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„Entweder man macht es richtig oder man lässt es“

Frauenfußball-Bundesliga „Entweder man macht es richtig oder man lässt es“

Es war mehr als ein Sommermärchen. Die vergangene Saison beendeten die Bundesliga-Fußballerinnen des VfL mit dem Triple. Jetzt geht es wieder los. Heute (13 Uhr) treffen die Wolfsburgerinnen im Stadion am Elsterweg auf den FC Bayern. Zuvor hat sich Trainer Ralf Kellermann Zeit für die Fragen von WAZ-Sportredakteur Robert Schreier genommen – und dabei vor allem einen interessanten Einblick gewährt, wie professionell er und sein Team arbeiten.

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WAZ : Herr Kellermann, wann haben Sie nach dem Gewinn der drei Titel zum ersten Mal an die neue Saison gedacht?
Kellermann : Ich habe natürlich schon während der vergangenen Saison an die neue Spielzeit gedacht. Vor allem die Verpflichtung neuer Spielerinnen nimmt etliche Vorlaufzeit in Anspruch. Aber konkret wurde es dann nach der Rückkehr aus London. Auch wenn ich sagen muss, dass wir alle nach den intensiven Wochen und Monaten urlaubsreif waren. Immerhin waren viele Ereignisse Neuland.

WAZ : Hatten Sie immer Lust auf die Saison nach dem Triple-Sieg oder gab es auch Fragezeichen, wie es weitergeht?
Kellermann : Es gab nie Zweifel. Aber die Fragezeichen standen hinter den Trainingsinhalten. Was hat uns ausgezeichnet in der erfolgreichen Saison? Wir haben ganz viel mit unserem starken Willen und der überragenden Physis erreicht. Das behalten wir also bei. Was kann man diesen Tugenden hinzufügen? Da war und bin ich der Meinung, dass wir uns spielerisch weiterentwickeln müssen. Wir haben in London etwas Tolles erreicht. Aber wir wissen auch, dass uns Lyon fußballerisch einen Schritt voraus war.

WAZ : Worum geht es Ihnen vor allem bei der spielerischen Weiterentwicklung?
Kellermann : Mir geht es um Dominanz. Der Begriff bedeutet im Fußball heute oft Ballbesitz. Viele Mannschaften werden gegen uns nun noch defensiver stehen. Da muss man das Tempo hochhalten, aber geduldig spielen, nicht im Hauruck-Verfahren auf die Tore stürmen.

WAZ : Wie weit ist die Mannschaft da in der Entwicklung?
Kellermann : Der Kader ist genau darauf ausgerichtet. Wir haben Nilla Fischer auch deshalb geholt, weil sie bei der Spieleröffnung überragend ist. Das ist Lena Goeßling auch. Aber ich wollte sie mehr im zentralen Mittelfeld neben Nadine Keßler einsetzen.

WAZ : Apropos Fischer: Lange Jahre hieß die VfL-Devise, vor allem mit jungen, deutschen Spielerinnen sich weiterzuentwickeln. In dieser Saison sind einige Ausländerinnen mehr dazugekommen...
Kellermann : Ich sehe das aber nicht als Abkehr von der Philosophie. Wir schauen natürlich zuerst auf dem deutschen Markt. Da war diesmal schnell erkennbar, dass Wunschspielerinnen nicht frei waren oder nicht zum VfL wollten. Ich hätte gern Leonie Maier verpflichtet. Sie wollte zu den Bayern. Dann suche ich für die Position weiter, und es wird mit Noelle Maritz eine Schweizerin, der ich eine ähnliche Entwicklung zutraue.

WAZ : Maritz aus der Schweiz, eine Nigerianerin aus Russland, eine Serbin – wie findet man solche Talente?
Kellermann : Wenn wir Bedarf auf einer Position sehen, haben wir ein Anforderungsprofil. Danach suchen wir. Erst auf dem deutschen Markt, dann habe ich die U-20-WM in Japan intensiv verfolgt. Gegen Rossiyanka haben wir gespielt, da fällt mir Desire Oparanozie auf. Sie hat einen deutschen Vereinstrainer. Ihre Nationalmannschaft wurde 2011 von einem Deutschen betreut. Da kann man sich erkundigen. Die Entwicklung von Noelle Maritz war mir lange bekannt, ich habe einen Tipp bekommen, dass sie beim Zypern-Cup für die Schweiz eingesetzt wird und bin dorthin geflogen. Jovana Damnjanovic ist bei Länderspielen aufgefallen. Das zu wissen, gehört zu unseren Hausaufgaben.

WAZ : Das klingt nach einem sehr guten Netzwerk. Aber ist das nicht schwieriger als im Männerfußball?
Kellermann : Ja, der Frauenfußball ist nicht so stark vernetzt, und vor allem ist der Markt endlich. Das heißt, es gibt nicht so viele gute Spielerinnen.

WAZ : Muss man so professionell denken und arbeiten, um Erfolge wie das Triple zu erreichen?
Kellermann : Als ich 2008 beim VfL angefangen habe, war das Fernziel, einmal Meister zu werden. Entweder man geht das dann richtig an oder man lässt es sein. Wenn der Verein wie bei uns dahintersteht, kann man Schritt für Schritt professioneller arbeiten. Anders geht‘s nicht.

WAZ : Sie haben dabei eine ähnliche Machtfülle wie Felix Magath einst bei den VfL-Profis. Ist es leichter so, Projekte umzusetzen?
Kellermann : Mir hilft es, dass ich in einem vorgegebenen Budget-Rahmen relativ freie Hand habe. Es hilft, Trainer und Sportlicher Leiter zu sein, wenn man mit Spielerinnen spricht, die man verpflichten möchte. Eine Problematik ist für mich aber, wenn ich mit den Spielerinnen über Finanzen sprechen muss. Das ist für einen Trainer nicht angenehm, und das mache ich auch so gut wie nie. Da sich aber inzwischen alle Spielerinnen beraten lassen, wird auf dem Gebiet die Distanz gewahrt.

WAZ : Der Teamgeist ist ein Erfolgsgeheimnis dieser Mannschaft. Wie groß ist die Gefahr, dass man mit Neuzugängen diese Stärke zerstört – egal, woher die Spielerinnen kommen?
Kellermann : Der Teamgeist ist mir heilig. Deshalb führe ich mit Neuzugängen oft mehrere Gespräche, hole Erkundigungen ein. Aber letztlich muss ich mich da auf mein Bauchgefühl verlassen. Sollte eine Spielerin dann gar nicht bei uns zurechtkommen, habe ich auch kein Problem damit, mich wieder von ihr zu trennen, um die Gruppe nicht kaputt zu machen. Oder es gab auch schon Spielerinnen, die sportlich interessant waren, die ich aber erst gar nicht zu Verhandlungen getroffen habe, weil ich wusste, dass es nicht passen wird. Auf der anderen Seite bin ich aber ganz sicher, dass Reizpunkte gut tun.

WAZ : Wie meinen Sie das?
Kellermann : Denken Sie an die Verpflichtungen von Viola Odebrecht oder Conny Pohlers und Alex Popp. Ihre Positionen waren an etablierte Kräfte vergeben. Da haben mir viele Leute Probleme prophezeit. Aber es hat gepasst. Der Grund dafür ist eben der gute Teamgeist und eine total intakte Hierarchie. Bei unserem aktuellen Kader mache ich mir da keine Sorgen.

WAZ : Ist der Kader noch stärker als in der Triple-Saison?
Kellermann : Wir haben keine Stammspielerin verloren und gute Neuzugänge bekommen. Mit Nilla Fischer haben wir Erfahrung und einen echten Typen in der Mannschaft, den wir mit Rebecca Smith verloren haben. Das ist für die Gruppe unheimlich wichtig. Unter dem Strich sollten wir besser aufgestellt sein. Das Gute ist, dass der Kader es hergibt, zu reagieren, wenn die eine oder andere mal durchhängt. Aber ein Sättigungsgefühl merke ich bei keiner Spielerin.

WAZ : Dann müssten sich die Erfolge ja auch wiederholen lassen...
Kellermann : Ich lasse mir da keinen Druck machen. Niemand kann die Vorsaison eins zu eins erneut erwarten. Natürlich wollen wir Ähnliches wieder erreichen.

WAZ : Wann sprechen Sie von einer erfolgreichen Saison?
Kellermann : Wenn wir weiterhin so im Fokus stehen, uns die Menschen als Sympathieträger wahrnehmen, wir die Aufbauarbeit weiter fortsetzen können, eine Entwicklung zu erkennen ist, der Charakter der Mannschaft weiterhin stimmt und die Einstellung da ist, dann bin ich zufrieden.

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