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"Was 'Lügenpresse' bedeutet, das weiß ich"

Gastbeitrag von Joachim Gauck "Was 'Lügenpresse' bedeutet, das weiß ich"

Diskussion statt Denunziation: Bundespräsident Joachim Gauck nimmt die Medien in einer Rede zum 60. Geburtstag des Presserats gegen das verächtliche Wort von der "Lügenpresse" in Schutz. Und fordert zugleich die Rückkehr zu einem informierten Meinungsaustausch.

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"Weil die Medien Teil, aber nicht Auslöser der Vertrauenskrise sind, können sie diese Krise auch nicht allein überwinden": Bundespräsident Joachim Gauck über die Zukunft des Journalismus.

Quelle: dpa

Wenn wir von Tages- und Wochenzeitungen sprechen, dann sprechen wir leider zugleich über eine Krise des Gedruckten, eine Krise der Printmedien. Der Kern der Herausforderung ist die Digitalisierung. Sie eröffnet schier unendliche Möglichkeiten der Wissensaneignung, der Teilhabe und Kommunikation.

Aber sie stellt zugleich das Geschäftsmodell des Journalismus, wie wir ihn kennen, infrage: Wenn jeder sein eigener Verleger, Redakteur und Autor sein kann, lautet die bedrohliche Frage, wer braucht dann noch Journalisten, noch Qualitätskontrolle, noch Zeitungen? Tageszeitungen werden den Wettlauf um die Verbreitung der Nachricht nicht gewinnen können.

Die alles entscheidende Frage bleibt, wie sich journalistische Qualität, ökonomischer Erfolg und publizistisches Ideal zu einem harmonischen Ganzen fügen lassen. Eine Antwort darauf ist noch nicht gefunden. Das gegenwärtige Umfeld bleibt schwierig. Und als sei es noch nicht schwierig genug, müssen sich Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehredaktionen als "Lügenpresse" beschimpfen lassen.

Institutionen in der Vertrauenskrise

Die Vertrauenskrise, die wir beobachten, erfasst keineswegs allein die Medien. Sie ergreift ebenso die Politik einschließlich der Parteien genauso wie die Gewerkschaften, die Kirchen, den Sport und mit ihnen viele andere Institutionen des Staates und der Gesellschaft. Zum Lebensgefühl vieler gehört offenbar die angebliche Gewissheit, dass auf nichts und niemanden mehr Verlass sei.

Und was die Medien betrifft: Dass es ihre Aufgabe ist, Überbringer auch von unerwünschten Nachrichten zu sein, bringt sie in eine höchst unkomfortable Lage. Die Tageszeitung auf dem Frühstückstisch eröffnet den ersten Blick hinein in die Welt des Politischen, die bei manchem Leser Misstrauen, Widerspruch, ja, Widerwillen erzeugt. Aus dieser Rolle können die Medien sich nicht befreien. Auch die Zustände, die sie beschreiben, können sie nicht heilen. Und weil die Medien Teil, aber nicht Auslöser der Vertrauenskrise sind, können sie diese Krise auch nicht allein überwinden. Das ist ihr Dilemma.

Noch sind die, die sich abwenden und die Unvoreingenommenheit der Medien grundsätzlich in Zweifel ziehen, nicht in der Mehrheit. Im Vergleich mit anderen Institutionen von Staat und Gesellschaft ist die Wertschätzung des Journalismus noch immer relativ hoch. Aber es ist eine starke und lauter werdende Minderheit, die Misstrauen gegen Medien hegt.

Der Hass auf die Medien erschreckt

Ja, Verstöße gegen das Sorgfalts­prinzip kommen vor. Fehler aufzuzeigen und Kritik an der Berichterstattung zu üben ist nicht nur akzeptabel, sondern erwünscht. Doch wer behauptet, eine fehlerhafte Berichterstattung sei nicht etwa Ausnahme, sondern Regel, nicht Unzulänglichkeit, sondern Vorsatz, der hat vermutlich weniger die Wahrung der Sorgfaltspflicht im Sinn als vielmehr die Bestätigung seiner Überzeugung, dass überall nur gelogen und betrogen werde.

Skepsis gegenüber den Medien, ja auch eine ausgeprägte Abneigung gegenüber deren Vertretern, ist wahrlich nicht neu. Aber der Effekt, den diese Minderheit der Medienverächter in der Öffentlichkeit erzielt, ist es. Und die maßlose Wut, ja der Hass auf die Medien, sie erschrecken.

Dass es heute so einfach ist wie nie, selbst für die krudesten Überzeugungen Anhänger zu gewinnen, macht den Umgang mit diesem Phänomen noch schwieriger. "Es ist im digitalen Zeitalter unendlich leicht, Parallelrealitäten und gleichsam wasserdicht versiegelte Mikro-Öffentlichkeiten zu erschaffen", erklärt uns der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Demokratie braucht Kommunikation

Die Sozialen Netzwerke und der Umgang mit ihnen haben zweifellos ihren Anteil an dieser Entwicklung. Wer sie nutzt, wählt aus, was er wahrnehmen will, wann und von wem er es lesen oder hören will und schließlich, mit welchem ausgewählten Kreis von sogenannten Freunden er seine Erkenntnisse teilen will.

Wenn es ausreicht, von sich selbst überzeugt zu sein, um erfolgreich inhaltsleeres Geschwätz oder bedeutungsschwangere Falschheiten verbreiten zu können, dann ist eine Verständigung unmöglich geworden. Demokratie ist aber auf gelingende Kommunikation angewiesen und damit auch auf die Medien, die Kontroversen abbilden. Sie braucht eine lebendige Öffentlichkeit. Sie lebt vom Austausch der Meinungen, nicht von Meinungsnomaden, abgeschlossenen, in sich kreisenden Systemen. Wenn Fakten eine immer geringere Rolle spielen, gefährdet das die Demokratie.

Zur Bewältigung der Vertrauenskrise wird schließlich auch gehören, Verachtung von Kritik zu unterscheiden. Wer der Lüge bezichtigt wird sollte, wenn er sich verteidigen will, einen Begriff von der Wahrheit haben. Die der Wahrheit verpflichtete Berichterstattung führt nicht umsonst die Gebote des Pressekodex an. Ich verstehe das als Aufforderung, Respekt vor den Tatsachen und der Realität zu haben und sich um eine wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit zu bemühen.

Journalismus verlangt permanente Selbstprüfung

Mir scheint, auch in Deutschland waren und sind Journalisten nicht immer davor gefeit, nur in eine Richtung zu schauen statt in alle möglichen. Die Selbstbefragung der Zunft stellt gerade heraus, dass Journalisten auch bei uns zuweilen versucht waren und sind, in die Echoräume des politischen Gleichklangs zu fliehen und Meinungen, die ihnen nicht behagen oder die sie nicht teilen, abzuwerten oder sogar zu ignorieren.

Und dass es auch in Deutschland nicht so einfach ist, strikt die Grenze einzuhalten zwischen Berichten, Aufklären und Belehren. Das verlangt vom Journalisten eine permanente Selbstprüfung, eine Selbstvergewisserung über die Kriterien der eigenen Arbeit.

Was dagegen "Lügenpresse" wirklich bedeutet, das weiß ich. Ich habe es erlebt, jahrzehntelang, in der DDR. Wer die Medien heute und hierzulande zur "Lügenpresse" umdeutet, dem geht es nicht um Diskussion, sondern um Denunziation; nicht um Unvoreingenommenheit, sondern um Meinungshoheit.

Zur Person
Joachim Gauck

Joachim Gauck hat als Bundespräsident zum 60. Geburtstag des Presserats eine Rede zur Zukunft des Journalismus gehalten. Der obige Text ist ein Auszug im Wortlaut.

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