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“Doctor Strange“ und mehr DVD-Tipps

DVD-Tipps von Matthias Halbig “Doctor Strange“ und mehr DVD-Tipps

Von Benedict Cumberbatch als Marvel-Zauberlehrling über ein episches Jugend-Roadmovie von Fatih Akin, von einem meisterhaften Thriller mit Hitchcock-Anleihen bis zur neuen Staffel des Sci-Fi-Kulturkampfs “The 100“: Die DVD-Tipps von Matthias Halbig.

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Quelle: dpa

Hannover.
Doctor Strange: Die Welt steht in dieser Marveliade unentwegt Kopf. In “Doctor Strange“, einem der wenigen guten Superheldenfilme der vergangenen Kinosaison, wird die Kunst, Architektur zu wandeln und zu falten, Straßenzüge und ganze Stadtteile zum Leben zu erwecken, die man schon aus Christopher Nolans “Inception“ kannte, zur Meisterschaft gebracht. Außerdem heißt der Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch, ein vortrefflicher Schauspieler also, der auch außerhalb fantastischer Superheldengarderobe seinen Sherlock steht.

Bevor er als Zauberissismus ein sensationell aussehendes Marvel-Gaga durchwandert, um einen magischen Superbösewicht (Mads Mikkelsen) zu bekämpfen und die Übernahme der Erde durch ein unendlich böses Wesen aus einem Paralleluniversum abzuwenden, durchläuft er die Tragödie eines superarroganten Chirurgen, der die Sicherheit seiner Hände bei einem Verkehrsunfall verliert. Wenn er dann sein eigenes magisches Artefakt, ein Cape alten Zuschnitts, findet, das ihm einen Bösewicht einwickelt und verprügelt und dass seinen Kragen zärtlich an die Wange seines Herrn schmiegt, ist das fast so schön wie damals in Hogwarts bei Harry Potter.

Tschick: Wolfgang Herrndorfs deutsche Neuausgaben von Tom und Huck starten mit dem geklauten Lada in Berlin einen Trip in die Schönheit echter Freundschaft. Maik und Tschick heißen sie und müssen dringend weg “in die Walachei“, denn die Elternhäuser sind Gefühlsruinen und die Klassenprinzessin Tatjana, in die Maik verliebt ist, lädt die beiden als einzige nicht auf ihre “Scheißparty“ der Hippen und Coolen ein.

Fatih Akin hat die Geschichte der zwei Fänger im Mais kongenial verfilmt, und verfügt mit Anand Batbileg (Andrej “Tschick“ Tschichatschow) und Tristan Göbel (Maik Klingenberg) über zwei „natürliche“ Schauspieler, denen man verliebt auch durch zehn Stunden “Tschick“-Fernsehserie folgen würde. Zudem hat er gute Musik draufgelegt, Beatsteaks, K.I.Z. und Co. Am Witzigsten ist, dass sie Richard Claydermans uralte Pianoschnulze “Ballade pour Adeline“ zur Hymne ihrer Reise erklären. Kein falscher Ton in diesem Coming-of-Age-Roadmovie. Eine Riesenfackel ist hier angezündet worden fürs Anderssein, das so viel wunderbarer ist als das Konformsein.

Der unsichtbare Gast: Da läuft ein Reh über die Fahrbahn und dann ist da plötzlich dieses andere Auto und als die Schrecksekunde vorbei ist, liegt darin ein toter junger Mann. Das Liebespaar (Mario Casas, Bárbara Lennie), darauf aus unentdeckt zu bleiben und keinesfalls mit der Polizei in Berührung zu kommen, entsorgt ihn samt Wagen in einem See. Doch es gibt einen möglichen Zeugen und dann eine Erpressung, der Liebhaber erwacht im abgeschlossenen Hotelzimmer, die ermordete Geliebte an seiner Seite. Er wars nicht, schwört er der Anwältin (Ana Wagener), die ihn aus dem Schlamassel holen soll, aber es sieht schlecht aus, denn niemand kann das Zimmer betreten oder verlassen haben.

Oriol Paulos “Der unsichtbare Gast“ ist ein Meisterstück des subjektiven Thrillers. Immer wieder ordnet sich die Wahrheit auf verblüffende Weise neu, immer wieder sieht man die Charaktere in neuem Licht bis einem der verblüffende Schluss ein “Chapeau!“ entfahren lässt. Der Katalane Paulo hat sich den großen Alfred Hitchcock zum Vorbild genommen und ihm einige Ehre gemacht. Wie auch Fernando Velázquez, dessen Musik an die großen Hitchcock-Scores von Bernard Herrmann erinnert.

The 100, Staffel 3: Krieg und Frieden in einer nachzivilisatorischen Zeit auf dem wieder grünen Planeten. In der Science-Fiction-Serie “The 100“ finden im All geborene Menschen bei ihrer Rückkehr auf die angeblich verlassene Erde Stämme vor, die ihre Herrschaftsgebiete nicht kampflos aufgeben wollen. Friedensbewegte beider Seiten haben es da schwer. In der dritten Staffel wird auf Seiten der “Grounders“ genannten Erdbewohner zwar die martialische Eiskönigin zur Strecke gebracht (“Die Tribute von Panem“ lassen grüßen), bei den Rückkehrern wird jedoch die Trump-artige Existenz Pike, ein ehemaliger Lehrer, Ratsvorsitzender, der den Kräften, die nach Frieden streben, einen breiten, blutigen Strich durch die Rechnung macht.

Die faschistoid sich gebärdenden Herren des neuen Paradieses wollen in ihrem „Arcadia first“-Wahn die Ausrottung der zwölf Grounder-Clans erreichen, die Ereignisse tun in der Folge das, was sie in guten Serien gerne tun – sie spitzen sich zu. Showrunner Jason Rothenberg hat allerdings das Rezept geändert. Aus dem subtilen, vielschichtig-farbreichen Gesellschaftsporträt der zweiten Staffel wurde in der dritten die eher kraftvolle Schwarzweiß-Malerei alter Wildwestfilme. Was der Spannung indes kaum Abbruch tut.

The Accountant: Chris Wolff ist ein eher spröder Mann: Anzugträger, Buchhalter, mathematisches Genie und Autist. Er hat keine Freude an Menschen, freut sich höchstens, wenn sie Freude an Zahlen haben. Er rettet mit seiner Arbeit kleine Farmer vor der Pfändung und macht zugleich Geld für die finstersten Unterweltorganisationen sauber. Mit der Steuerfahndung an den Fersen nimmt er einen legalen Prüfungsauftrag beim Kybernetikkonzern Living Robotics an, bei dem hohe Millionenbeträge verschwunden sind. Als einer der Firmengründer an einer Überdosis Insulin stirbt, wird “The Accountant“ im Handumdrehen zum kaltblütigen Kämpfer und legt dabei erstaunliche Wehrhaftigkeit an den Tag.

Ben Affleck erinnert als Wolff an seinen anderen Doppelcharakter “Batman“, er ist hier besser als im Cape des dunklen Ritters, hat es aber dennoch schwer, den Zuschauer in diese Mixtur aus kompliziertem Wirtschaftsthrill und Familiendrama zu ziehen und ihn für seine emotionsarme, letztlich tragische Figur mit ihrem unkonventionellen Moralkompass zu erwärmen.

Conni & Co: Dass nun auch aus der Bilderbuchheldin Cornelia Klawitter eine Kinderfilmheldin wurde, hängt wohl mit dem phänomenalen Erfolg des Reiterinnenduos Bibi und Tina zusammen. In „Conni & Co“ hat es die Siebtklässlerin Conni (Emma Schweiger) schwer. Auf dem neuen Gymnasium gibt es vornehmlich Zicken und Blödmänner und ihr bester Freund Paul hat nicht die Traute, zu ihr zu stehen. Dann kommt das Mädchen auch noch auf den Hund. Das zugelaufene Tier entpuppt sich als frisch preisgekrönter Jack-Russell-Terrier des sadistischen Schuldirektors (Heino Ferch kommt einem wie ein Götz-George-Imitator vor).

Die Charakterzeichnung hier ist durchgehend schwach, das Drehbuch voller Ungereimtheiten, die Inszenierung ungelenk, der Witz unwitzig und seine spannendste Szene hat sich der Film von Rob Reiners “Stand by Me“ geborgt. Immerhin ist Iris Berben ein Hingucker als Connis coole Großmutter auf uraltem Motorrad. Aber je länger der Film dauert, desto deutlicher wird: Emma Schweiger wäre hier niemals zu sehen gewesen, wäre sie nicht Tils Tochter, denn Emma Schweiger kann einfach nicht spielen. Immer scheint sie zu überlegen “Was mach ich als Nächstes?“, was ihrer Performance etwas unglaublich Gedehntes, Langsames verleiht. Und jede ihrer Zeilen klingt wie vom Blatt abgelesen.

Von Matthias Halbig

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