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VfL Wolfsburg Alex Madlung: "Es geht immer ums Durchsetzen"
Sportbuzzer VfL Wolfsburg Alex Madlung: "Es geht immer ums Durchsetzen"
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23:05 08.02.2013
"Es geht immer ums Durchsetzen": VfL-Verteidiger Alex Madlung (l.) im Gespräch mit WAZ-Sportredakteur Andreas Pahlmann.

WAZ: Es ist nicht ganz einfach, im Internet die genaue Abfolge Ihrer Vereine in der Jugend zu finden. Sie waren offenbar erst...
Madlung: Ölper, Eintracht, Wolfsburg, Eintracht, Hertha.

WAZ: Wieso zwischendurch Wolfsburg?
Madlung: Eintrachts B-Jugend war abgestiegen.

WAZ: Aber als Jugendspieler muss man doch dann nicht zwingend wechseln.
Madlung: Das habe ich damals anders gesehen. Ich war ja in einem Alter, in dem Weichen gestellt werden. Und da wollte ich eben so hochklassig spielen wie möglich. Nach eineinhalb Jahren beim VfL bin ich dann ja zurück. Und dann kamen die Angebote für die A-Jugend von Hertha und von Gladbach.

WAZ: Sie haben offenbar früh gewusst, was Sie wollen.
Madlung: Ja.

WAZ: Warum haben Sie sich für Hertha entschieden?
Madlung: Ich kannte die Stadt schon, weil meine Brüder dort lebten und ich teilweise meine Ferien da verbracht habe. Sportlich wäre es in Gladbach womöglich einfacher gewesen, der Verein war gerade in die 2. Liga abgestiegen und hatte wenig Geld für neue Spieler.

WAZ: Stimmt es, dass Sie zu Beginn Ihrer Profi-Karriere noch gar keinen Führerschein hatten?
Madlung: Ja, das war aber nicht schlimm, ich wohnte nicht weit weg vom Trainingsgelände. Der Fußball ließ damals wenig Zeit für andere Dinge, da dauerte es eben etwas länger mit den Fahrstunden.

WAZ: Und als Sie den Führerschein dann hatten, gab‘s gleich Vollgas - Sie sollen in einem Jahr unglaubliche 300 Strafzettel gesammelt haben.
Madlung: Wo diese Zahl herkam, weiß ich bis heute nicht. Die Zeitungen haben da irgendwas rausgehauen, was nicht nachvollziehbar ist.

WAZ: Fahren Sie denn heute ruhiger Auto als damals?
Madlung: Nein, eigentlich nicht. Im Alter gewinnt man Erfahrung dazu, das ist schon alles.

WAZ: Und wird ruhiger?
Madlung: Klar. Aber das klingt jetzt so, als wäre ich früher unruhig gewesen. War ich ja gar nicht.

WAZ: Aber Sie hatten dieses Image.
Madlung: In Berlin bekam man damals von der Presse schnell irgendein Image verpasst, das ging nicht nur mir so, auch anderen jungen Spielern. Hertha hat damals auch viel zu wenig dagegen unternommen, die jungen Spieler zu wenig geschützt.

WAZ: Wo wir gerade beim Image sind - Sie gelten als eher rustikaler Verteidiger, der gern mal die Bälle lang raushaut...
Madlung: Das gehört ja zum Innenverteidiger dazu. Gerade wenn man auf meiner Position immer nur den klugen Pass spielen will, kann das mal auch ganz klug nach hinten losgehen. Aber klar, zum modernen Spiel gehört der ruhige Aufbau über den Innenverteidiger schon dazu, das muss man können.

WAZ: Können Sie‘s?
Madlung: Ich glaub‘ schon. Armin Veh hat das damals verlangt, auch Dieter Hecking will ja, dass ein Innenverteidiger als Anspielstation für den Aufbau da ist.

WAZ: Ihr Vorbild war immer der englische Profi Vinnie Jones, der als Prototyp des eisenharten, oft auch unfairen Verteidigers galt und nicht umsonst „The Axe“, die Axt, genannt wurde.
Madlung: Ich mochte seine Art zu spielen - vor allem, weil er beim FC Wimbledon mit einer Mannschaft voller unbekannter Spieler Erfolg hatte.

WAZ: Allerdings - vorsichtig formuliert - mit eher unschönem Fußball...
Madlung: Wenn wir jetzt in Fürth gewinnen sollten, fragt in einem halben Jahr auch keiner mehr, ob‘s schön war - man wird dann nur noch wissen, dass wir gewonnen haben. Darauf kommt es im Fußball an.

WAZ: Vinnie Jones hatte nie ein Problem damit, sich als „Treter“ bezeichnen zu lassen. Was ist mit Ihnen?
Madlung: So hat mich noch keiner genannt, und ich bin auch kein Treter. Es gehört eben dazu, sich im Eins-gegen-Eins irgendwie durchzusetzen, so gewinnt man Spiele.

WAZ: Muss man dabei die Regeln des Erlaubten ab und zu ausdehnen?
Madlung: Klar. Es geht immer ums Durchsetzen. Auf dem Platz sind ja hinter mir nicht mehr so viele Spieler. Da heißt es dann manchmal eben „Entweder der Ball oder der Gegner“, das ist nunmal so. Was wäre denn die Alternative? Auf den Torwart verlassen und rufen: „Toi, toi, toi, Diego!“?

WAZ: Muss man für diese Einstellung zum Fußball ein besonderer Typ sein?
Madlung: Ich glaube ja. Eine gewisse Grund-Aggressivität ist nötig, die kann man wahrscheinlich auch nicht lernen.

WAZ: Woher kommt diese Grund-Aggressivität bei Ihnen?
Madlung: Ich weiß nicht. Vielleicht durch den Fußball und die Positionen, die ich da gespielt habe. Und weil ich durch meine Größe immer gut meinen Körper einsetzen konnte.

WAZ: Es gab in Ihren sechseinhalb Jahren beim VfL immer wieder Phasen, in denen Sie nicht erste Wahl waren. Fühlen Sie sich manchmal unterbewertet?
Madlung: Ich sage mal so: Der Konkurrenzkampf hier in Wolfsburg war schon sehr ungewöhnlich.

WAZ: Inwiefern?
Madlung: So viele Innenverteidiger wie der VfL Wolfsburg hat in den letzten Jahren kein anderer Verein eingekauft. Da musste man sich immer wieder dem Konkurrenzkampf stellen, und schon sind wir wieder beim Thema von eben: Es geht ums Durchsetzen. Es geht immer ums Durchsetzen.

WAZ: Fiel Ihnen das hier in Wolfsburg immer leicht?
Madlung: Naja, wie soll ich sagen - manchmal hatte man den Eindruck, dass die sportliche Führung hier lieber mit frisch verpflichteten Spielern gearbeitet hat als mit denen, die schon eine Weile da waren.

WAZ: War die Verbannung in die Reserve durch Felix Magath im Herbst der schwerste Moment?
Madlung: Ja. Weil es nicht nachvollziehbar war und weil ich keine Begründung bekam.

WAZ: Wie sehen Sie Magath heute? Immerhin sind Sie unter ihm Meister geworden - macht das nicht allen Ärger kleiner?
Madlung: Nur für einen begrenzten Zeitraum, das Leben als Fußballer geht ja auch nach einer Meisterschaft weiter.

WAZ: Sie waren oft schon so gut wie weg - gab es Momente, wo Sie auch gedanklich mit Wolfsburg schon abgeschlossen hatten?
Madlung: Einige.

WAZ: Als der Wechsel zum HSV 2009 schon als perfekt galt?
Madlung: Ja, auch.

WAZ: Fulham?
Madlung: Das bringt ja nichts, das jetzt alles aufzulisten.

WAZ: Aber es ist interessant, weil hier kein Spieler so oft schon so gut wie weg war.
Madlung: Aber dann war meistens der Trainer weg und ich noch da (lacht).

WAZ: Stimmt.
Madlung: Ja, ernsthaft: Nach den Phasen, in denen ich eine Weile nicht gespielt hatte, gab‘s meistens bald einen neuen Trainer, einen neuen Manager. Oder beides.

WAZ: Dass England Sie gereizt hätte, haben Sie nie verheimlicht.
Madlung: Das ist auch immer noch so, das ist mein Traum, das kann ich ja ruhig offen sagen. Nach zehn, elf Jahren Bundesliga wäre es toll, diese Erfahrung nochmal mitzunehmen. Sonst sage ich vielleicht irgendwann: Mist, warum hast du das nie gemacht?

WAZ: Ihr Vertrag läuft aus, Sie sind jetzt 30 - dann wäre eigentlich im Sommer ein guter Zeitpunkt...
Madlung: Das stimmt.

WAZ: Haben Sie womöglich schon irgendwo unterschrieben?
Madlung: (lacht) Das Einzige, was ich zuletzt unterschrieben habe, waren die neuen Rundfunkgebühren.

WAZ: Wann entscheidet sich Ihre Zukunft?
Madlung: Eigentlich will ich so schnell wie möglich Klarheit haben. Wenn es noch im Februar passiert, ist es gut, wenn es erst am Ende der Sommer-Transferzeit passiert, dann ist es eben so. Aber lieber wäre mir, wenn es schnell geht.

WAZ: Hat es für Sie eine Bedeutung, dass Sie der dienstälteste VfL-Profi sind?
Madlung: Es gibt ja mit Schäfer, Benaglio, Hasebe, Josué und mir eine Gruppe, die schon länger dabei ist, die auch die Meisterschaft geholt hat. Zwischen uns gibt es natürlich eine andere Verbindung als zu den Spielern, die erst ein halbes Jahr da sind.

WAZ: Sie sind Braunschweiger, kommen also aus der Region. Spielte das bei Ihrer Vereinstreue eine Rolle?
Madlung: Na ja, ich lebe hier quasi die Luxusversion meines Berufs. Ich kann in unmittelbarer Nähe zu meiner Familie und zu meinem Lebensmittelpunkt in der Bundesliga spielen. Allerdings hätte das im Ernstfall keine Rolle gespielt, wenn es darum gegangen wäre, die Karriere voranzutreiben.

WAZ: Wie lange soll die Karriere noch dauern?
Madlung: Solange der Körper mitmacht und ich Spaß habe. Wenn‘s zur Qual wird, höre ich auf.

WAZ: Sie haben bereits eine Immobilienfirma - ist das Ihre berufliche Zukunft?
Madlung: Ja, so sieht‘s aus.

WAZ: Wieso machen Sie das jetzt schon?
Madlung: Das fing als Geldanlage an. Und so eine Immobilie wirft ja oft erst nach zehn oder 15 Jahren etwas ab. Damit muss man also rechtzeitig anfangen, wenn man nach der Karriere davon leben will.

WAZ: Was genau machen Sie da?
Madlung: Investieren, vermieten, mit Banken reden, was so dazugehört.

WAZ: Dann ziehen Sie nach dem Training Anzug und Schlips an und verhandeln mit Bänkern über neue Häuser.
Madlung: (lacht) Ich kann auch im Trainingsanzug verhandeln, das ist kein Problem.