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Mehr Medienkompetenz gegen Online-Sucht

Gastbeitrag von Marlene Mortler Mehr Medienkompetenz gegen Online-Sucht

Noch gilt Internetabhängigkeit nicht als Krankheit. Doch mehr als eine halbe Million junger Menschen hängen derart am Netz, dass ihr Leben aus den Fugen gerät. Der Jugendschutz hat auf das wachsende Problem der Online-Sucht bislang kaum Antworten.

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Der Jugendschutz hat auf das Problem der Online-Sucht bislang kaum Antworten. Deshalb muss mehr für Forschung, Prävention und Medienkompetenz getan werden, meint CSU-Politikerin Marlene Mortler.

Quelle: Fotolia

Wir befinden uns inmitten einer Phase gravierender Umwälzungen. Unser gesamter Alltag, ob beruflich oder privat, wurde und wird vom Internet und den digitalen Medien verändert. Vieles davon begrüße ich ausdrücklich. Seit seinen Anfängen hat sich das Internet rasant weiterentwickelt und eröffnet uns Möglichkeiten, die vor wenigen Jahrzehnten unerreichbar schienen. Entfernungen spielen keine Rolle mehr, wir können von zu Hause aus arbeiten und studieren, Waren oder Dienstleistungen bestellen und mit Menschen weltweit in Kontakt treten.

Diese Entwicklung hat aber einen Preis: Die Ruhephasen in unserem Leben werden weniger. Ständig wird nach unserer Aufmerksamkeit verlangt, ständig werden wir abgelenkt. Sich abzugrenzen fällt immer schwerer. Verwunderlich ist das nicht. Das Internet ist immer verfügbar, seine Nutzung kostet zumeist wenig, und man muss dabei keinerlei Kontakt zur Außenwelt aufnehmen.

Gerade für Jugendliche und Heranwachsende ist dieses Angebot attraktiv. Mit Folgen: Die PINTA-Studie hat bereits im Jahr 2011 bestätigt, dass ein Prozent der 14- bis 64-Jährigen als internetabhängig einzustufen ist; das sind immerhin rund 560 000 Menschen, wobei die Verbreitung der Internetabhängigkeit in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen am größten ist.

Nicht jeder Intensivnutzer ist süchtig

Von Internetabhängigkeit sprechen wir, wenn die Betroffenen nur noch ans Spielen oder Chatten denken, psychische Entzugssymptome wie Gereiztheit, Unruhe und Konzentrationsprobleme entwickelt und die Kontrolle über den Zeitverbrauch verlieren. Der Verlust der Arbeit, der Partnerschaft, von Freundschaften oder der Abbruch der Schule sind häufig die Folge.

Nicht jeder intensive Nutzer ist süchtig. In vielen Berufsfeldern wird die Nutzung des Internets erwartet, ja verlangt. In der Freizeit ist ein gutes Computerspiel geistig oft fordernder als der bloße Fernsehkonsum. Entscheidend ist, ob der Nutzer die Kontrolle behält oder nicht.

Noch gibt es keine allgemein anerkannte Diagnose der Internetabhängigkeit, die Forschung macht aber Fortschritte. Am besten untersucht ist der Teilbereich der Onlinespielsucht, fachsprachlich Internet Gaming Disorder. Die Weltgesundheitsorganisation plant die Aufnahme in die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme.

Menschen besser schützen

Der Drogen- und Suchtrat der Bundesregierung hat sich jetzt mit dem Thema Internetabhängigkeit befasst. Im Vorfeld haben hochrangige Wissenschaftler in einer Arbeitsgruppe wissenschaftliche Empfehlungen erarbeitet. Diese bilden in der nächsten Zeit die Grundlage meiner politischen Arbeit im Bereich der Internetabhängigkeit.

Zunächst brauchen wir mehr Forschung, denn sowohl bei der Diagnose als auch der Therapie müssen wir unser Wissen erweitern. Dafür müssen wir bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen. Doch schon bevor wir alles wissen, müssen wir besonders gefährdete Menschen besser vor suchtfördernden Internetangeboten schützen, vor allem Kinder und Jugendliche. Konkret heißt das, dass wir die rechtlichen Regelungen des Jugendschutzes besser als bisher an die Erfordernisse der Digitalisierung anpassen müssen.

Ein Beispiel ist die Alterseinstufung von Online-Spielen, in die nicht nur die Darstellung von Gewalt oder Sexualität, sondern auch die Bewertung suchtfördernder Faktoren einfließen sollte. Gerade Online-Rollenspiele enthalten vielfältige Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen, wer nicht spielt, fällt beispielsweise hinter andere Spieler zurück und wird für seine virtuellen Mitstreiter uninteressant.

Eltern müssen helfen

Noch wichtiger ist das Erlernen von Medienkompetenz. Im 21. Jahrhundert muss jeder die Fähigkeit entwickeln, selbstbestimmt zu entscheiden, wann man die digitalen Medien nutzt und wann nicht. Hier denke ich neben Kindern und Jugendlichen auch an die Eltern. Sie sind nicht nur entscheidende Vorbilder für ihre Kinder. Sie müssen auch in der Lage sein, ihre Kinder auf dem Weg zu einer Online-Offline-Balance wirkungsvoll zu unterstützen. Das gelingt häufig nicht. Auch wenn ich verstehen kann, dass Eltern die Thematik fremd ist: Wer gar nicht weiß, was die eigenen Kinder begeistert, wird ihnen in diesem Bereich kaum ein ernsthafter Gesprächspartner sein.

Stärken müssen wir auch die Frühintervention. Sie richtet sich an Personen, deren Nutzungsverhalten bereits problematisch ist, die aber noch keine komplette Internetabhängigkeit entwickelt haben. Leider gibt es bislang für diese Gruppe nur wenige Behandlungsangebote, die sich vor allem in den Ballungszentren konzentrieren. Wir müssen sie ausbauen und in die Fläche bringen. Das Internet selbst ist hier ein wertvolles Hilfsmittel: Mit dem jüngst gestarteten Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige (OASIS) holen wir die Betroffenen dort ab, wo sie stehen respektive sitzen: am heimischen Bildschirm.

Wir sind den gravierenden Umwälzungen durch das Internet nicht ausgeliefert, wir können sie gestalten. Mein Ziel ist es, dass wir seine Vorteile selbstbestimmt nutzen können. Damit das Internet für uns da ist – und nicht wir für das Internet da sein müssen.

Zur Person
Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Marlene Mortler.

Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Marlene Mortler.

Quelle: Chaperon

Die CSU-Politikerin Marlene Mortler ist seit Januar 2014 Drogenbeauftragte der Bundesregierung.

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