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Die neue Deutsche Teilung

Flüchtlingsstrom schafft Spannungen Die neue Deutsche Teilung

Helfen oder schnell dicht machen? Der Zustrom von Flüchtlingen schafft Spannungen jenseits der alten Ost-West-Gegensätze. Helfer und Hetzer wohnen oft am gleichen Ort – aber blicken auf die Welt, als lebten sie auf verschiedenen Planeten. Woher kommt die Trennlinie? Und wie kann man sie überwinden?   

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Helfen oder schnell dicht machen? Der Zustrom von Flüchtlingen schafft Spannungen jenseits der alten Ost-West-Gegensätze.

Quelle: Mester

Hannover. Intercityzüge der Bahn werden dieser Tage zu rollenden, schaukelnden Orten interessanter neuer Begegnungen. Viele Deutsche treffen hier, zwischen Rostbratwürstchen und Kaffee HAG, zum ersten Mal in ihrem Leben auf Flüchtlinge aus Syrien.

„Zug ist stark ausgelastet“, heißt es auf Anzeigetafeln an bayerischen Bahnhöfen, wenn Erstaufnahmestellen in Wien und München mal wieder per ICE ihre Schützlinge nach Norddeutschland fahren lassen. Pendler in Regensburg oder Nürnberg wissen dann schon Bescheid und nehmen, wenn sie auf einen Sitzplatz Wert legen, den nächsten Zug. Dabei kann es ganz nett sein mit den Syrern. Ein Schaffner bestätigt das: „Wir dachten, es gibt mehr Probleme, aber es läuft alles ziemlich rund.“

Der Zug ist voll. Man rückt zusammen. Auf dem Teppichboden sitzen, teils im Schneidersitz und Knie an Knie: syrische Teenager, ein deutscher Versicherungsvertreter, ein syrischer Opa, zwei deutsche Wanderer mit großen Rucksäcken, dann wieder viele Syrer, am Ende deutsche Teenager, kaugummikauend und in ihr Handy starrend.

Es klappt nicht mit der Verständigung

Ein Deutscher, Managertyp, lose Krawatte, klappt den Laptop zu und fragt eine Gruppe junger Syrer: „Sprecht ihr Englisch?“ „No.“ Wo kommt ihr her? „Syria.“ Wo wollt ihr jetzt hin? „Syria.“ Es klappt nicht mit der Verständigung. Aber alle lächeln sehr höflich.

Der Rentner hat eine junge Frau ausfindig gemacht, die beim Übersetzen helfen kann. Er sagt: „Wir sind ja selbst auch geflohen.“ – „He was a refugee, too“, sagt die Frau. Die jungen Syrer wundern sich. Der Rentner berichtet von seiner Flucht aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet, da konnte man nach dem Krieg als junger Mann unter Tage gutes Geld verdienen. „Schade, dass es die Kohlegruben nicht mehr gibt. Das wäre jetzt ein guter Job für euch, wisst ihr, für den Anfang.“ – „The coal mines are closed, too bad.“ Hilflos sehen die Syrer einander an. Kohle? Coal? Was will der alte Mann? Alles sehr gut verstanden hat indessen die Frau des Rentners, die ihren Lebenspartner milde anblickt: Was für ein netter Mann. Gönnt Flüchtlingen im ICE ein nettes Wort. Der Zug rattert, das Schweigen kehrt zurück. Alles ein bisschen surreal, ein bisschen rührend, wie in einem Film von Jim Jarmusch.

Ein Abteil weiter lästert eine dicke  deutsche Frau: „Möchte mal wissen, was allein die Fahrkarten für die alle kosten.“ Als andere Fahrgäste aufblicken, setzt sie nach: „Ich meine: Wir bekommen doch auch nichts geschenkt, oder?“

Woher kommt diese Spaltung? Warum reagieren in exakt derselben Situation die einen so freundlich und die anderen so feindselig auf Fremde?

Im Jahr 25 nach der deutschen Vereinigung stellt sich eine neue Gretchenfrage. Wie hältst du es mit den Flüchtlingen? Der Riss geht, mit verblüffender Präzision, exakt durch die Mitte der Gesellschaft. 50 Prozent sagten im jüngsten Politbarometer, sie stünden hinter der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. 50 Prozent: keine Mehrheit, aber auch keine Minderheit. Eine neue deutsche Uneindeutigkeit verbindet Ossis und Wessis. In den teuren Vierteln Potsdams blickt man aus efeuumrankten Villen genauso entspannt aufs blinkende Wasser wie am Starnberger See. In Berlin-Marzahn stören zur gleichen Zeit bettelnde Roma-Kinder die Aldi-Kundschaft ebenso wie in Duisburg-Marxloh.

Dass etwa „die Dresdener“ generell ausländerfeindlicher seien als die Dortmunder, darf niemand ernsthaft behaupten. In Dresden begegnet man zwar besonders engagierten Hetzern. Doch hier leben auch besonders engagierte Helfer. Jüngst wurde Elisabeth Ehninger, Vorsitzende des Vereins „Dresden – Place to be“ vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger mit dem „Bürgerpreis 2015“ ausgezeichnet. Ehningers Verein hat mit Konzerten und Aktionen Zeichen gesetzt und vermittelt dauerhaft Paten an Neu-Dresdener aus dem Ausland.

Der Sänger Dolus Mutombo auf der Bühne des zweiten Open-Air-Konzertes des Vereins "Dresden - Place to be e.V.".

Der Sänger Dolus Mutombo auf der Bühne des zweiten Open-Air-Konzertes des Vereins "Dresden - Place to be e.V.".

Quelle: Arno Burgi/dpa

Die einen empfinden so etwas als Vorbild und würden gern bei ähnlichen Aktionen helfen. Den anderen fiele dies im Traum nicht ein. Für beide Seiten gibt es Prototypen. Die Helfer: Da sieht man die idealistische Studentin vor sich mit wehendem Haar, auf dem Weg, Bio-Apfelkuchen für alle zu backen, die Eltern sind Akademiker, man lebt in gesicherten Verhältnissen.

Oft sind die, denen es gut geht, diejenigen, die Gutes tun. Dagegen sind jene, die sich selbst ökonomisch wackelig fühlen, Fremden gegenüber weniger hilfsbereit: Zeit- und Leiharbeiter, Arbeitslose, Ältere mit kleiner Rente.

Jüngste Zahlen aus der Demoskopie bestätigen diese Deutung. Die Forschungsgruppe Wahlen fragte: Schaffen wir das? Kann Deutschland die mit dem Flüchtlingszustrom verbundenen Lasten tragen? Zweifel daran äußern nur 35 Prozent derjenigen, denen es nach eigener Einschätzung wirtschaftlich gut geht. Unter denen, die sich in einer schlechten Lage sehen, sind dagegen 52 Prozent eher skeptisch.

Hohes Bildungsniveau, Optimismus, eine Kindheit mit liebenden Eltern, Zutrauen in die eigene Leistungskraft, vielleicht gar ein bisschen Immobilienbesitz: Dies alles scheinen Faktoren zu sein, die uns im Zweifel etwas ausländerfreundlicher und hilfsbereiter machen. Der maßgebliche Faktor liegt nicht allein im Ökonomischen. Er liegt im Selbstvertrauen, in Gelassenheit, in einer inneren Sicherheit im psychologischen Sinne.

Ausländerfeindlichkeit und Rassismus wurzeln in Angst

Der nette Rentner im ICE hat vielleicht auch nicht mehr Geld als die feindselige Frau ein Abteil weiter. Aber er hat, das ist das Entscheidende, keine Angst.

Ausländerfeindlichkeit und Rassismus wurzeln in Angst. Das Wort Xenophobie, Angst vor dem Fremden, hört man meist nur als Vorwurf gegen jene, die diese Angst haben. Manche schüren diese Angst in verwerflicher Weise. Andere aber sind wirklich nur Opfer dieser Angst. Muss man nicht den Gedanken zulassen, dass Xenophobie sich in modernen Gesellschaften leise ausbreitet wie andere psychische Störungen auch? Dass sie, wie andere Ängste, die Schwächsten zuerst befällt?

Guten Menschen, die jetzt bereits den Flüchtlingen helfen, steht eine weitere Prüfung ihrer Güte und Größe bevor, über die bislang kaum jemand spricht.Schaffen sie es auch, Helfer zu sein für ängstliche Einheimische? Gönnen Sie auch ihnen ein nettes Wort? Heute wie vor 25 Jahren gilt, dass die Teilung durch Teilen überwunden werden kann. Wenn die Ängstlichen mehr Sicherheit empfinden, hilft dies am Ende allen.

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