Wir haben in den vergangenen Monaten schon viel bewegt. Die Organisation ist flexibler geworden, viele Manager haben mehr Freiheit bekommen und übernehmen gerne mehr Verantwortung.

Lief in den vergangenen Jahren wirklich jede Kleinigkeit über die Konzernspitze?

Ich bin ja noch nicht so lange dabei, aber Volkswagen ist sicher sehr hierarchisch geprägt. Viele Kollegen haben anfangs darauf gewartet, dass ich alle Entscheidungen treffe. Das ändert sich langsam. Ich will als VW-Chef nicht jede Entscheidung selbst treffen.

Im Moment sprechen Sie mit dem Betriebsrat über den Zukunftspakt. Auch das scheint mühsam zu sein.

Der Pakt muss ein großes Reformprogramm werden, das geht nicht von heute auf morgen. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob wir es schaffen. Ich bin recht optimistisch, die Verhandlungen verlaufen inzwischen sehr konstruktiv. In der aktuellen Verfassung ist Volkswagen jedenfalls nicht zukunftsfähig.

Was muss passieren, um das zu ändern?

Ein großes Thema ist die Profitabilität. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Marke Volkswagen ertragsschwach ist. In den nächsten Jahren müssen wir jedoch Milliardenbeträge in neue Elektroautos und digitale Dienste investieren. Und die Aufarbeitung der Diesel-Thematik kostet uns weitere Milliarden. Ohne den Konzern mit seinen anderen Marken wäre die Marke Volkswagen derzeit in einer fast aussichtslosen Situation. Im Alleingang hätten wir nicht genug Kapital, um den Wandel zu bewältigen. Wir müssen mit unseren Autos wieder mehr Geld verdienen. Bis 2020 wollen wir die Produktivität um bis zu 25 Prozent steigern.

Wie viele Arbeitsplätze werden dabei auf der Strecke bleiben?

Zunächst mal: Es wird bei Volkswagen keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Sicher wird die Mitarbeiterzahl im Jahr 2020 niedriger sein als heute. Die demografische Kurve hilft uns da, die geburtenstarken Jahrgänge kommen jetzt langsam ins Rentenalter. Zudem haben wir das Instrument der Altersteilzeit. Wir werden Mitarbeiter auch gezielt umschulen und sie damit fit machen für neue, zukunftsfähige Aufgaben.

Das klingt so einfach. Auf einer Betriebsversammlung sind Sie jüngst ausgebuht worden.

Das war sicherlich eine emotionale, aber inhaltlich gute Versammlung. Auch der Betriebsratsvorsitzende hat dort eindringlich auf den notwendigen Wandel hingewiesen. Überhaupt nehme ich Herrn Osterloh als sehr unternehmerisch wahr, und ich spüre auch in den Werkhallen eine große Bereitschaft, die Herausforderung anzunehmen. Die nächsten Jahre werden sicher sehr anstrengend, aber der Umbau ist für Volkswagen auch eine riesige Chance.

 Interview: Stefan Winter

Von Stefan Winter

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