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„Ich hatte kaum noch Lust auf Fußball“

WAZ-Interview mit Lena Goeßling „Ich hatte kaum noch Lust auf Fußball“

Erst in einem tiefen Leistungs- und Motivationsloch, dann zwei Titel mit dem VfL und am Ende die wichtigste Spielerin beim Wolfsburger Frauenfußball-Bundesligisten: Hinter Lena Goeßling liegt ein besonderes Jahr. Über das sprach sie beeindruckend offen mit WAZ-Sportredakteur Robert Schreier.

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Im WAZ-Interview blickt VfL-Mittelfeldspielerin Lena Goeßling auf ein bewegendes Jahr zurück.

WAZ: Wie würden Sie 2014 für sich überschreiben?

Goeßling: Für mich war es ein besonderes Jahr. Zu Beginn war ich noch in der Phase, in der ich viel zu verarbeiten hatte.

WAZ: Wegen des Gewinns des Triples im Sommer 2013 und den folgenden persönlichen Auszeichnungen für Sie?

Goeßling: Ja, ich kannte so viel Erfolg ja gar nicht. Ich war in Sachen Fußball sowieso ein Spätzünder. Für mich war es sehr schwer, wieder in den Alltag zurückzufinden.

WAZ: Wie hatte sich das geäußert?

Goeßling: Ich hatte kaum noch Lust auf Fußball. Ich hätte eigentlich eine längere Zeit gebraucht, um abzuschalten. Doch die hatte ich nach den Erfolgen nicht.

WAZ: Dafür saßen Sie ungewohnt häufig auf der Ersatzbank...

Goeßling: Ja. Natürlich war ich in dem Moment nicht glücklich, dass ich nicht spiele. Ich wollte es nicht einsehen, dabei war ich ziemlich kaputt. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es wahrscheinlich die richtige Entscheidung war. Es war besser, dass jemand spielt, der motiviert ist. Und ich brauchte die Zeit draußen, um wieder Kraft zu sammeln.

WAZ: Haben Sie in der Situation überblickt, was das Beste für Sie ist?

Goeßling: Nein, das war alles neu für mich. Auch in der Nationalmannschaft lief es in der Phase nicht mehr so rund für mich. Ich hatte Angst, dass ich den Anschluss verliere und länger draußen sitze.

WAZ: Wer hat Ihnen in der Phase geholfen?

Goeßling: Die Teamkolleginnen waren immer da. Aber auch der Trainer war wichtig. Er hat mir alles erklärt und die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt gefunden.

WAZ: Wann hatten Sie das Gefühl, dass Sie das Tief überwunden haben?

Goeßling: Die Winterpause vor einem Jahr hatte mir schon gut getan. Ich wollte der Mannschaft wieder helfen. Dennoch lief es in den Spielen danach noch nicht rund. In der Endphase der Rückrunde war ich dann schon wieder auf einem guten Weg.

WAZ: Wie sah der aus?

Goeßling: Ich habe mich körperlich gut gefühlt. Und ich hatte wieder Lust, zum Training zu gehen - auch bei schlechtem Wetter. In der Sommerpause habe ich dann den letzten Schritt nach vorn geschafft.

WAZ: Weil Sie endlich mal wirklich eine Pause hatten?

Goeßling: Ja, ich konnte mit allen Ereignissen abschließen. Und es tat mir unheimlich gut, dass diesmal andere Spielerinnen im Mittelpunkt standen und nicht ich wie ein Jahr zuvor.

WAZ: Aber mit der Meisterschaft und der Champions League mussten Sie wieder zwei Erfolge verarbeiten...

Goeßling: Das stimmt, aber es war nicht mehr so neu. Und ich hatte im Sommer Zeit dafür. Ich habe weniger über Fußball gesprochen, ich konnte sogar die Männer-WM am Fernseher genießen. Ich habe mich mit Themen wie Familie, Freunde und Urlaub beschäftigt. Bis dahin hatte ich immer unterschätzt, wie angespannt man dauernd im Kopf ist. Wir haben immer Druck. Wir wollen beim VfL immer gewinnen - jedes Spiel. Da habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, abzuschalten.

WAZ: Und dann ging alles wie von allein?

Goeßling: Nein, aber mir war bewusst, dass ich mehr machen musste, um wiederzukommen. Der Unterschied war, dass ich auf alles Lust hatte, egal wie anstrengend die Vorbereitung war. Es war keine Qual mehr. Es fühlte sich wie ein Neuanfang an.

WAZ: In der Hinrunde haben Sie nicht nur stark gespielt, sondern mussten wegen der Verletzung von Kapitänin Nadine Keßler auch eine Führungsrolle übernehmen. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Goeßling: Dass Kessi den Ton angegeben hat, war für mich nie ein Problem. Als ich einen Teil davon übernehmen sollte, musste ich in die Aufgabe erst hineinfinden. Aber ich bin daran gewachsen, auch wenn mir das Reden auf dem Platz manchmal immer noch schwerfällt.

WAZ: Fast hätte es einen erneuten Rückschlag gegeben. Doch Ihre Fußverletzung stellte sich als harmloser heraus als zunächst gedacht. Wie groß war der Schreck zu Beginn?

Goeßling: Das war sehr schockierend. Man sagte mir, dass ich bis Weihnachten ausfalle. Ich sollte sechs Wochen an Krücken laufen. Ich hatte Angst, dass es sich sehr lange hinzieht. Aber der zweite Arzt hatte mir dann Hoffnung gemacht, und vom dritten bekam ich dann Entwarnung.

WAZ: Können Sie sich an diesen besonderen Moment noch erinnern?

Goeßling: Natürlich. Ich habe sofort die Krücken beiseite gelegt und richtige Schuhe angezogen, die ich mir vorsorglich ins Auto gelegt hatte. Inzwischen bin ich zwar noch nicht schmerzfrei, aber es ist fast überstanden.

WAZ: Sie haben im Jahr 2014 gleich zweimal Ihren Vertrag beim VfL verlängert. Hatten Sie angesichts Ihres Tiefs auch an etwas anderes gedacht?

Goeßling: Ja, ich habe mir Gedanken über einen Wechsel gemacht. Aber ich bin nicht der Typ, der ins Ausland geht.

WAZ: Warum?

Goeßling: Ich bin ein bisschen ängstlich, was die neue Sprache angeht oder ein anderes Umfeld. Außerdem habe ich hier meine Familie in der Nähe. Meine Eltern sind nicht mehr die jüngsten. Wenn dort etwas passiert, kann ich schnell hinfahren.

WAZ: Mit welchen Zielen gehen Sie ins Jahr 2015?

Goeßling: Ich hoffe, dass ich gut aus der Winterpause komme. Mit dem VfL möchte ich drei Titel gewinnen. Aber wenn‘s nur zwei werden, ist es auch okay.

WAZ: Glauben Sie, dass Sie noch einmal in ein so tiefes Loch fallen können?

Goeßling: Nein, das glaube ich nicht. Aber noch wichtiger ist: Wenn es doch passieren sollte, weiß ich jetzt, wie ich damit umzugehen habe.

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