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Top-Thema Ein Land im Wohlfühlzwang
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20:53 18.09.2015
Von Susanne Iden
Einfach mal nichts tun: Auch zu viel Wellness kann in Stress ausarten. Quelle: Fotolia
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Faulenzen. Trödeln. Nichtstun. Kommt nicht infrage! Heute relaxen wir. Wir chillen. Wir schalten in den "Ich tu jetzt mal was für mich"-Modus. Und zwar mit vollem Einsatz. Wir beißen die Zähne zusammen und entspannen uns. Weil wir es so wollen und weil wir es uns leisten können.

Jeder ayurvedische Stirnölguss, jeder warme Massagestein auf meinem Rücken, jedes meditative "Ommm" fügt ein glänzendes Mosaiksteinchen in mein Selbstbild. Seht her, ich bin erfolgreich, denn ich bin tiefenentspannt. Ich fühle mich wohl.

Ich mache, dass es mir gut geht

Wohlfühlen ist das neue Statussymbol der deutschen Mittelklasse. Wer sich wohlfühlt, der hat etwas richtig gemacht. Und wer etwas richtig macht, der hat Erfolg. Kein Mensch kann noch punkten, wenn er im Partygespräch von ständiger Rufbereitschaft, von permanentem Gefordertsein und wichtigen Flügen zwischen drei Zeitzonen spricht.

Die Aussage "Ich muss mal in meinen Terminkalender schauen, wann ich Zeit für ein privates Treffen habe" gilt längst nicht mehr als sicheres Indiz für ein Leben, das sich zu leben lohnt. Heute genügt ein Wort: Wellness. Es geht mir gut. Ich mache, dass es mir gut geht.

Ein Leben im Wohlfühlwahn

Die Frage ist nur: Geht es uns so schlecht, dass wir ständig betonen müssen, wie gut es uns geht? Wie sehr brauchen wir das, was uns angeblich wohl macht? Ist Wellness oberflächlicher Körperkult oder Ausdruck eines sinngebenden Lebensstils?

Die Deutschen, so viel steht fest, leben im Wohlfühlwahn. Junge, gesunde  Paare schenken sich zum 30. Geburtstag gegenseitig ein "Wellnesswochende" im Luxusetablissement, statt ein lautes, langes, fröhliches Fest mit ihren Freunden zu feiern. Makler verkaufen nicht einfach ein Haus, es muss schon ein "Heim mit Wohlfühlgarantie" sein. Jedes simple Badezimmer verwandelt sich durch den Einbau einer "Regendusche" in "Ihr ganz persönliches Spa". Und jedes Hotel Garni im hinteren Vorpommern hat im Keller eine Sauna, die als "Wellnessoase" herhalten muss.

Leistungsdruck statt Komfortzone

Wellness steckt in jeder Anti-Falten-Creme, im Katzenfutter, im Linsensalat mit Koriander-Apfel-Kresse-Limetten-Soße, in jeder Rückenkratzbürste. Und für 11 Prozent der Deutschen gilt der Urlaub nur als echter Urlaub, wenn er als "Wellnessreise" gebucht wurde. Sei es im Puri Dajuma Spa auf Bali oder im Urchristlichen Zentrum aller Kulturen am Rande des Spessarts.

Schlimm ist das nicht. Nur anstrengend. Für alle. Denn längst ist die Komfortzone dem zum Opfer gefallen, wovor sie eigentlich Schutz bieten sollte: Leistungsdruck. Kontrolle. Kommerz.

1000 Euro für´s Wohlbefinden

Die Wellnessindustrie ist ein Multimilliarden-Euro-Geschäft. Mehr als 80 Milliarden Euro haben die Deutschen, allen voran die Gutverdiener zwischen 45 und 58 Jahren, im vergangenen Jahr für Wohlfühlprodukte und -dienstleistungen ausgegeben, für Yoga und Massagen, Achtsamkeits- und Dehnübungen und das jeweils passende Outfit aus schnell trocknenden und sündhaft teuren Hightechfasern.

Der Durchschnittsdeutsche investiert rund 1000 Euro im Jahr in sein Wohlbefinden. Zuwachstendenz: 7 Prozent jährlich. Das ist, für sich genommen, eine gute Nachricht, für die Volkswirtschaft wie für den Kunden.

Zitat

Es kann im Leben allenfalls perfekte Momente, aber keine Rundumperfektion
geben.

Christoph M. Bamberger, Präventionsexperte

Denn nichts anderes liegt dem Wellness-Trend als Gegenbewegung zu einem kräftezehrenden, hektischen, fremdbestimmten Karrierealltag zugrunde als die Hoffnung, durch kluge Körperpflege diesen Alltag im Griff zu behalten. Oder, in den Worten des Duisburger Instituts für Sprache und Sozialforschung, die "Trinität aus Körper-Seele-Geist" wiederherzustellen.

Den meisten Menschen nämlich, heißt es in einer Forschungsarbeit zum "Wellnessdiskurs", sei diese Harmonie von der Natur gegeben, doch sie gehe verloren in lauten, schmutzigen Großstädten, in überfordernden Familien- und Berufssituationen, kurz: im Alltag.

Wohltuende Mühen

Da bietet die Wellnessindustrie nicht weniger als ein Heilsversprechen. Mit dem Wohlgefühl des Körpers kommt die Befreiung der Seele. Alles ist wieder im Lot. Und einsatzbereit. Das Ziel der wohltuenden Mühen ist am Ende also gar nicht Entspannung – sondern die Wiederherstellung der Kraft, um besagten anstrengenden Alltag zu bestehen. Gesundheit, Zufriedenheit und wirtschaftlicher Erfolg sind der Lohn. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Denn die gewonnene Kraft wird schnell wieder verbraucht. Die Duisburger Wellnessforscher beschreiben den Effekt so: "Auf die Erfüllung des Wellnesszwecks", das heißt auf die erfolgreiche Wiederherstellung allumfassender Harmonie, folge unweigerlich der alltägliche Zwang zum reibungslosen Funktionieren – und damit "gerät die Körper-Seele-Geist-Harmonie erneut ins Wanken: Das Rad dreht sich weiter und weiter."

Die Perfektionierung des Gemüts

Bis irgendwann aus der Lust am Wohlfühlen der Zwang zum Wohlfühlen geworden ist. Weil an die Stelle der Entspannung auch am Feierabend das Bedürfnis nach Kontrolle tritt, nach Perfektionierung von Körper und Gemüt.

Dann flitzt die berufstätige Mutter zwischen Dienstschluss und Abendbrot  noch ins Fitnessstudio für eine Runde Hatha Yoga. Weil sie das schon getan hat, bevor sie Kinder bekam, und einen Riesenspaß dabei hatte. Dass sie damals doppelt so viel Zeit zur freien Verfügung hatte wie heute, lässt sie sich selbst gegenüber nicht gelten.

Entspannung für die Katz

"Du musst was für dich tun", hat ihr die durchtrainierte Kollegin schließlich zugeraunt. Will sagen: Wenn du nach acht Stunden Arbeit zu müde für Yoga bist oder Sehnsucht nach deinen Kindern hast, machst du etwas falsch. Dann gehörst du nicht dazu.

Wen wundert’s, wenn die Glückshormone in der Stellung des herabschauenden Hundes an so einem Yogaabend nicht so reichhaltig ausgeschüttet werden, wie erhofft? Wenn der Abend in Sachen Entspannung für die Katz ist? Und deshalb am nächsten Abend wiederholt werden muss? Weil wir ohne professionelle Anleitung gar nicht mehr zur Ruhe kommen können?

Stressfaktor Perfektionismus

Dann wird Wellness zum Stressfaktor. Das passiert andauernd, meint der Hamburger Internist Professor Christoph M. Bamberger – weil der moderne Freizeitmensch noch auf Selbstoptimierungskurs sei, wenn er eigentlich nur in eine "Wohlfühloase" eintauchen soll. "Der häufigste Stressfaktor ist Perfektionismus, paradoxerweise sogar bei den Entspannungstechniken", sagt Bamberger, Präventionsexperte am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf und Autor von Büchern wie "Besser leben – länger leben".

Der "angespannte Stresstyp, der von morgens bis abends sein Leben durchorganisiert", verkrampfe sich bei Pilates und Atemübungen nur noch weiter. Weil er sich in seinem Zwang, alles richtig zu machen, selbst nicht vergessen kann.

Einfach mal nichts machen

Kinder können das, sich selbst und die Zeit vergessen. Aber "jeder muss für sich Oasen der Zeitlosigkeit finden, ungemanagte Zeit", sagt Professor Bamberger. Und akzeptieren lernen, "dass es im Leben allenfalls perfekte Momente, aber keine Rundumperfektion geben kann".

Da sieht er schon den Kern für den nächsten Wellnesstrend: Entspannt euch! Es geht auch einfacher. Sich selbst fühlen, statt sich wohlfühlen. Sich ausruhen, wenn man müde ist. Sich räkeln, wenn man aufwacht. Sich Freiheit gönnen vom Funktionieren. Gerade im Herbst, wenn die Natur und mit ihr der Mensch zur Ruhe kommen sollen. Der Wellnessexperte von morgen lässt Drachen steigen. Oder macht einfach gar nichts.

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