Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
1000 Spiele sind ein Jahr

Die Geschichte einer Globallisierung 1000 Spiele sind ein Jahr

AZ/WAZ-Chefredakteur Carsten Baschin hat in einem Jahr 1000 Fußballspiele aus aller Welt im Fernsehen gesehen - vom VfL Wolfsburg über Japan bis zur 2. österreichischen Liga. Das sind fast drei Spiele pro Tag. Die Geschichte einer Globallisierung.

Voriger Artikel
Nach der WM: So geht‘s für Knipphals weiter
Nächster Artikel
Zwei Elfer-Krimis und eine Überraschung

1000 Fußballspiele in einem Jahr: Dieses Kunststück gelang AZ/WAZ-Chefredakteur Carsten Baschin.

Als Torwart Shusaku Nishikawa den Ball abschlagen wollte, war alles vorbei. Der Schiedsrichter pfiff das Spiel ab, die Urawa Red Diamonds hatten in der japanischen J-League mit 1:0 gegen Shimizu s-Pulse gewonnen. Ich nahm den Schlusspfiff mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis. Nicht, weil ich Urawa die Daumen gedrückt hatte, sondern weil ich am Ziel war: Ich hatte soeben in der Saison 2014/15 das 1000. Spiel im Fernsehen gesehen. 

1000 Spiele in einem Jahr, das ist viel. Sehr viel sogar. Das sind 2000 Mannschaften, das sind 90.000 Minuten oder 1500 Stunden Fußball vor dem Fernseher. Im Schnitt lassen die Schiedsrichter drei Minuten weiterlaufen, somit lag meine persönliche Nachspielzeit in der vergangenen Saison bei rund 50 Stunden. Nur mal so, als kleines Beispiel.

Warum macht man das?
Vielleicht, weil wir Menschen gerne Rekorde aufstellen. Andere sitzen tagelang auf einem Pfahl oder verschlingen 40 Hotdogs in zwei Minuten. Ich habe ganz viel Fußball geguckt. Vielleicht reizte mich die magische Zahl 1000. Vielleicht habe ich aufgrund familiärer Prägung große Freude an Ergebnissen und Tabellen (mehrere meiner Vorfahren waren Finanzbeamte oder Statistiker). Ich persönlich glaube allerdings, dass ich schlicht einem Trend folgte. Der Fußball ist längst ein weltweites Unternehmen, Spieler wechseln in Windeseile von Kontinent zu Kontinent, jede Spitzenmannschaft ist eine internationale Auswahl mit vielen Kabinensprachen. Warum sollten wir Fans da nicht mitmachen? Ich habe Spiele gesehen von Belgien bis Brasilien, von Neuseeland bis Portugal, von Kolumbien bis Italien. So gesehen, war die Spielzeit 14/15 einfach nur das Jahr meiner persönlichen Globallisierung.

Sicher , der deutsche Fußball stand im Mittelpunkt.
Ich habe 138 Spiele derBundesliga gesehen und 172 Spiele der 2. Liga. Aber auch 145 Spiele aus Österreich (1. und 2. Liga) und sogar 180 Spiele aus England (1. und 2. Liga). Hinzu kamen zum Beispiel 51 Spiele aus Italien, 47 Begegnungen aus Holland und 34 Partien aus Frankreich. Und natürlich Pokalspiele aus der Türkei oder der Afrika-Cup, die Champions League oder die Copa Libertadores und vieles, vieles mehr. Ich lernte völlig neue Städte kennen (SC Cambuur-Leeuwarden – PSV Eindhoven 1:2). Ich stieß auf Mannschaften, deren Namen recht gefährlich klangen (Independiente Santa Fe Bogota – International Porto Alegre 1:0). Auf Teams, deren Namen sich nicht zum Anfeuern eignen (Brighton & Hove Albion FC – FC Watford 0:2). Und auf Lokalderbys, die mir bislang entgangen waren (Melbourne Victory – Melbourne City 3:0). Ich kam weit herum auf meiner TV-Tour.

Wer viel herumkommt in der Welt, macht viele neue Bekanntschaften.
Zwar sah ich 54 Spiele des VfL Wolfsburg, doch die Bindung an die fußballerische Heimat wurde schwächer. In fast jeder Liga fand ich elf neue Freunde, mit denen ich bangte und litt. Ich zitterte mit Floridsdorf erfolgreich um den Verbleib in der 2. österreichischen Liga (ASK Linz – AC Floridsdorf 0:2). Ich hoffte vergeblich mit Heerenveen auf die Qualifikation für die Europa-League (Vitesse Arnheim - SC Heerenveen 5:2). Ich drückte vergebens einem schottischen Dorfklub die Daumen (Ross County FC – Celtic Glasgow 0:1).

Die Aufstellungen und Ergebnisse aller Spiele trug ich sorgsam in 17 dicke Kladden ein. Wer in einem Jahr 1000 Spiele sehen will, muss Ordnung halten und gut vorbereitet sein. Die Technik muss stimmen (mehrere Pay-TV-Kanäle, robuster Festplattenrekorder, um ständig Spiele aufzunehmen); auch Zeitmanagement und Taktik sind wichtig, zum Beispiel das 4-4-2-System an Wochenenden (mindestens vier Spiele am Samstag, vier Spiele am Sonntag, zwei Spiele zwischendurch). Man muss Nachtmensch sein und mit wenig Schlaf auskommen, Und: Man muss verzichten können, auf Familienleben, den Freundeskreis, auf längeren Urlaub und vor allem auf den zeitraubenden und daher hinderlichen Besuch von Fußball-Spielen im Stadion.

Wer 1000 Spiele in einer Saison sehen will, sollte wenig über Fußball wissen und noch weniger über Fußball reden. Da ich die Ergebnisse der vielen aufgezeichneten Spiele nicht erfahren wollte, vermied ich alle Gespräche über Fußball – meine Gesprächspartner hätten ungewollt das eine oder andere Resultat vom Wochenende erwähnen können. Wer mich kennenlernte, war sich sicher: Mit Fußball hat der nichts am Hut. Ich mied konsequent die Sportseiten der Tageszeitung und alle Fußball-Magazine, TV-Zusammenfassungen und Teletext-Seiten. In einem Kreuzberger Kino sprachen zwei junge Männer in der Reihe hinter mir an einem Samstag vor dem Film über die Lage in der englischen Premier League. Da ich ihnen nicht den Mund zuhalten konnte, hielt ich mir zwei Minuten lang in einem hell erleuchteten und vollen Kino beide Ohren zu. Nur mal so, als kleines Beispiel. Ich hinkte folglich in der Saison 14/15 trotz der vielen Spiele ständig hinterher, was die Lage im Fußball anging; oft wusste ich am Mittwoch noch nicht, wie am Wochenende zuvor die 2. deutsche Liga gespielt hatte – Globalisierung kann auch zur Entschleunigung führen.

Ich  gebe zu: Bisweilen befiel mich tiefer Zweifel, wenn ich mir um 2 Uhr nachts allein ein aufgezeichnetes Spiel anschaute (Greuther Fürth – SV Sandhausen 0:0, nur mal so, als kleines Beispiel). Oder wenn ich nach Hause hetzte, um mir noch rasch eine Partie aus Portugal anzuschauen (Pacos de Ferreira – Benfica Lissabon 1:0). Aber die schönen Momente überwogen. Ich feierte das 100. Spiel (Erzgebirge Aue – VfL Bochum 1:5) ebenso wie die 500. Partie (Newcastle United – FC Everton 1:2), ich verspürte durchaus Genugtuung, wenn mir auffiel, dass die Bauarbeiten im Stadion von Olympique Marseille seit der letzten TV-Übertragung erhebliche Fortschritte gemacht hatten. Ich empfand auch einen gewissen Stolz, als ich einem Kollegen aus der WAZ-Sportredaktion spontan den Kader des Karlsruher SC aufsagen konnte (mit Rückennummern). Und das, obwohl ich 2014/15 keine deutsche Zweitliga-Mannschaft so selten gesehen habe wie den KSC (16 Spiele). Der schönste Tag war allerdings der 30. Mai. An diesem Tag gewann mein englischer Lieblingsverein Arsenal das Cup-Finale mit 4:0 gegen Aston Villa, gleich danach holte der VfL gegen Dortmund den deutschen Pokal. Ich feierte diesen Doppelsieg, indem ich mir nachts auch noch das aufgezeichnete Pokalendspiel aus Frankreich anschaute (PSG – FC Toulouse 3:1).

Was hat sich geändert durch die 1000 Spiele aus aller Welt?
Nicht viel. Ich weiß jetzt, dass die Stadien in Italien wirklich bröckeln, dass sie in Brasilien den Rasen schlecht pflegen und in Russland vor jedem Punktspiel die Nationalhymne erklingt. Der Fußball selbst rückt immer näher zusammen, Spiele und Spieler wirken zunehmend austauschbar. Das ist keine überraschende Erkenntnis und ändert nichts daran, dass ich mich auch nach 1000 Spielen auf die neue Saison freue. Denn ob Dorfverein in Schottland oder Regenschlachten in Japan, ob Abstiegsduelle in Portugal oder Derbys in Mailand oder London, für Fans ist jede neue Partie magisch, egal, ob man zuvor 1000, 10.000 oder eine Million Spiele geguckt hat. Denn das ewige Geheimnis des Fußballs ist ganz einfach, zusammenfasst in einem kurzen Satz von Sepp Herberger: „Niemand weiß, wie‘s ausgeht!“

Ob ich mir noch einmal 1000 Spiele in einem Jahr ansehen würde? Wohl kaum. Ohnehin wäre die Tausender-Marke kein neues Ziel. Und 1500 oder gar 2000 Spiele, das wäre Irrsinn.

Andererseits: In wenigen Monaten gehe ich in Ruhestand.

Dann habe ich viel Zeit.

Sehr viel Zeit.

Mal sehen. 

*Der Text stammt aus dem WAZ/AZ-Sonderheft "Die VFL-SAISON 2015/16"

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Sport in Wolfsburg