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Neue Zeiten, neue Gesten

Kommunikation ganz körperlich Neue Zeiten, neue Gesten

Sie wissen nicht, was ein Dab ist? Macht nichts. Die Welt steckt voller Gesten, die sich die meisten Erwachsenen erst erklären lassen müssen – schnelle, scheinbar spontane Bewegungen, die je nach Lage Überlegenheit, Triumph oder Wut signalisieren. Sogar die Mächtigen buhlen damit um Aufmerksamkeit. Ohne Worte.

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Ohne Worte, aber nicht ohne Inhalt: Gesten gelten manchem Forscher als die ursprünglichste Form der Kommunikation – auch über Sprachgrenzen hinweg.

Quelle: Shutterstock

Hannover. Mai 2017, an einem Küchentisch in einer kleinen Ortschaft in Deutschland. Der Kopf des achtjährigen Mädchens fällt in die Beuge des rechten Armes, die beiden dünnen Ärmchen zeigen für einen Augenblick nach links oben. Eine Sekunde später sitzt das Mädchen wieder am Tisch vor seiner heißen Schokolade, als sei nichts geschehen. Ratlose Eltern. Hat die Tochter eine Niesattacke? Oder den Verstand verloren? Weder noch. Die Kleine hat mal eben einen astreinen Dab hingelegt. Damit gehört sie nach ihrem Verständnis zu den coolen Kids im Scheunenviertel. Oder wie es Skippa Da Flippa ausdrücken würde: Who fresher den me?

Der Rapper Skippa Da Flippa aus Atlanta, Georgia, ist angeblich der Erfinder des Dabbing. Er hat damit der Welt eine neue Geste beschert: Die Bewegung symbolisierte am Anfang die Zugehörigkeit zu einer Glamour-Halbwelt im Hip-Hop-Milieu mit teuren Partys, teuren Autos, teuren Drogen und noch teureren Anwälten. Mit anderen Worten: Der Dab war cool. Vielleicht zu cool. Denn plötzlich dabbte die Welt. Erst ein paar US-amerikanische Profisportler wie der Basketballer LeBron James (noch cool), die Steinzeitfamilie Feuerstein (sehr cool), es folgten Politiker (weniger cool), am Ende dabbte sogar Hillary Clinton (ohne Worte). Und jetzt? Dabbende Drittklässler in Deutschlands Norden. Was Skippa Da Flippa aus Atlanta dazu wohl sagen würde.

Mehr als nur das gesprochene Wort

Willkommen in der Welt der Gesten. Der neuen und alten, großen und kleinen, großzügigen und kleingeistigen, machtvollen und hilflosen. Der unzähligen bewussten und unbewussten Körpersignale, die je nach Kulturkreis in ihrer Bedeutung variieren und mehr über den Menschen aussagen können als jedes gesprochene Wort. Lange Zeit hat die Wissenschaft den Gesten wenig Bedeutung beigemessen, erst seit wenigen Jahrzehnten erfährt das bewegte Wort verstärkt Aufmerksamkeit.

Einige Forscher sehen in der Geste die ursprünglichste Form der Kommunikation: die geballte Faust, die zur Sonne und damit zum Gott erhobenen Hände. Der britische Verhaltensforscher Desmond Morris beschreibt den Menschen als einen von Beginn an gestikulierenden Primaten, dem es im Laufe der Evolution gelungen ist, allein mit seinen Augenbrauen 102 unterschiedliche Signale auszusenden.

Dabei hat die Menschheit weder Augenbrauen noch Gesten exklusiv. “Das ist altes Denken. Wir lernen gerade, dass es durchaus gestische Handlungen zwischen Tieren gibt, die nicht mit dem Instinkt erklärt werden können“, sagt Prof. Dr. Reinhard Krüger, einer der bekanntesten Gestenforscher Deutschlands. Diese Gestenkommunikation sei gelernt und beschränke sich nicht auf Primaten, ja, nicht einmal auf Säugetiere. Krüger verweist auf Forschungen mit Raben und Kraken. Mal ehrlich: Mit acht Tentakeln sind Kraken für nonverbale Kommunikation wie gemacht.

Mitteilung per Mittelfinger

Krüger hat 2016 ein Buch veröffentlicht, es heißt sehr direkt “Der Stinkefinger“. Darin erklärt der Berliner Wissenschaftler und Autor die unmittelbare Wirkung der Mittelfingergeste und deren abweichende Bedeutung über die Kulturkreise hinweg. In Arabien und Asien hätte man bis vor wenigen Jahren mit dem gestreckten Mittelfinger mitleidvolle Blicke geerntet und medizinische Hilfe bekommen. Die abwertende Botschaft der Geste war schlichtweg unbekannt, weil diese Region nie zum römischen Kulturkreis gehörte, wo Bürger und Legionäre mit dem “digitus impudicus“, dem unzüchtigen Finger, im Imperium Romanum täglich zum Ausdruck brachten, was sie von Kaiser, Imperium und den sanitären Verhältnissen im alten Rom grundsätzlich hielten.

Sigmar Gabriel (spontan), Peer Steinbrück (inszeniert), Frank Bsirske (doppelt), Stefan Effenberg (hochstilisiert) und Giannis Varoufakis (in echt!), sie alle sind Mittelfinger-Mitteiler. Wobei diese Geste selbst innerhalb Europas unterschiedlich interpretiert wird. Folgt man Fingerforscher Reinhard Krüger, dann war der Varoufakis-Finger nicht so drastisch gemeint, wie er bei uns in Deutschland aufgenommen wurde – was die Aufregung in Deutschland und das Befremden über diese heftige Reaktion in Griechenland erklären würde.

Briten mit guter Kinderstube zum Beispiel schwächen die Mittelfingergeste mit einem zweiten Finger, dem Zeigefinger, sogar bewusst ab – auch wenn sie dem Adressaten dieses Grußes die Pest an den Hals wünschen. Der britische Radrennfahrer Mark Cavendish bedachte mit diesem “two-finger-salute“ kritische Medienvertreter bei der Tour de Romandie, die weniger sensible Rennleitung nahm ihn daraufhin aus dem Wettbewerb.

Der sogenannte Dab (Titelbild) ist eine Erfindung von Rapper Skippa Da Flippa aus Atlanta

Der sogenannte Dab (Titelbild) ist eine Erfindung von Rapper Skippa Da Flippa aus Atlanta.

Quelle: Audible Treats

Wir verwenden Gesten unbewusst, um im Gespräch das Gesprochene zu unterstützen. In dieser Form sind sie ehrliche Indikatoren dafür, was wir wirklich meinen – die unbewusste Geste lügt nicht, sie entlarvt. Der amerikanische Psycholinguist David McNeill hat die Geste einmal das „Fenster zum Denken“ genannt. Die Körpersprache von US-Präsident Donald Trump ist wiederholt einer Prüfung unterzogen worden, sein “sprechender Zeigefinger“ wurde gedeutet. Mehrheitliche Meinung: Trump meint wirklich, was er sagt. Und: Trumps Fenster zum Denken ist größer als alles dahinter.

Man darf vermuten, dass Trump seinen herrischen Zeigefinger ganz bewusst einsetzt, um sich Respekt zu verschaffen, es ist ein Stück Selbstinszenierung. “In dem Augenblick, in dem die Individualisierung des Menschen beginnt, beginnt auch seine Selbststilisierung“, behauptet Reinhard Krüger. Der Mensch kreiere so seinen Wert in der Gesellschaft.

Einer, der die gestische Selbstinszenierung meisterlich beherrscht, ist Usain Bolt. Seine Siegespose “To Di World“, der Bogenschütze, wird so eindeutig mit seiner Person verbunden wie der Moonwalk mit Michael Jackson. Der “Signature Move“ zahlt sich aus, Bolt ist der bestbezahlte Leichtathlet der Gegenwart mit Antrittssummen für eine Laufveranstaltung von bis zu 500 000 US-Dollar. Der Torjubel des Fußballers Paul Pogba? Dabbing, am liebsten gemeinsam mit Mitspieler Jesse Lingard, so lange, bis die Gelbe Karte droht. Marktwert Pogba: 80 Millionen Euro.

Emojis als Gestenersatz

Reinhard Krüger sagt, Gesten seien erheblich langlebiger als Zeichen der verbalisierten Sprache, weil sie kaum durch Wandlungsprozesse beeinflusst würden. Er nennt ein Beispiel aus Italien, wo das Zeichen für Telefonieren immer noch das Drehen am Kurbeltelefon ist – ein Telefon, das auch südlich der Alpen nicht mehr unbedingt zum Standard gehört. Das Herunterkurbeln eines Autofensters wird in Deutschland weiterhin ebenfalls mit einer Kurbelbewegung symbolisiert, obwohl mittlerweile elektrische Fensterheber diese Arbeit erledigen. Wie lange wird dies noch so sein? Die Computerisierung der Alltagswelt, wo eine Displayberührung alles Mögliche in Gang setzen kann, lässt vermuten, dass es in Zukunft immer weniger neue Gesten geben wird.

In Kurznachrichten übernehmen Emojis die Rolle der Gesten, sie bewirken, so Krüger, “eine semantische Färbung und räumen Zweifel aus“. Wie die Körpersprache in einer direkten Gesprächssituation. Inhaltsleer werden die Bildzeichen, wenn sie selbst die Rolle der Botschaft übernehmen. Das weltweit am meisten verwendete Emoji 2015 war “Gesicht mit Freudentränen“, das man in jeder Unterhaltung auf Whatsapp, bei Facebook oder Instagram dutzendfach findet. Wenn die Erinnerung nicht trügt, dann war 2015 nicht außergewöhnlich lustig, obwohl in jenem Jahr das Dab-Emoji geboren wurde.

Ein Jahr zuvor war das weltweit am häufigsten genutzte Wort in der digitalen Kommunikation übrigens kein Wort, sondern das Herz-Emoji. Das wiederum ist eine nette Geste.

Von Bruno Brauer

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