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Der Höhenflug ist nicht vorbei

Bundesliga Der Höhenflug ist nicht vorbei

Nach 28 Jahren ist Eintracht Braunschweig zurück in der Bundesliga. Der Aufstieg ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Jetzt wird an der Hamburger Straße daran gearbeitet, dass dieser Höhenflug nicht abrupt endet.

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You can‘t start a fire without a spark“ – das stammt aus der Feder von Bruce Springsteen. Auf Deutsch bedeutet das so viel wie „Du kannst kein Feuer entfachen ohne einen Funken“. Die amerikanische Rock-Ikone will uns damit sagen, dass man Sachen in die Hand nehmen und Dinge anpacken muss, um etwas zu verändern. Als Springsteen das schrieb, spielte die Braunschweiger Eintracht noch in der Bundesliga. Es war Sommer 1984, als der Song „Dancing in the dark“ herauskam. Und es begann die Saison, an deren Ende der Abstieg in die 2. Liga stand. Damals glaubte keiner, dass die Rückkehr 28 Jahre dauern würde. Doch genau so kam es.

Während dieser Zeit pendelte der Verein zwischen Zweit- und Drittklassigkeit. Großer Fußball wurde plötzlich woanders gespielt. Doch im Mai 2008, kurz vor dem Fall in die Viertklassigkeit, war auf einmal dieser Funke da, den Springsteen 24 Jahre zuvor besungen hatte. Und seitdem brennt das Eintracht-Feuer wieder. Erst schafften die Blau-Gelben die Last-Minute-Quali für die 3. Liga, drei Jahre später stiegen sie in die 2. Liga auf, wo sie wiederum nur für zwei Saisons blieben. Die Zukunft heißt Bundesliga – zumindest für ein Jahr. Selbst wenn am Ende dieser Spielzeit wieder der Abstieg stehen sollte: Wieder annähernd auf Augenhöhe mit den besten Teams Deutschlands zu sein, ist schon eine Riesensache.

Dieser Erfolg hat viele Gesichter, doch das prägnanteste ist zweifelsohne das von Coach Torsten Lieberknecht. Seine Amtsübernahme im Mai 2008 war dieser Funke, der in den Jahren zuvor gefehlt hatte, es war die Initialzündung für den Höhenflug bis in die
1. Liga. Lieberknecht gab der Eintracht eine neue Identität. Eine, die auf der großen Tradition des Vereins aufbaut, diese als Fundament annimmt. Doch das Haus, das der gebürtige Pfälzer gemeinsam mit dem Sportlichen Leiter Marc Arnold darauf baut, ist modern. Und trotzdem auch irgendwie anders. Als es darum ging, ob der Stadionname verkauft werden sollte, stellte Klub-Präsident Sebastian Ebel klar, dass das nur in Frage komme, wenn der Name Eintracht-Stadion erhalten bliebe. „Wir haben lieber Geldgeber gesucht und gefunden, die es uns ermöglichen, den Namen zu erhalten. Ich denke, dass das mit Blick auf die Historie des Vereins die richtige Strategie ist“, so Ebel, der zugleich Aufsichtsrats-Chef ist. Dieses Beispiel zeigt: Tradition und moderner Fußball – das schließt sich nicht aus. Und in Braunschweig gehören beide Begriffe seit 2008 sogar fest zusammen.

Lieberknecht hat die Sache in die Hand genommen, hat Dinge verändert, die zuvor als gegeben hingenommen worden waren – ganz so, wie es Springsteen besungen hat. Der Ex-Profi ist obendrein ein großer Fan des US-Rockers, hat alle seine Platten, geht regelmäßig auf seine Konzerte. Und sie teilen sich einen Spitznamen: Wie Springsteen wird auch Lieberknecht zuweilen „der Boss“ genannt. Beide haben ihr Hobby zum Beruf gemacht, beide leben von Leidenschaft, von Emotionen. Springsteen auf der Bühne, Lieberknecht an der Seitenlinie. Und beide haben Überzeugungen, zu denen sie stehen, die sie nach außen hin gut verkaufen können. Das macht sie auch authentisch.

Doch dies alles liefe ins Leere, wenn nicht beide ihr Handwerk beherrschten. Wenn Springsteen keinen Ton aus seiner E-Gitarre herausbekäme, wenn Lieberknecht seinem Team nicht das passende Konzept, die richtige Taktik mit auf den Weg gäbe. „Das Fachwissen zählt. Ich habe als Spieler auch Trainer erlebt, die mir einfach kompletten Mist erzählt haben. Das merkt man ganz schnell“, sagt der Ex-Profi, der seine Ausbildung zum Fußball-Lehrer als Klassenbester abgeschlossen hat. Seine Spieler charakterisieren ihn als eine Mischung aus Kumpeltyp und akribischem Arbeiter. Einen, der an jedem Detail schraubt, um eine Verbesserung zu erzielen. „Torsten will nicht nur sportlichen Erfolg. Er will etwas formen und schaffen. Seine Handschrift ist zu sehen“, erklärt Kapitän Dennis Kruppke.

Der 33-Jährige ist auf dem Spielfeld der verlängerte Arm seines Trainers. Und er gehört zu der siebenköpfigen Gruppe von Profis, die bereits im Mai 2008 dabei waren, als dank Lieberknechts Eingreifen der Sturz in die Bedeutungslosigkeit gerade noch so verhindert werden konnte. Im neuen Kader für die Bundesliga stehen 13 Spieler, die bereits in der 3. Liga dabei waren. Kontinuität ist eines der großen Erfolgsgeheimnisse der vergangenen Jahre. Der Kader wird zwar jedes Jahr verändert, aber immer nur behutsam, um die Chemie innerhalb der Mannschaft nicht durcheinanderzubringen. Keiner ist größer als das Team – dieser Satz steht nicht umsonst in der Kabine der Blau-Gelben in großen Lettern an der Wand. Mögliche Neuzugänge müssen nicht nur auf dem Rasen überzeugen. Auch der Charakter muss stimmen. „Es gibt so eine Form von Profigehabe, das meine ich, auch am Telefon erkennen zu können. Eine Art, sich bitten zu lassen“, hat Lieberknecht mal in einem Interview erklärt. Öfters nimmt er seine Frau Simone daher mit zu Gesprächen. „Sie hat eine gute Menschenkenntnis“, erklärt der Eintracht-Coach.

Durch diesen Auswahlprozess ist eine Mannschaft entstanden und gereift, die mehr ist als nur eine bloße Zweckgemeinschaft. Die Spieler unternehmen in ihrer Freizeit viel miteinander, oft sind sie in großer Gruppe unterwegs. Einige verbringen sogar ihren wenigen Urlaub im Jahr gemeinsam. In Braunschweig ist der Satz „Elf Freunde müsst ihr sein“, der meist Ex-Nationaltrainer Sepp Herberger zugeschrieben wird, in Wahrheit aber viel älter ist, noch keine völlig entleerte Phrase. Lieberknecht nennt das Fußballromantik. Das kommt an, bei Fans wie auch bei Spielern. Marco Caligiuri ist einer von fünf Neuen, die in der Sommerpause für die Bundesliga geholt wurden. Der 29-Jährige ist in seiner Karriere schon herumgekommen, spielte in Stuttgart, in Duisburg, in Fürth und zuletzt in Mainz. Er kennt das Geschäft. Doch die ersten Wochen mit seinem neuen Team haben ihn überrascht. „Es ist nicht schwer, bei der Eintracht anzukommen“, erklärt Caligiuri. „Von meinen letzten Wechseln war ich es gewohnt, dass man einige Zeit braucht, um mit der Mannschaft warm zu werden. Hier ging das viel schneller.“

Lieberknecht und der Sportliche Leiter Arnold haben innerhalb des Vereins und des Teams Strukturen geschaffen, in denen sich die Profis zum einen wohlfühlen, die es zum anderen aber gleichzeitig ermöglichen, aus jedem Einzelnen das Bestmögliche herauszukitzeln. So ist es zu erklären, dass Spieler, die woanders auf dem Abstellgleis standen, weil ihnen dort der nächste Schritt nicht zugetraut wurde, zukünftig mit der Eintracht in der 1. Liga spielen werden. Ermin Bicakcic, Domi Kumbela, Mirko Boland, Marcel Correia – die Liste ließe sich noch ein gutes Stück verlängern. Auch auf die Neuzugänge Caligiuri, Torsten Oehrl (FC Augsburg) und Simeon Jackson trifft das mehr oder weniger zu. Letzterer bekam am Ende der Vorsaison keinen neuen Vertrag mehr beim Premier-League-Klub Norwich City. Mit Jan Hochscheidt (Aue) und Timo Perthel (Duisburg) sind zudem zwei Spieler dazugekommen, für die die Bundesliga Neuland ist.

Große Namen sucht man bei der Eintracht immer noch vergebens. Statt wie in der Vergangenheit viel Geld für Spieler zu bezahlen, die nicht zum Klub passten (Beispiel Paul Breitner), nach einem Jahr wieder weg waren (Beispiel Everson) oder gar nicht die nötige Qualität hatten (Beispiel Francis Barnecki), wird jetzt nur verpflichtet, wer hundertprozentig ins Konzept und in den Etat passt. „Das ist unser Weg und den gehen wir so weiter. Vernunft steht immer an vorderster Stelle“, erklärt Lieberknecht. Nur wenn die Gegenfinanzierung gesichert ist, wird in Braunschweig das Scheckbuch gezückt. Zu Beginn seiner Amtszeit ging es aufgrund der hohen Verschuldung gar nicht anders. Inzwischen ist die Eintracht jedoch schuldenfrei – und das soll auch so bleiben.

Dafür kann in der anstehenden Spielzeit die Mannschaft einen großen Beitrag leisten – indem sie den Klassenerhalt schafft. Für viele wäre das nicht weniger als ein Wunder. Für die meisten Beobachter ist die Eintracht der Abstiegskandidat Nummer 1. Dass die Blau-Gelben jedoch mithalten können, bewiesen sie in der Vorbereitung unter anderem beim Nordcup in Hamburg. Gegen Gastgeber HSV kam die Niederlage erst im Elfmeterschießen, gegen den VfL Wolfsburg wurde gar mit 2:1 gewonnen. „Ohne rosarot zu sehen, bin ich sehr zufrieden. Die Mannschaft ist mit großem Eifer und großer Konzentration dabei“, lobte Lieberknecht hinterher.

Die Spiele in der Vorbereitung haben einen Vorgeschmack auf die Art und Weise gegeben, wie die Eintracht in der Bundesliga bestehen will. Sie beherrscht mehrere Systeme, kann diese während der Partie fließend ändern. 4-2-2-2, 4-2-3-1 oder auch ein 4-1-4-1 – „diese Flexibilität ist eine unserer Stärken“, erklärt Angreifer Orhan Ademi. Eine weitere ist das blitzschnelle Umschalten nach Balloberung. Das stand besonders im Trainingslager im österreichischen Fügen auf dem Programm. So will Lieberknecht auch die Abwehrreihen der Bayern, der Dortmunder oder der Schalker knacken. Und wer den Eintracht-Trainer kennt, der weiß, dass er sich sicherlich noch die eine oder andere zusätzliche taktische Rafinesse ausdenken wird.

Das große Abenteuer Bundesliga beginnt mit einem Heimspiel gegen Werder Bremen. Dann wird sich erstmals zeigen, ob die Konzepte und Ideen von Lieberknecht und Arnold aufgehen. Oder wie es Bruce Springsteen ausdrücken würde: Ob das Feuer stark genug brennt. Genug Funken sind jedenfalls da.

Jetzt muss nur noch die Flamme am Leben erhalten werden.

  • Der Text erscheint im Extrateil „Eintracht Braunschweig“ im Bundesliga-Sonderheft 2013/14 der AZ/WAZ am 6. August 2013

Timo Keller

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