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„Ich bin gern das Gesicht des VfL“

Das große WAZ-Interview mit Stürmerin Martina Müller „Ich bin gern das Gesicht des VfL“

Seit 2005 ist Martina Müller die Führungsspielerin des VfL. Die 34-Jährige hat beim Wolfsburger Frauenfußball-Bundesligisten den kompletten Aufstieg aus der 2. Liga bis zum doppelten Champions-League-Sieg mitgemacht. Morgen (14 Uhr) spielt die Stürmerin mit ihrem Herzensklub gegen Frankfurt um die zweite deutsche Meisterschaft und könnte dabei ihr 200. Bundesliga-Tor erzielen. WAZ-Sportredakteur Robert Schreier bat sie vorher zu einem Interview, das witzig, emotional und bescheiden ausfiel – so wie es zu Müller passt.

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Augen zu und gewinnen! Martina Müller (r.) spielt morgen mit ihrem VfL gegen Frankfurt (Simone Laudehr) um die deutsche Meisterschaft.

WAZ: Vor etwa 14 Monaten haben Sie sich so sehr nach einem Titel mit einer Vereinsmannschaft gesehnt. Inzwischen haben sie vier gewonnen, am Sonntag könnte es den fünften geben. Werden Pokale zur Gewohnheit?

Müller: (lacht) Nein, im Gegenteil: Wenn man einmal miterleben durfte, wie viel Spaß Titelgewinne machen, wird man eher süchtig danach.

WAZ: Der erste Titel vor einem Jahr war auch die Meisterschaft. Was wäre beim fünften Titel anders?

Müller: Anders ist unser Stellenwert geworden. Früher haben alle erst mal auf die Landkarte geguckt, wo Wolfsburg liegt. Jetzt gibt es so viele Mannschaften, die Respekt vor uns haben. Erfolge zu bestätigen, ist toll, wird von Jahr zu Jahr aber schwieriger werden.

WAZ: Weil man keine Garantien hat, dass alles funktioniert?

Müller: Weil man nicht immer das Gleiche machen kann. Die Gegner stellen sich auf uns ein, geben mehr Gas. Wir müssen immer weiter an der Taktik arbeiten, um voraus zu bleiben.

WAZ: Wie sieht‘s in Wolfsburg aus? Das ist eine Sportstadt - wo haben die VfL-Fußballerinnen ihren Platz gefunden?

Müller: Ich sage: direkt hinter den VfL-Männern. Die Menschen in der Stadt wissen unsere Leistungen zu schätzen. Das merke ich fast täglich bei der Arbeit im Werk, und das sieht man auch an den Zuschauerzahlen.

WAZ: Spielen Sie auch Fußball, um die Fans zu begeistern?

Müller: Ja, absolut. Es ist so schön, wenn die Zuschauer nach Hause gehen und sagen: Es ist lobenswert, was die Mädels geleistet haben. Früher wollte ich Tennisspielerin werden. Heute sage ich: Wie schade ist das, wenn man Erfolge hat und dann mit denen allein dasteht. Ich teile sie lieber mit dem Team und den Fans.

WAZ: Sie spielen eine bärenstarke Saison und treffen nach Belieben - sind Sie in der Form Ihres Lebens?

Müller: Seit ich mit der Nationalmannschaft aufgehört habe, sind meine Leistungen konstanter geworden. Das liegt daran, dass ich nicht mehr den Druck habe, der Bundestrainerin etwas beweisen zu müssen. Das hatte mich belastet, weil ich immer in der Schwebe war, ob es für mich reicht, zur nächsten EM oder WM zu kommen. Jetzt habe ich nur noch den Verein und absolutes Vertrauen des Trainers.

WAZ: Nun werden Ihre Tore gezählt, es gab aber auch Zeiten, da wurden die Minuten zusammengerechnet, in denen Sie nicht getroffen haben...

Müller: Diese Zeiten gab es, ja. Da muss man ruhig bleiben und wissen, dass es normal ist, wenn es mal nicht so läuft. Inzwischen kann man als Stürmer aber so viel mehr für eine Mannschaft tun. Dann arbeitet und rennt man eben noch mal mehr. Für mich ist immer wichtig, dass die Mannschaft erfolgreich ist.

WAZ: Der Trainer wundert sich fast, dass Sie mit 34 Jahren fit wie nie sind...

Müller: Ich hatte schon Anfragen, ob ich anderen Spielerinnen meine Knie geben kann. Ich hatte Glück, dass ich nie eine ernste Verletzung hatte. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte mich am ehesten im Haushalt verletzen - wenn ich putze oder so. Den Rest macht unser regelmäßiges und professionelles Training aus.

WAZ: Wie gefällt es Ihnen, dass die Menschen immer noch sagen: Martina Müller ist das Gesicht des VfL?

Müller: Ich bin gern das Gesicht des VfL Wolfsburg. Aber ich habe auch kein Problem damit, dass nicht mehr nur Martina Müller im Fokus steht. Jede hat es verdient, weil sich jede mit dem Verein identifiziert.

WAZ: Bei Ihrer Form verbietet es sich fast zu fragen, wie lange Sie noch spielen wollen...

Müller: Mal aufzuhören, ist eine komische Vorstellung. Ich habe drei Viertel meines Lebens für den Fußball gelebt. Mir macht es gerade so viel Spaß. So lange meine Knochen mitmachen, mich der Trainer will und ich etwas für die Mannschaft tun kann, habe ich noch Lust. Darüber, was danach kommt, habe ich noch nicht nachgedacht. Vielleicht habe ich die Schnauze voll vom Fußball, aber ich glaube eher, dass ich mir die Arbeit im Nachwuchs vorstellen kann.

WAZ: Haben Sie mal daran gedacht, ins Ausland zu gehen?

Müller: Ich hatte das eine oder andere Angebot. Ich hätte auch in der nächsten Saison in den USA spielen können. Aber was soll ich da? Das ist alles viel zu groß und zu weit weg von zu Hause. Ich brauche mein Umfeld. Ich kann mir nicht mal mehr vorstellen, irgendwann aus Wolfsburg wegzuziehen - nicht mal nach der Karriere. Dann sitze ich bestimmt auf der Tribüne und feiere den einen oder anderen Titel des VfL.

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