Startseite WAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Ostern ist das neue Weihnachten

Fest ohne Stress Ostern ist das neue Weihnachten

Es gibt einen neuen Star unter den Feiertagen: Das Osterfest ist den Deutschen lieber denn je. Die Fastenzeit geht zu Ende, es darf gelacht und geschlemmt werden. An Ostern kommen Familie und Freunde zusammen, ohne Erwartungsdruck und Erfolgszwang, entspannter und fröhlicher als zu Weihnachten.

Voriger Artikel
Drogen gegen den Druck
Nächster Artikel
Zusammen ist man weniger allein

Feiertag ganz ohne Druck: Ostern ist den Deutschen das liebste Fest – und passt erstaunlich gut in die moderne Gesellschaft.

Quelle: Imago / Shutterstock

Der Süßigkeitenfabrikant Windel hat gerade einen Kalender auf den Markt gebracht. Mit kleinen Türchen, auf denen eine Zahl steht. Wer das Türchen öffnet, findet dahinter ein Schokoladentäfelchen. Ein Adventskalender im März – ist die Weihnachtsindustrie jetzt völlig durchgedreht? Es ist viel schlimmer: Der Osterkalender ist da. Zehnmal Türchen öffnen bis zum großen Höhepunkt, dem Ostersonntag. Halleluja. Oder auch ojemine.

Einst war es nur ein Synonym für glücksberauschte Momente. Heute ist "Ostern und Weihnachten an einem Tag" die korrekte Beschreibung für das höchste Fest im Kirchenjahr. Es regnet Geschenke. Es regnet Schokolade. Die Spielzeugindustrie setzt im Ostermonat 30 Millionen Euro extra um. Die Schokoladenindustrie verkauft 213 Millionen Osterhasen, die 146 Millionen Nikoläuse sind nicht mehr König im Saisonregal.

Für knapp die Hälfte der Deutschen, egal ob glaubensnah oder glaubensfern, ist Ostern inzwischen das wichtigste Familienfest neben Weihnachten – aber es ist auch das unkomplizierteste, fröhlichste, einfachste. Kein Erwartungsdruck, kein Erfolgszwang, keine wochenlangen Vorbereitungen. Ostern ist das andere Weihnachten. Ostern ist das Fest, das in die Zeit passt.

Zurück zum Weltlichen

Wer da sogleich Kulturvergessenheit und Oberflächlichkeit fürchtet, sei beruhigt: 78 Prozent der Deutschen sind sich sehr wohl bewusst, worum es in der Osterzeit geht. Sie wissen, so belegt eine Emnid-Umfrage, dass beide christliche Kirchen am Ostersonntag die Auferstehung Jesu feiern. Zu allen Zeiten war dies ein Tag der Freude, auch ohne Hasennest und Eiersuchen.

An diesem Sonntag endet für Protestanten und Katholiken die Passionszeit, die Zeit der Trauer um Christi Kreuzigung und Tod. Die Menschen dürfen die Bedrücktheit des Karfreitags hinter sich lassen. Sogar die Pfarrer sind dazu ermuntert, in ihre Predigt einen Spaß einzuflechten, damit die Gemeinde etwas zu lachen hat. Und: Die Gläubigen dürfen nach der langen Zeit des Fastens schlemmen, sich an Lammbraten und Osterfladen und einem Glas Wein ergötzen.

Da wird's dann wieder ganz weltlich, womöglich sogar zeitgeistlich. Und liefert eine erste Erklärung für die wachsende Bedeutung von Ostern auch für Menschen, denen die christliche Botschaft nur wenig sagt. "40 Tage ohne", die Fastenverpflichtung von Aschermittwoch bis Ostern, nimmt inzwischen gut die Hälfte der Deutschen als Herausforderung an.

"40 Tage ohne" im Trend

35 Prozent haben einer Forsa-Umfrage vom Januar zufolge schon öfters mehrere Wochen durchgehalten, weitere 18 Prozent haben wenigstens hier ein bisschen, da ein bisschen auf eine Sache verzichtet, die ihnen sonst lieb und wert ist. Da geht es längst nicht nur um Fleisch und Alkohol, sondern auch um Konsum und Onlineverfügbarkeit. Für alle aber gilt: Am Ostersonntag fängt das normale Leben wieder an.

"Gibt es ein schöneres Fest als eines, das Durchhalten und Erfolg belohnt?", fragt da Trendforscher Oliver Leisse, Gründer des Hamburger Strategieinstituts "See more", und spricht den meisten Verzichtskünstlern aus dem Herzen. Das gesellschaftliche Drumherum hat abgefärbt auf die neue Wahrnehmung der Osterzeit.

"Das fängt mit dem Essen an und hört mit der Zusammensetzung der Festgesellschaft auf", sagt Oliver Leisse und vergleicht: "Advent und Weihnachten, das ist für den größeren Teil der Deutschen die Zeit der Völlerei. Wir knabbern wochenlang an Keksen, und in den Weihnachtstagen selbst kommen schwere, fette Speisen in Hülle und Fülle auf den Tisch. Ostern aber kennt nur zwei Festmahlzeiten: das Osterfrühstück und den Osterbraten. Da futtert man noch ordentlich Schokoladeneier dazu, aber das war's dann auch."

Willkommene Verschnaufpause

Im wahrsten Sinne weniger belastend sei das Fest der Auferstehung: Man gönnt sich einen einzigen Tag der Üppigkeit. Auch das passt in die Zeit. Danach geht‘s zurück in einen Lebensstil, der insbesondere der mittleren Generation zwischen 30 und 59 selbstverständlich geworden ist: Man ist achtsam mit seiner Ernährung. Hin und wieder eine Auszeit von der Vernunft darf aber sein.

Eine Verschnaufpause, genauso empfindet es auch Carolina Färche. Sie ist 41, Lehrerin, verheiratet, Mutter dreier kleiner Jungen und bekennende Oster-Enthusiastin. "Das sind immer die schönsten Mini-Ferien. Mit unseren besten Freunden, die wir vom Studium kennen und die verstreut leben, mieten wir jedes Jahr ein Ferienhaus an der Ostsee oder wir gehen eine Woche Ski fahren."

In einem Satz hat die Usedom-Begeisterte so ziemlich alle Ostertrends zusammengefasst. Statt des vorweihnachtlichen Aushandelns großfamiliärer Treffen (Feiern wir beim jüngsten Bruder, bei der ältesten Schwester? Müssen wir jedes Mal Vaters Bowle trinken? Wer hilft beim Vorbereiten?) gibt es eine kurze Absprache mit den besten Freunden, die ähnliche Interessen und Vorlieben haben.

Das Fest der "Neo-Familie"

"Neo-Familie" nennt Trendforscher Leisse den Kreis von selbst gewählten Vertrauten, mit dem die jüngere und mittlere Generation in diesen Tagen am liebsten zusammenkommt. Aber warum braucht die "Neo-Familie"  neben Weihnachten noch ein Kuschelfest? Könnte man das alles nicht an einem x-beliebigen langen Wochenende genauso genießen?

Es wäre nicht das Gleiche, glaubt Leisse. "Die Welt hat sich in den 15 Jahren seit dem Terror des 11. September dramatisch verändert, die Wirtschafts- und Finanzkrise hat auch die Deutschen nachhaltig irritiert", sagt er. "Sie haben ein großes Bedürfnis nach Feiern in einem ritualisierten, positiven Rahmen." Die Menschen, sagt Leisse, "haben gelernt, wie wichtig verschiedene soziale Beziehungen sind. Und wie sie ihr soziales Konto wieder auffüllen."

An Ostern ist das leicht. Man kann sich ohne große Detailplanung verabreden. Jeder weiß, an welchen Tagen garantiert nicht gearbeitet wird und dass er nur vier Tage Urlaub nehmen muss, um zehn Tage am Stück freizumachen. Ein Bonuspunkt für die moderne Patchworkfamilie, deren Mitglieder in verschiedenen Bundesländern leben: An diesen zehn Tagen haben fast alle Kinder gleichzeitig schulfrei.

Winteraustreibung und Sommerverlängerung

Kein Wunder, dass Ostern bei den großen Reiseveranstaltern wie Tui die wichtigste Reisezeit ist. Mit den Kanaren und Mecklenburg-Vorpommern als Lieblingszielen. Winteraustreibung hier, Vorverlängerung des Sommers dort. Da ist Ostern eben doch ganz anders als Weihnachten.

Am Tag nach Weihnachten ist etwas vorbei, eine lange Strecke Dunkelheit und Kälte stehen den Menschen noch bevor. An Ostern aber öffnet sich die Welt jenseits der eigenen Quadratmeter wieder. Beides hat sein Gutes, der Rückzug und das Hinausgehen. Beides hat seine Zeit. Und beides ist am schönsten, wenn es seine eigenen Rituale pflegt.

Deshalb bräuchte eigentlich auch keiner den Adventskalender an Ostern. Selbst der Hersteller scheint nicht so ganz überzeugt von der Sinnhaftigkeit seines Produkts. Unter "Verbraucherservice" gibt er auf seiner Internetseite Antwort auf die drängende Frage, wann denn das erste Türchen des Osterkalenders zu öffnen sei. Antwort: entweder als Countdown zehn Tage vor dem Ostersonntag oder am Ostersonntag – dann sind die zehn Tage danach Belohnung fürs Fasten. Ojemine. Ein ganz entspanntes Osterfrühstück tut’s doch auch.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema