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Scoccimarro: Nächster Schritt zu Olympia 2020?

Judo Scoccimarro: Nächster Schritt zu Olympia 2020?

Am Freitag greift sie nach WM-Gold. Den größten Kampf, den kämpft Giovanna Scoccimarro aber schon. Wie immer. Den mit ihrer Aufregung. Denn die begleitet das Judo-Ass stets. Bis es losgeht.

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Giovanna Scoccimarro greift am Freitag nach WM-Gold.
 

Quelle: Boris Baschin

Tokio 2020 ist das Ziel

Zagreb. In Kürze wird sie 20, sie hat die Olympia-Teilnahme im Mutterland des Judo 2020 in Tokio im Visier. Am Freitag wartet in Zagreb eine weitere Herausforderung auf dem Weg dorthin: Die Weltmeisterschaft der U 21. Solche Meisterschaften beginnen für die Vize-Europameisterin der Erwachsenen Wochen vorher. Im Kopf. „Ein, zwei Wochen vorher befasse ich mich schon in Gedanken damit, wenn ich nicht bei der Arbeit oder beim Training bin.“ Dann kommt sie, die gewisse Aufregung. Die mache sie aber nicht nervös. „Ein wenig Aufregung ist gut, dann bleibt man fokussiert“, sagt sie.

Flugeinlage: Giovanna Scoccimarro (r.) träumt von Tokio.

Flugeinlage: Giovanna Scoccimarro (r.) träumt von Tokio.

Die Brüder gingen voran

Aufregung – die liegt vielleicht in den Genen. „Meine Mutter“, so erzählt sie, „hat mal gesagt, bis zur deutschen Meisterschaft schaut sie mir zu. Danach nicht mehr. Zu aufregend.“ In den Genen liegt vielleicht auch das Judo-Talent. Oder war es der Ehrgeiz? Ihre älteren Brüder Federico und Luigi sind Judoka, das Nesthäkchen schaute ihnen oft vom Mattenrand aus zu. Dann fing sie selbst im Grundschulalter an. Der erste Pokal? „Kann ich mich nicht mehr dran erinnern“, sagt sie. Es waren so viele. Und was war das erste große Judo-Erlebnis? „2012, mein erster deutscher Titel. Ich war krank, mir war übel, meine Mutter hat mich genötigt, unbedingt etwas zu essen, damit ich nicht völlig kraftlos bin. Ich hatte irgendwie gar keine Erwartungen. Und dann war ich am Ende deutsche Meisterin.“

Sie übt oft mit Männern

Der Judo-Hunger wurde größer. Sie wurde noch fünfmal deutsche Meisterin in ihren Klassen. 2014 war sie U-18-Europameisterin, im Frühjahr wurde sie bei den Erwachsenen Vize-Europameisterin, deshalb rechnet sich die 1,78 Meter große Athletin auch in Zagreb bei der Junioren-WM etwas aus. Als Weltranglisten-Neunte reist sie an. Aber sie warnt: „Diese Rangliste sagt nicht alles. Manche starten schon oft im Erwachsenenbereich, dann haben sie bei den Juniorinnen nicht so viele Punkte, stehen nicht gut in der Rangliste, sind aber gut.“ Könnte auch für sie selbst gelten. Sie besiegt nicht nur längst schon erwachsene Frauen wie bei der EM, beim MTV trainiert sie oft mit Männern. Einer ihrer vielen Trainer (Bundestrainer, Landestrainer, Mannschaftstrainer und Klubtrainer hat sie) ist das frühere VfL-Bundesliga-Ass Jens Dannies. „Von ihm habe ich viel gelernt. Und das Training mit Männern bringt viel. Nicht nur, weil die viel Kraft haben, sondern die bringen überraschende Sachen, die man bei Frauen nicht unbedingt erlebt. Diese Erfahrungen sind wertvoll.“

Dem MTV bleibt sie treu

Scoccimarro – bodenständig, bescheiden, selbstbewusst. Sie macht eine Ausbildung bei Volkswagen in Hannover-Stöcken. Zur Kauffrau für Büro-Management. Sie wohnt inzwischen in Hannover, trainiert dort am Stützpunkt. Sie bleibt in der 2. Liga allerdings auch in der kommenden Saison dem MTV Vorsfelde treu. Scoccimarro liebt diesen Sport. Das spürt man, wann immer man mit ihr über Judo spricht. Vielleicht ist sie deshalb so gut. Es gibt selten einen Tag ohne Training. Sie läuft mehrmals wöchentlich bis zu 16 Kilometer, denkt inzwischen daran, mal einen Halbmarathon zu absolvieren. Sie macht Judo-Training, übt inzwischen auch verstärkt am Boden, was sie nicht so mag, hängt sich im Krafttraining rein, was sie bis vor gut einem Jahr kaum gemacht hat. Das sollte die Konkurrenz nicht gerade beruhigen. Training, Training – der Wolfsburgerin macht es nichts aus. Im Gegenteil. „Kann ich nicht zum Training, fehlt mir etwas.“

Giovanna Scoccimarro im Interview mit der WAZ.

Giovanna Scoccimarro im Interview mit der WAZ.

Sie ist selbstbewusst

Scoccimarro ist selbstbewusst. In Zagreb, das sagt sie frei heraus, „will ich schon Gold holen“. Dafür wird sie vier oder fünf Kämpfe gewinnen müssen. An einem Tag. Jeder kann binnen Sekunden vorbei sein. Aber auch vier Minuten dauern. Oder in eine unbegrenzte Verlängerung bis zur ersten Wertung gehen. Geht der erste Kampf verloren, ist das Turnier vorbei. Danach kann es bei einer Niederlage wenigstens noch zu Bronze gehen. Die großen Wettkämpfe – „hart“, weiß Scoccimarro, „physisch, aber auch für den Kopf.“

Fünf Kilo müssen runter

Sie ist schon in Zagreb, ihre Eltern Martina und Domenico drücken daheim die Daumen. Der erste Kampf vor dem ersten Kampf läuft schon länger. Der mit der Aufregung. Der zweite Kampf hat auch begonnen. Der gegen ein paar Pfunde. Wie fast alle schwitzt sie sich jetzt auf ihr Kampfgewicht. 70 Kilo. „Normal wiege ich 74 bis 75 Kilo. Aber das Abnehmen geht ganz gut“, sagt die Lessienerin. Sie braucht dafür nicht einmal den sogenannten Schwitzanzug, den viele bevorzugen. „Ich schaffe es über Laufen und Ernährung.“

Viele Rituale

Der Wettkampf rückt näher, es geht an die Rituale. Da hat sie einige. Vier Glücksbringer, darunter „ein kaum noch erkennbares Marzipanschwein, das ich vor meinem ersten DM-Titel geschenkt bekommen habe“. Sie trägt zum Wettkampf seit Jahren immer das gleiche T-Shirt, die gleiche Hose muss mit, auch die immer gleiche Sorte Wasser. Unter anderem. Offenbar funktioniert’s. Zudem, so erklärt sie: „Ich habe Atemtechniken, mit denen ich mich einstimme.“ Und dann geht sie raus, auf die Tatami, die Judo-Matte. „Und dann bin ich eigentlich ruhig.“ Den ersten Kampf hat sie selten verloren. Aber verlieren, „das kann passieren, das gehört dazu. Und damit muss man umgehen können. Ist die Gegnerin besser, ist das kein Problem. Wenn ich aber richtig schlecht war, dann ärgert mich das ungemein. Oder wenn ich den Kampfrichterentscheid nicht richtig finde.“ Gab es schon schlimme Momente? „Klar. Zwei Wertungen vorn, nur noch zwölf Sekunden und noch verloren. Da kam beides zusammen. Aber am meisten habe ich mich über mich selbst geärgert.“

Von Jürgen Braun

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