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„Wolfsburg ist ein Play-Off-Team“

WAZ-Interview „Wolfsburg ist ein Play-Off-Team“

Eishockey-Erstligist EHC Wolfsburg ist zum Dauergast in den Play-Offs geworden. Für kontinuierliche Arbeit steht seit einem halben Jahrzehnt Trainer Pavel Gross, und noch etwas länger Manager Charly Fliegauf. Der Ex-Profi, der aus Peiting stammt, fühlt sich längst als Wolfsburger. Warum, was er vom EHC 2013/14 erwartet, wie er die Liga sieht und was ihn stört – verriet er WAZ-Sportredakteur Jürgen Braun im großen Interview.

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WAZ: Sie gehen ins siebte Jahr beim EHC. Ihr Vertrag gilt noch bis 2016. Was bindet Sie, was überzeugt Sie?

Fliegauf: Zwei Komponenten. Ich bin ein bodenständiger Mensch, meine Frau und ich fühlen uns total wohl in Heiligendorf. Ich denke, auch die Kinder haben sich sehr wohlgefühlt, aber im September sind beide ausgezogen und stehen auf eigenen Beinen. Das andere ist: Wolfsburg ist ein Play-Off-Team. Das ist ein Wert, den wir uns erarbeitet haben, wo es Spaß macht, weiter dran zu arbeiten. Ich hoffe, unsere Hauptsponsoren haben an den Ergebnissen auch viel Freude.

WAZ: Klingt da Skepsis im Unterton mit?

Fliegauf: Nein. Aber man muss klar erkennen, dass es mit Eishockey in Wolfsburg schnell vorbei wäre, wenn wir die Unterstützung von Skoda und VW nicht hätten.

WAZ: Wegen der Zuschauerzahlen wird Wolfsburg weiterhin belächelt...

Fliegauf: Wir haben nicht die Zuschauer-Steigerung, wie die Jungs es verdienen, das ist schade. Manchmal habe ich das Gefühl, wir erfahren anderenorts mehr Anerkennung als in Wolfsburg.

WAZ: Und nun kommt auch noch Frauenfußball als Konkurrenz hinzu...

Fliegauf: Der VfL war zuletzt kein Top-Team, könnte wieder besser werden. Die VfL-Frauen waren erfolgreich, Eintracht Braunschweig ist aufgestiegen, die Konkurrenz ist für uns nicht kleiner geworden. Was Wolfsburg angeht, so ist es andererseits aber auch schön, dass unsere Stadt sportlich so stark in Deutschland dasteht.

WAZ: Was können Sie tun, um mehr Fans zu locken?

Fliegauf: Marketingaktionen werden wir fortsetzen, wir hoffen auf Mund-zu-Mund-Propaganda und wünschten uns, dass die Fanszene noch aktiver wäre. Ein Schnitt von 3000 ist zu schaffen und wir müssen ihn schaffen.

WAZ: Es scheint denkbar, dass viele Wolfsburger noch nie beim EHC waren. Warum sollten die Leute denn zum Eishockey gehen?

Fliegauf: Eishockey ist von seiner Emotionalität her nicht mit anderen Sportarten vergleichbar. Man ist nah dran, die Stimmung ist gut, oft mitreißend. Und dass man vielleicht die Regeln nicht genau kennt, ist völlig unerheblich. Die meisten Besucher werden nach dem ersten Mal von der Begeisterung im Stadion erfasst sein.

WAZ: Sie waren selbst lange Profi - was wäre eigentlich aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht Manager geworden wären?

Fliegauf: Ein Kaufmann vielleicht. Ich habe eine Lehre als Großhandelskaufmann absolviert. Als meine Karriere wegen eines Bandscheibenvorfalls zu Ende ging, hat mich Augsburgs Chef Lothar Sigl gefragt, ob ich mir den Job in der Geschäftsführung vorstellen könnte. Ich konnte. Und so blieb es dabei.

WAZ: Ihre Frau ist in der deutschen Pokerszene keine Unbekannte....

Fliegauf: ...und ich muss als Manager oft mit den Spielern und Agenten um Verträge pokern....

WAZ: Holen Sie sich da von Ihrer Frau schon mal Tipps?

Fliegauf: Nein. Eher nicht.

WAZ: Würden Sie gegen Ihre Frau pokern?

Fliegauf: Da würde ich verlieren. Sie kann mich viel zu gut lesen. Aber sie ist trotzdem auch in Sachen Eishockey eine große Hilfe.

WAZ: Weil sie immer hinter Ihnen steht?

Fliegauf: Ja. Im Grunde kann man fast nie ganz abschalten in diesem Geschäft. Zum Beispiel gibt es die Transferverhandlungen mit den Nordamerikanern. Und die laufen halt auch in der Nacht. Man nimmt immer mal was mit nach Hause, obwohl man weiß, dass man das nicht sollte. Da ist es optimal, wenn die Familie da voll hinter einem steht, das alles mitträgt.

WAZ: Wie sieht der Versuch abzuschalten bei Ihnen aus?

Fliegauf: Kurztrips nach Mallorca oder mal eine größere USA-Reise im Sommer - das ist schon ein großes Hobby und verschafft Luft.

WAZ: Und Sport?

Fliegauf: Leider zu wenig. Der Rücken schränkt mich da etwas ein. Ich versuche, mein Gewicht zu halten.

WAZ: Für Wolfsburgs Mannschaft ist die Zeit des Abschaltens auch vorbei. Sie ist kaum verändert. Das letzte Mal, als das Team kaum verändert wurde, ging die Reise ins Finale. Mit welchem Gefühl, mit welchen Hoffnungen starten Sie jetzt?

Fliegauf: So weit denke ich nicht. Als die Mannschaft, die jetzt zum Großteil beisammenbleibt, in der Vorsaison komplett war, hat sie Potenzial gezeigt, hat sich für ihre Arbeit noch belohnt. Jetzt sind interessante Akteure dazugekommen. Schauen wir mal.

WAZ: Hinten wurden gleich zwei Ausländerlizenzen mehr vergeben, mancher Fan befürchtet, das geht zu Lasten der Offensive.

Fliegauf: Pavel Gross legt Wert auf eine starke Defensive. Wir werden vielleicht mehr auf Siege mit 2:1 oder 3:2 ausgehen. Aber ich denke, wir haben uns auch vorn nicht verschlechtert, wo wir mit Kai Hospelt einen Top-Spieler verloren haben, mit Marco Rosa, Gerrit Fauser und dem vielseitigen Chad Bassen in der Breite Qualität dazugewonnen haben könnten.

WAZ: Mit Hospelt, Christopher Fischer und Benedikt Schopper sind drei Nationalspieler von Bord gegangen, die beim EHC ins DEB-Team gereift sind. Sehen Sie da schon Nachfolger im EHC-Team?

Fliegauf: Das wird schwer. Armin Wurm vielleicht. Aber er ist, anders als Fischer, ein Typ Verteidiger, wie es viele gibt. Und noch einmal an solche Rohdiamanten wie Hospelt und Fischer heranzukommen, ist schwer geworden. Die ganz jungen deutschen Top-Talente gehen früh nach Nordamerika. Sind sie gut, gibt es Klubs mit einem höheren Budget als uns. Und in diese Reihe ist auch noch München gerückt.

WAZ: Gerrit Fauser galt als Riesentalent....

Fliegauf: Er ist noch in einem Alter, in dem er den nächsten Step machen kann und muss.

WAZ: Wolfsburger Talente im EHC-Team lassen weiter auf sich warten...

Fliegauf: Das war klar, dass das Zeit braucht. Aber wir müssen eine Mannschaft in die Schüler-Bundesliga bringen. Sonst zahlen wir Strafe, dieses Geld fehlt irgendwo anders. Auf Sicht brauchen wir unbedingt eine zweite Eisfläche. Nur mit Training werden Spieler besser, mit nur einer Fläche können wir nicht für genügend Kinder genügend Training und Eiszeiten anbieten.

WAZ: Seit einem Jahr ist ServusTV Fernsehpartner der DEL. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Fliegauf: Im Internet läuft es gut, sie machen ein sehr gutes Produkt, wir sind anders als Basketball und Handball eine Liga, die noch Geld für die Übertragungsrechte bekommt. Alles in allem würde ich sagen, es ist positiv.

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