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Schenk Dich glücklich

Vom Geben und Nehmen Schenk Dich glücklich

Warum nur überschütten wir einander an Weihnachten mit Geschenken? Aus uneigennütziger Großzügigkeit – oder weil wir auf mindestens ebenso großzügige Gegengeschenke hoffen? Von beidem etwas. Denn zum Schenken gehören immer zwei.

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Wer jemanden beschenkt, geht immer das Risiko ein, das Falsche auszuwählen. Doch Geld oder Gutscheine sind keine Lösung: Der eigentliche Wert eines Geschenkes ist immateriell.

Quelle: Shutterstock

Die junge Frau steckt ihr Buch ein, zieht die Jacke an und verabschiedet sich. Sie hat ihrem alten Onkel, dessen Beine und Augen nicht mehr so wollen wie früher, gerade wieder ein Krimikapitel vorgelesen. Er lauscht jedes Mal gebannt. "Ich komme in zwei Tagen wieder", sagt sie. Und dann: "Ich danke dir." Der alte Mann schaut überrascht hoch. "Wieso bedankst du dich?" Sie zögert, ist selbst irritiert. Schließlich sagt sie: "Weil es mir guttut, wenn du dich freust."

Zu schenken tut gut. Blumen, eine DVD, eine Reise, gestrickte Socken, Zeit – es ist fast egal, was man schenkt. Oft zaubert schon der Gedanke an das Staunen des Empfängers dem Schenkenden ein Lächeln ins Gesicht. "Wirkliches Schenken", schreibt der Philosoph Theodor W. Adorno in seinen "Minima Moralia", "hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten."

Wohlgemerkt: Adorno schreibt "hatte". Sein Text ist eine eher traurige Abhandlung, erzählt von Kommerz, Gedankenlosigkeit, Umtausch – und zwar schon 1944. "Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, dass man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will."

Konsum und Kritik als Ritual

Ob sie es wollen oder nicht, unzählige Menschen stehen jetzt, zu Weihnachten, wieder vor der Frage, was sie wem schenken sollen. Dass Weihnachten ein Fest für die Geschäftswelt ist, bemäkeln wir seit Jahrzehnten – und geändert haben wir nichts. "Ja, Weihnachten ist ein Ritual, der Konsum ist ein Ritual und die Kritik daran ist auch ein Ritual", sagt Frank Adloff, Soziologieprofessor in Hamburg. "Man beklagt, dass es nur ums Geld geht, man versichert sich damit gegenseitig, dass man die Situation durchschaut. Und dann kauft man trotzdem Geschenke."

Frank Adloff erforscht das Geben. Er befasst sich mit der Theorie vom Stiften, Schenken und Bescheren und hat diverse Schriften zum Thema verfasst oder an ihnen mitgewirkt, etwa an dem Buch "Vom Geben und Nehmen: Zur Soziologie der Reziprozität". Reziprozität, die Gegenseitigkeit, ist eine der Grundlagen menschlichen Handelns. Im Gegensatz zum Geschäft, bei der man irgendwann durch die Bezahlung quitt sei, führe ein Geschenk zu einer "persönlichen und emotional aufgeladenen Beziehung", sagt der Sozialökonom.

280 Euro für Weihnachtsgeschenke

Da hat er recht, vor allem, was die emotionale Aufladung betrifft. Zunächst aber ist das (weihnachtliche) Schenken finanziell aufgeladen, auch wenn es das angeblich gar nicht sein will. Wir reden über 91,1 Milliarden Euro im laufenden deutschen Weihnachtsgeschäft. Das Umsatzplus von 3,9 Prozent im Vergleich zu 2015, das der Handelsverband Deutschland erwartet, ist dabei immerhin schon eingerechnet. Die Deutschen sind also großzügig, darin spiegelt sich die Tatsache, dass die Wirtschaft weitgehend stabil geblieben ist. Jeder gibt dieses Jahr im Schnitt 280 Euro für seine Geschenke aus.

Ist das viel oder wenig? Die Bewertung, ob ein Geschenk von Generosität oder von Geiz geprägt ist, ist abhängig von den ökonomischen Rahmenbedingungen: Im oder kurz nach dem Krieg war eine Apfelsine ein Schatz, ein warmer Mantel ein Traum, ein Pfund Kaffee unvorstellbar. Heute werden Smartphones für 500 Euro auf dem Gabentisch mit einem sachlichen Nicken des Nachwuchses quittiert: Wurde ja auch mal Zeit.

Und was schenken die Deutschen 2016? Das, was sie immer schenken: Bücher, Uhren, Parfüm, Elektronik und Spielwaren. Fotobücher sind schwer angesagt. Das ist die zeitgemäße digitale Alternative zum selbst zusammengeklebten Kalender mit den Kinderbildern für Oma. Und es ist tatsächlich persönlicher als viele andere Geschenke. Vor allem ist es persönlicher als das, was die Deutschen am liebsten verschenken, noch vor Büchern und Kosmetika: den Gutschein oder den Umschlag mit Scheinen drin.

Die Angst vor Enttäuschung

Wir schenken also insgesamt eher konservativ an Weihnachten, auf Sicherheit bedacht. Warum? "Wir haben zwei Ängste", sagt Frank Adloff: "Die Erwartungen der andern nicht zu erfüllen. Und die eigene Erwartung an uns nicht zu erfüllen, dass wir den anderen etwas schenken, das zu ihnen passt." Das Problem an einem Präsent sei nämlich immer, dass allein der Nehmer bestimme, ob es gelungen sei.

Dieser Punkt ist der zweitwichtigste Aspekt am Schenken: Wir haben es gar nicht in der Hand. Wir können das Ergebnis nicht kontrollieren. Und genau dieser Punkt macht es einerseits so schwierig – und andererseits so spannend und so schön.

Gutscheine und Geldbeträge sind ein Versuch, die Schwierigkeiten zu umgehen. Auch Verabredungen, sich untereinander nichts oder nur etwas in festgelegten Größenordnungen zu schenken, dienen oft dazu, das Risiko des Scheiterns zu bannen. Doch man entgeht dem nicht. Nicht mal durch besondere Freigebigkeit: "Wenn man versucht, andere bei den Geschenken zu übertrumpfen, dann gerät der Beschenkte leicht in eine Schuldposition, in einen niedrigeren Status", sagt Adloff – Ausnahmen bilden Geschenke für Kinder.

Der eigentliche Wert: Aufmerksamkeit

Ein Geldgeschenk mag dem Beschenkten alle Freiheiten lassen – aber es zeigt auch, dass uns zu ihm nichts eingefallen ist. Das ist bei Fremden nicht so wichtig, bei Menschen, die uns nahestehen, ist es fatal, denn in diesem Fall landet jede Enttäuschung wieder beim Geber. Wir spüren sie selbst dann, wenn sie nicht ausgesprochen wird.

Es geht gar nicht um den Brillantring oder um die neue Uhr, es geht nicht um den sauteuren Spielroboter und auch nicht um den leistungsfähigsten aller Laptops. Der eigentliche Wert eines Geschenks liegt nicht im finanziellen Bereich. Es geht um: Aufmerksamkeit.

Der Sozialphilosoph Pierre Bourdieu war der misanthropischen Ansicht, dass wir mit Geschenken Uneigennützigkeit heucheln, dass es uns aber im Kern um die eigenen Vorteile geht. Dass wir auf werthaltige Gegengeschenke spekulieren. "Ja", sagt Frank Adloff zu diesem Gedanken, "das sagen auch die Wirtschaftswissenschaftler und die Psychologen. Ich sehe das nicht so." Adloff erläutert: "Der Schenkende ist nicht nur Homo oeconomicus, aber auch nicht nur altruistisch. Das Motiv fürs Schenken liegt in beiden Bereichen, es liegt im Interesse am anderen und an sich selbst."

Schenken als Glück und Risiko

Und dann sagt der Professor noch einen Satz, der nicht jedem nüchternen Sozialökonomen so einfach über die Lippen kommen würde: "Wenn jemand sich auf einen anderen zubewegt und ein Risiko eingeht, dann öffnet er das Herz, seines und das des anderen."

Und damit sind wir beim wichtigsten Aspekt des Schenkens: Was wir zurückbekommen, ist nicht bloß das, was mit unserem Namen drauf eingepackt unterm Baum liegt. Was wir zurückbekommen, ist das Leuchten in den Augen desjenigen, den wir beschenken.

Wie bei der jungen Frau, die ihrem Onkel vorliest. Sie bekommt etwas zurück, das mit keinem Geld der Welt zu bezahlen ist: dass er sich über sie freut. Jemandem etwas zu schenken kann schiefgehen. Aber wenn man das nicht riskiert, ist es schon schiefgegangen. Wer nicht schenke, schreibt Adorno, "macht sich zum Ding und erfriert".

Von Bert Strebe

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