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Kellermann: „Und da geht es nicht ums Geld“

Frauenfußball-Bundesliga Kellermann: „Und da geht es nicht ums Geld“

Mit dem Bundesliga-Spiel gegen Bayer Leverkusen weihen die VfL-Fußballerinnen am Sonntag (14 Uhr) das AOK-Stadion im Allerpark ein. In der Rückrunde geht es für die Wolfsburgerinnen um Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League - wieder einmal. Wie Trainer Ralf Kellermann die Entwicklung sieht, verriet er WAZ-Sportredakteur Robert Schreier.

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Frauenfußball: VfL-Trainer Ralf Kellermann im WAZ-Interview

Quelle: Citypress24

WAZ : Am Sonntag findet das erste Pflichtspiel des neuen Jahres statt. Geht es gegen Leverkusen um drei Punkte oder mehr?

Kellermann : Wir müssen einfach mit drei Punkten starten, wir sind verpflichtet, alle Heimspiele zu gewinnen. Da darf es auch kein Argument sein, dass wir jetzt in einem anderen Stadion spielen. Wir wollen unsere beeindruckende Heimbilanz weiter ausbauen.

WAZ : Haben Sie Angst, dass es einen Heimkomplex im neuen Stadion geben kann?

Kellermann : Nein, absolut nicht. Wenn mich eine Spielerin danach fragt, sage ich ihr, dass wir nicht nur am Elsterweg, sondern auch in der Arena und auf Nebenplätzen gewonnen haben.

WAZ : Der VfL ist Tabellenführer und hat im DFB-Pokal sowie in der Champions League überwintert. Kurz gesagt: Es sieht so aus wie in den vergangenen Jahren auch. Was ist an der aktuellen Saison schwierig?

Kellermann : Ein großer Vorteil war, dass wir im vergangenen Sommer kein Turnier hatten. Außergewöhnlich ist, dass unsere Kapitänin nur 30 Minuten gespielt hat. Schwierig ist, dass wir so viele Abstellungsfristen für Nationalmannschaften haben wie noch nie. Das bedeutet, dass wir sehr oft keinen Einfluss auf den körperlichen und geistigen Zustand unserer Spielerinnen haben. Das darf man nicht unterschätzen.

WAZ : Sie sagen, erfolgreiche Arbeit sieht man nicht unbedingt im Trophäenschrank, sondern in der Entwicklung der Mannschaft. Wo hat der VfL in dieser Saison Fortschritte gemacht?

Kellermann : Wir haben eine überragende Balance zwischen Defensive und Offensive. Nur ein Gegentor bekommen zu haben, ist beeindruckend. Und wir haben an Souveränität und Ruhe zugelegt, wenn wir gegen Mannschaften spielen, die aufs Verteidigen aus sind. Da sind wir in unseren Mitteln flexibler geworden, den Gegner zu beherrschen und auch durch Kombinationsfußball auszuspielen.

WAZ : Träumen Sie als Trainer vom perfekten Spiel?

Kellermann : Als Trainer sieht man immer Dinge, die man verbessern kann. Und gerade im Frauenfußball ist trotz der rasanten Entwicklung viel Luft nach oben. Daher halte ich mich lieber an die Realität.

WAZ : Zur Entwicklung gehören auch personelle Veränderungen. Wie weit planen Sie einen Kader voraus?

Kellermann : In ein Zeitfenster möchte ich das nicht packen. Was es für uns interessant und mitunter schwierig macht, ist, dass es international nur noch eine Handvoll Spielerinnen gibt, die unseren Ansprüchen gerecht wird. Daher ist es mir immer sehr wichtig, dass ich frühzeitig ein Gerüst an Spielerinnen habe, das eine gewisse Qualität garantiert.

WAZ : Aber Topspielerinnen wissen schon, dass der VfL eine gute Adresse ist?

Kellermann : Ja, aber wenn man sich vor Augen führt, welchen Aufwand es gebraucht hat, um etwa ein Talent wie Caroline Hansen von Wolfsburg zu überzeugen... Und da geht es nicht ums Geld.

WAZ : Welche Rolle spielt Geld im Frauenfußball?

Kellermann : Natürlich geht es den Topspielerinnen, die bei uns sind, finanziell für Frauenfußball-Verhältnisse gut. Aber Nilla Fischer etwa haben wir nicht mit Geld zu einer Vertragsverlängerung überredet. Sie kann anderswo deutlich mehr verdienen. Da ist Geld einfach nicht wichtig. Da geht es darum zu sehen, dass hier Kontinuität herrscht und der Kader ausgewogen ist. Finanzkraft spielt bei anderen Dingen eine Rolle.

WAZ : In welchen?

Kellermann : Da geht es eher um Dinge wie Sicherheit. Also dass man seine Lizenz nicht nach einem Jahr abgeben muss, dass die Trainingsbedingungen gut sind, dass die Mannschaft rundherum gut betreut wird.

WAZ : In welche Richtung steuert der Frauenfußball international? Wird es immer mehr Vereine geben, die an die Spitze stoßen?

Kellermann : Nein, das glaube ich nicht. Die Bundesliga wird immer spannend sein. Da sehe ich vor allem, dass die Bayern ernst machen und mitbestimmend sein werden. International werden immer die Mannschaften aus Deutschland, Schweden und Frankreich in der Champions League stark sein. Dahinter entsteht eine Lücke. Wenn der VfL weiter so arbeitet wie bisher, wird er bei den Top-Mannschaften dabei sein. Aber wir dürfen die Entwicklung nicht verschlafen, müssen hellwach sein.

WAZ : Die Grundlagen sind da, der VfL hat sich Schritt für Schritt an die Spitze des Frauenfußballs entwickelt und genießt nun einen sehr guten Ruf - liegt die härteste Arbeit, von der Sie nun zehren, hinter Ihnen?

Kellermann : Die erste Schwierigkeit war, Topspielerinnen von Wolfsburg zu überzeugen. Dann kamen etwa Nadine Keßler, Lena Goeßling. Der zweite Schritt war, die großen Erfolge zu haben. Ganz schwierig war es dann, allen Außenstehenden zu beweisen, dass es keine Eintagsfliege war, sondern zu wiederholen ist.

WAZ : All das haben Sie geschafft...

Kellermann: Ja, und trotzdem gibt es jetzt neue Herausforderungen. Es geht immer darum, die Balance im Kader zu finden oder auch mal eine Nationalspielerin auf die Bank zu setzen. Aber damit gehe ich gern um.

WAZ : Und auch in dieser Saison sind wieder drei Titel möglich...

Kellermann : Die Meisterschaft hat für mich immer noch Priorität. Sie drückt eben die Stärke über eine ganze Saison aus. Aber ins Pokalfinale nach Köln zu kommen, wäre ein tolles Erlebnis. Oder die erste Mannschaft zu sein, die die Champions League dreimal in Folge gewinnt, ist auch ein besonderer Anreiz.

WAZ : Wir sprechen also über das absolut höchste Niveau Ihrer Sportart. Fühlt sich das für Sie auch genauso an - oder steht der Frauenfußball dafür doch zu sehr im Schatten der Männer?

Kellermann : In Wolfsburg habe ich nicht das Gefühl. Wir haben hier einen sehr hohen Stellenwert erreicht. Da schaue ich lieber zurück und mache mir bewusst, wo wir herkommen. Und ich sehe auch, wie viel man im Frauenfußball noch entwickeln kann. Daraus ziehe ich meine Motivation weiterzumachen.

WAZ : Und wenn da ein Profiverein käme und sie fragt, ob Sie in der ersten, zweiten oder dritten Männer-Liga Trainer vor 10.000, 15.000 Zuschauern sein wollen?

Kellermann : Damit habe ich mich nicht beschäftigt, weil diese Anfrage nicht kommen wird. Wenn ich tatsächlich solch einen Schritt machen wollen würde, wäre es denkbar, dass ich über meine Kontakte in ein bestehendes Trainerteam bei den Männern komme und dort mitarbeite. Dann müsste ich mir die Frage stellen, ob ich bereit bin, das einzutauschen, was ich jetzt habe. Und dazu gehört auch die große Gestaltungsmöglichkeit mit dieser Mannschaft und ihrem Umfeld.

rs

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