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Abgas-Affäre: Bernd Osterloh im WAZ-Interwiev

Volkswagen Abgas-Affäre: Bernd Osterloh im WAZ-Interwiev

Volkswagen steckt in der größten Krise seiner Unternehmensgeschichte. Die WAZ sprach mit VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh über die Folgen der Abgas-Affäre für das Unternehmen und die Beschäftigten.

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VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh: "Derzeit sehen wir noch keine Auswirkungen auf Arbeitsplätze."

Quelle: Archiv

WAZ: Herr Osterloh, sind aus Ihrer Sicht durch den Abgas-Skandal Arbeitsplätze bei Volkswagen akut gefährdet? Müssen die Mitarbeiter am Ende die Zeche zahlen.

Osterloh: Derzeit sehen wir noch keine Auswirkungen auf Arbeitsplätze. Aber wir beobachten die Situation als Betriebsrat natürlich täglich genau. Eines ist für uns ganz klar: Als Betriebsräte werden wir alles tun, damit unsere Kolleginnen und Kollegen am Ende nicht die Zeche für das zahlen, was Manager angerichtet haben. Klar ist aber auch: Das was hier passiert, wird nicht spurlos an Volkswagen vorbei gehen. Vor uns liegen noch unklare finanzielle Belastungen in Milliardenhöhe. Deshalb hat der Vorstand bereits eine Rückstellung über 6,5 Milliarden Euro vorgenommen. Wir werden mit dem Vorstand jetzt hart darum ringen, an welchen Stellen wir Investitionen einsparen können. Gleichzeitig sage ich aber auch: Das ist eine Aufgabe, die Belegschaft, Management und Vorstand gemeinsam schaffen müssen. Für Volkswagen, unsere Arbeitsplätze und Standorte. Oberste Aufgabe ist es jetzt für das Management, dass es unseren betroffenen Kunden Lösungen anbietet. Und wir erwarten, dass hierzu eine ganz persönliche Ansprache unserer Kundinnen und Kunden stattfindet. Ein Brief reicht da als Entschuldigung nicht aus. Wir müssen größtmöglichen Komfort und Ansprechbarkeit schaffen.

WAZ: Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Osterloh: Es gibt Angst, Verunsicherung, aber auch Wut und völliges Unverständnis, wie so etwas geschehen konnte. Und die Kollegen bringen uns als Betriebsrat ein hohes Vertrauen entgegen, dass wir uns gerade jetzt für sie, aber auch für unser Unternehmen einsetzen. Die Kolleginnen und Kollegen wollen gerade jetzt etwas tun, um deutlich zu machen: Volkswagen ist genauso entsetzt von den Manipulationen wie die Öffentlichkeit. Keiner von uns hat Verständnis für Verstöße gegen geltendes Recht oder Umweltstandards. Das passt nicht in das Weltbild bei Volkswagen. Trotzdem stehen wir hinter unserem Unternehmen und unseren Produkten. Das wollen wir auch auf der Betriebsversammlung am kommenden Dienstag in Wolfsburg durch eine gemeinsame Aktion deutlich machen.

WAZ: Was wurde bisher unternommen, um die Aufklärung voranzutreiben?

Osterloh: Volkswagen arbeitet unter Hochdruck an der Aufklärung und auch an Lösungen, die wir unseren Kunden zeitnah anbieten wollen. Der Aufsichtsrat hat gleichzeitig die amerikanische Kanzlei Jones Day mandatiert, um eine unabhängige Aufklärung der Vorgänge sicherzustellen. Damit ist garantiert, dass das ohne Ansehen von Personen geschieht. Und das sage ich auch ganz klar: Als Betriebsrat waren wir es, die unmittelbar nach Bekanntwerden der Manipulationen personelle Konsequenzen gefordert haben. Wer sich daran beteiligt hat, dass Volkswagen in die schwerste Unternehmenskrise seiner Geschichte gestürzt wurde, der darf nicht auf unser Verständnis hoffen. Was hier angerichtet wurde, ist ein Desaster und muss allein schon deshalb mit aller Offenheit aufgeklärt werden. Die Aufarbeitung eines mehrere Jahre umfassenden Zeitraums wird eine Weile in Anspruch nehmen.

WAZ: Alle fragen sich, warum VW überhaupt getrickst hat. Ist das auch eine Frage des Führungsstils gewesen, von der Konzernspitze abwärts? War der Druck im Unternehmen zu groß?

Osterloh: Wissen Sie, als Betriebsrat haben wir nicht erst seit gestern Veränderungen eingefordert, auch wenn einige jetzt überrascht tun, dass wir die Frage der Unternehmenskultur thematisieren. Wir haben neue Strukturen eingefordert, weil wir klar gesehen haben, dass Volkswagen so auf Dauer nicht mehr zu führen ist. Das hat auch etwas mit der Unternehmenskultur zu tun. Der Effizienzordner gehört im Übrigen auch zu der Frage der Unternehmenskultur - und das haben wir in diesem Zusammenhang auch thematisiert. Im Effizienzordner befinden sich nämlich keine Vorschläge des Betriebsrats, sondern der Belegschaft. Vorschläge, mit denen sich normale Kolleginnen und Kollegen, aber auch Führungskräfte bisher nicht durchsetzen konnten, weil ihnen keiner zugehört hat. Deshalb haben wir die Vorschläge gebündelt und sind damit direkt zum Vorstand. Unsere Kritik ist also nicht neu. Und wir werden an dem Thema dran bleiben. Jetzt erst recht. Wobei: Mit Herrn Müller bin ich guter Dinge, dass sich das ändern wird.

WAZ: Der Aufsichtsrat hat auch einen Umbau des Konzerns auf den Weg gebracht. Wie beurteilen Sie das?

Osterloh: Zunächst einmal sind wir sehr zufrieden, dass die neuen Konzernstrukturen verabschiedet worden sind. Wir haben das seit September 2014 gefordert und haben dazu auch dem Vorstand und dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden konkrete Vorschläge gemacht. Volkswagen wird durch die neuen Strukturen die Entscheidungsgeschwindigkeit erhöhen. Wir werden Synergien konsequenter heben und wir werden Verantwortlichkeiten zwischen Marken und Konzern richtig verteilen. Unsere Marken werden mehr Einfluss auf ihre Produkte haben, mehr Entscheidungen eigenverantwortlich treffen können. Gleichzeitig werden wir die Zentrale in Wolfsburg stärken, wenn es darum geht, Synergien zu heben und Grundsatzentscheidungen zu treffen. Mehr Verantwortung geht auch in unsere Regionen. Sie werden Regionsvorstände erhalten, die besser auf Kundenwünsche und spezifische Wünsche der großen Märkte reagieren können. Wir setzen das Prinzip jetzt endlich um: „So viel Zentralität wie nötig, so viel Dezentralität wie möglich.“ Im Sinne unserer Kunden und unseres Unternehmens.

WAZ: Was sind die wichtigen Veränderungen für die Marke Volkswagen?

Osterloh: Zum einen wird künftig Herr Vahland (der bisherige Skoda-Vorstandsvorsitzende; Anm. d. Red.) die Region Nordamerika führen. Das ist gerade in der jetzigen Phase wichtig. Wir stärken Nordamerika damit und wir werden auch dort alles unternehmen, um unseren Kunden das Vertrauen in Volkswagen zurück zu geben. Ich verstehe die vollkommene Entrüstung in den USA. Und die Menschen haben recht. Wir als Beschäftigte teilen diese Entrüstung. Trotzdem haben wir tolle Ingenieure, die unter Einhaltung von Recht und Vorgaben hervorragende Autos entwickeln. Und wir werden alles dafür tun, damit das Vertrauen in unser Unternehmen zurückkehrt. Auch in den USA. Außerdem bündeln wir jetzt endlich alle Komponentenwerke im zuständigen Vorstandsbereich unter Herrn Schmall. Zu den zehn Standorten, die er bisher verantwortet hat, kommen 16 weitere Standorte hinzu. Und Herr Schmall wird künftig auch die Komponente im Konzern koordinieren. Im Auftrag des Vorstandsvorsitzenden. Das wird den Bereich weiter stärken und bietet die Chance der Weiterentwicklung der Komponente. Wir diskutieren das unter der Überschrift Komponente 2.0. Sie sehen: Wir stellen bereits die Weichen, um Volkswagen fit zu machen für die schwierige Zeit, die vor uns liegt. Dabei hat die Sicherheit der Arbeitsplätze für uns als Betriebsrat oberste Priorität.

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