Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Schneeregen

Navigation:
Aktuell Geduldsfaden-Zerrung

VfL Wolfsburg Geduldsfaden-Zerrung

Zwei Trainerwechsel, ein neuer Manager, die Veröffentlichung unanständig hoch scheinender VfL-Gehälter und ein klares Verpassen des internationalen Wettbewerbs: Die vergangene Saison verlangte den Anhängern des Wolfsburger Fussball-Bundesligisten einige Leidensfähigkeit ab. Vor der neuen Spielzeit gibt es allerdings reichlich Mutmacher.

Voriger Artikel
„Es war noch nicht alles bei 100 Prozent“
Nächster Artikel
"Wir müssen kleine Schritte gehen"

Ein Ausblick von Andreas Pahlmann

Es war im vergangenen März, drei Tage nach dem 1:1 des VfL Wolfsburg gegen Düsseldorf, als ich Micha beim Elektrohändler traf. Micha, der immer in der Nordkurve steht, der gegen den modernen Fußball und das Diktat des Bezahlfernsehens schimpft, schloss gerade ein Sky-Abo ab.

Wie jetzt?

„Mir reicht‘s einfach", sagte Micha. „Ich geh‘ nicht mehr ins Stadion, es wird einfach nicht besser." Außerdem sei er jetzt 30 geworden, dann könne man alles mal ruhiger angehen lassen. Und man müsse ja auch nicht mehr jedes Auswärtsspiel mitmachen, in dieser Saison geht sowieso nichts mehr mit Europa und so. Und überhaupt, nach dieser ganzen Spieler- und Trainer-Wechselei falle es ihm immer schwerer, sich über Niederlagen zu ärgern und über Siege zu freuen.

Das 1:1 gegen Düsseldorf fiel in eine Phase, in der der VfL machen konnte, was er wollte – es gab einfach keinen Heimsieg. Und Micha, dessen Fanseele ohnehin schon wund war, hatte einfach keine Lust mehr. „Nach dem Spiel", so erzählte er, „habe ich das erste Mal seit Jahren wieder an Olaf Lüttkenhaus gedacht." Das sei in den letzten 20 Jahren der einzige Spieler des VfL gewesen, dessen Vornamen er sich nicht habe merken können – bis jetzt. Orozco? Hasani? Medojevic? „Johann? Fersi? Bojan? Keine Ahnung", sagte Micha. „Das ist doch ein schlechtes Zeichen."

Lüttkenhaus spielte vor 17 Jahren beim VfL und heißt mit Vornamen eigentlich Oliver. Micha war damals 13 und stand am Elsterweg neben seinem großen Bruder in Block A. Er konnte Piotr Tyszkiewicz buchstabieren und wusste, dass sich Detlev Dammeir mit v schreibt. „Damals hat sich VW für den VfL nicht interessiert", stellte Micha noch kurz fest und verließ mit dem neuen Receiver unterm Arm den Laden.

Was wollte er denn jetzt damit sagen?

Wahrscheinlich, dass er sich als Fan danach sehnt, wieder für und mit einem Verein zu leben und zu leiden, der ein normaler Verein ist – zumindest soweit das in Wolfsburg möglich ist. Stattdessen war der VfL seit der Meisterschaft eher eine künstlich aufgepeppte VW-Betriebssportgruppe, von der viel zu viel Geld für viel zu wenig Erfolg ausgegeben wurde – und in der zur Transferzeit ähnlich viel Fluktuation herrschte wie an der Wache Sandkamp beim Schichtwechsel. Oder anders gesagt: Wenn die Transferfenster öffneten, herrschte in Wolfsburg Durchzug. Das alles hat tierisch genervt, vor allem Fans wie Micha.

Wenn die Geduld ein Faden ist, der reißen kann, dann leidet Micha seit der vergangenen Rückrunde an einer akuten Geduldsfaden-Zerrung. Und nicht nur er.

Acht. Fünfzehn. Acht. Elf. Das waren die Tabellenplätze des VfL seit der Meisterschaft 2009. Zu wenig für die Ansprüche von VfL-Eigner Volkswagen, zu wenig für die Fans. Seit November ist Klaus Allofs Manager beim VfL, seit Jahresbeginn ist Dieter Hecking Trainer. Der eine hat 13 Jahre lang in Bremen aus wenig oft viel gemacht, der andere zuletzt in Nürnberg für Ruhe und Kontinuität gesorgt. In Wolfsburg steht das neue Führungsduo vor allem für eines: für eine neue Bescheidenheit.

Und so war der Transfer-Sommer in Wolfsburg vergleichsweise ruhig – es gab nicht nur weniger Neuverpflichtungen als sonst, es gab auch weniger Schlagzeilen um mögliche Kandidaten, Absagen, Transfersummen, aussortierte Spieler oder einen aufgeblähten Kader mit so vielen Namen, dass man sich unmöglich alle merken kann. Allofs hat behutsam sortiert. Wer zuletzt nicht überzeugt hatte (wie Simon Kjaer), durfte gehen, wer verliehen war, fand eine neue Perspektive (wie Sebastian Polter), wer weg wollte, durfte gehen (wie Fágner), wer keinen Vertrag mehr bekam, musste sich was Neues suchen – wie etwa Alexander Madlung, der bis dahin dienstälteste VfLer. Und die Anzahl der Neuzugänge blieb überschaubar.

Zur Bescheidenheit passt auch die Zielsetzung für die neue Saison. Er wäre nicht überrascht, wenn der VfL im oberen Drittel landet, sagte Allofs. Viel defensiver kann man Platz sechs als Ziel nicht umschreiben. Bei Hecking klingt es ähnlich, er spricht von einem „Weg der kleinen Schritte" (siehe Seite 14) und ließ sich erst bei der Saisoneröffnungs-Party vor den Fans dazu hinreißen, vorsichtig von Rang fünf zu reden. Und so ist der VfL zwar dank VW noch immer ein extrem potenter Bundesligist, will das aber irgendwie im Moment gar nicht sein. Ein bisschen ducken, ein bisschen klein machen, um das Image des erfolglosen, neureichen Gernegroß wieder etwas zu korrigieren. „Ich finde diese Ruhe toll, weil wir dadurch gezielt arbeiten können", sagt Francisco Garcia Sanz, VW-Vorstand und Aufsichtsratsvorsitzender der VfL-GmbH. „Der VfL soll für einen erfolgreichen und sympathischen Verein stehen."

Ein weiter Weg und ein schwieriger Spagat. Denn einerseits ist es vielleicht gar nicht so wahnsinnig wichtig, in der neuen Saison wirklich den Sprung auf Platz fünf oder sechs zu schaffen – viel wichtiger ist es, der Mannschaft wieder eine Struktur und eine Identität zu geben, ihr dazu so viel Kontinuität zu verschaffen, dass sich eingefleischte Fans wieder alle Vornamen merken können. So gesehen wären die Trainingsleistungen eines Maximilian Arnold vielleicht wichtiger als die Transfergerüchte um Luiz Gustavo. Andererseits ist da der gezerrte Geduldsfaden der Fans. Sie würden gern endlich mal wieder eine Saison erleben, in der der VfL über den Erwartungen bleibt und nicht schon wieder darunter. Und wenn es Richtung Liga-Spitze gehen soll, sind Hochkaräter auf dem Transfer-Radar dann doch wieder mindestens genauso wichtig wie die Entwicklung der eigenen Talente.

Wie kommt man aus diesem scheinbaren Widerspruch raus? Vielleicht so: Der Kader, mit dem der VfL in die neue Saison geht, erlaubt Perspektiv-Fantasie. Mit Abwehrmann Robin Knoche und dem hochtalentierten Arnold stehen zwei Eigengewächse des VfL auf dem Sprung in die Stammelf; Diego, Ivan Perisic und Vieirinha sind herausragende Offensiv-Größen der Bundesliga; Naldo ist hinten eine Bank. Dass Hecking daraus eine Mannschaft basteln kann, hat die vergangene Rückrunde gezeigt, als der VfL zuletzt zehn Spiele in Folge ungeschlagen blieb. Jetzt muss der Trainer zeigen, dass er seine Spieler besser machen kann. Damit es keiner schlimm findet, dass Pirmin Schwegler und Heung-Min Son nicht nach Wolfsburg wollten, weil man ja Slobodan Medojevic und Bas Dost hat. Heckings Vorteil dabei: Das Team ist eingespielt. „Wir haben", so der Trainer, „ja keinen Abgang aus der Stammelf gehabt." Ein VfL-Kader, in dem sich fast alle Spieler schon kennen – das hatte es in den vergangenen Jahren eher selten gegeben. Und: Der VfL scheint zu wissen, dass er bei seinen Fans ein bisschen in der Schuld steht, gab sich zugänglich, offen, suchte Fankontakt bei jeder sich bietenden Gelegenheit. „Das ist Volksnähe, wie es sich für Volkswagen gehört", meint Hecking lachend. „Aber letztendlich geht es darum, dass wir attraktiven Fußball spielen wollen."

Bei der Analyse zum Saisonstart hat der TV-Sender „Sky Sport News HD" den VfL auf Platz vier getippt, die Redaktion von „11 Freunde" sieht in ihrer Tipp-Tabelle die Wolfsburger auf Rang fünf, auf dem selben Platz liegt der VfL bei fast allen großen Wett-Anbietern. Der „Kicker" prognostiziert, dass Heckings Team um die Europa-League-Plätze mitspielen wird. Realistisch? „Erstmal", so Spielmacher Diego, „müssen wir den Respekt der Leute vor unserer Leistung gewinnen."

In Einzelfällen klappt das schon ganz gut. Beim letzten Testspiel gegen Marseille gab‘s einen 2:0-Sieg, eine überzeugende Leistung – und Fans, die bereit waren, auch kleine Erfolge wie schöne Doppelpässe und erfolgreiche Grätschen zu bejubeln.

Kurz nach dem Abpfiff treffe ich Micha hinter der Nordkurve der VW-Arena. „Medojevic?" – „Slobodan!" antwortet er blitzschnell. „Koo?" – „Ja-Cheol!" „Orozco?" – „Verkauft". Und was ist mit dem Sky-Abo? „Och", sagt er, „war ganz okay, auch mal VfL-Heimspiele im Fernsehen zu sehen. Wurde ja irgendwie auch immer besser." – Und was heißt das? Grinsend zeigt er mir seine nagelneue Dauerkarte. „Wenn man richtiger Fan ist, dann reißt der Geduldsfaden nicht so schnell."

  • Der Text erscheint im Bundesliga-Sonderheft 2013/14 der AZ/WAZ am 6. August 2013
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Vergleiche die Wettquoten für Spiele vom VfL Wolfsburg bei SmartBets.