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Glücklich alt werden

Gastbeitrag von Horst Opaschowski Glücklich alt werden

Wer heute in Rente geht, steht meist noch mitten im Leben. Ein Segen für jene, die bis dahin nicht nur für ihr Auskommen, sondern auch für erfüllte Beziehungen gesorgt haben.

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Deutschland muss schneller werden

Die Deutschen werden immer älter. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um auch im Alter ein glückliches Leben zu führen?

Quelle: Lotte Meijer

Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot: Das war gestern. Auf dem Weg in eine langlebige Gesellschaft hilft auch der Hinweis auf einen festen Job und eine sichere Rente nicht weiter. Können die heute 30-Jährigen ihrer Zukunft gelassen entgegen sehen? Wann hört ihre Gelassenheit auf und wann fängt ihre (Vor-)Sorge an?

Die öffentliche Diskussion in Politik und Gesellschaft geht weitgehend an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei. Zukunftsvorsorge kann nicht länger als Synonym für Geldanlage verstanden werden. Realistischer ist ein umfassendes Verständnis von Zukunftsvorsorge – materiell und mental, physisch und sozial. Kapitalbildung kann Kontaktpflege nicht ersetzen. Wie hilfreich ist schon ein teures Penthouse am Starnberger See, wenn keiner kommt und einen besucht?

Langlebigkeit wird zur Normalität

Von den heute geborenen Deutschen wird 100 Jahre später die Hälfte noch am Leben sein. Unter allen westlichen Industriegesellschaften weisen Deutschland und Japan die stärkste Alterung auf. Der demografische Wandel gleicht einer Revolution auf leisen Sohlen: Die Lebenserwartung der Deutschen nimmt jedes Jahr um zwei bis drei Monate zu (derzeit 2,76 Monate pro Jahr). Alle zwei Wochen verlängert sich unser Leben um ein langes Wochenende, also um gut 80 Tage im Jahr.

Langlebigkeit wird ein Teil der Normalität. Wenn nach 2030 die Babyboomer aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wird man in Deutschland eine ganze Stadt mit Hundertjährigen füllen können. Nach der Hundertjährigen-Studie des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg lebt jeder zweite Hundertjährige im eigenen Haushalt, weist im Zeitvergleich der letzten Jahre höhere geistige Fähigkeiten auf und regelt auch seine Finanzangelegenheiten selbst.

Bedingungen für Lebensqualität

Veränderte Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, gesündere Umweltbedingungen sowie Fortschritte der Medizin sorgen für eine weiter zunehmende Langlebigkeit. Die Deutschen wissen die immer höhere Lebenserwartung sehr wohl zu schätzen, knüpfen ihre Erwartungen aber an die folgenden sechs Qualitätsbedingungen des Lebens:

1. Geist: An Jahren älter werden, im Kopf jung bleiben: Geistige Fitness wird zur größten Herausforderung für das alternde Gehirn. Immer mehr Senioren halten sich geistig fit. Sie wollen geistig nicht stehen-, sondern in Bewegung bleiben und beansprucht werden. Ganz im Sinne des Philosophen Cicero im Jahr 73 v.Chr.: Im Alter braucht man weniger körperliche Kraft. Stattdessen gilt es, den Geist durch regelmäßige Übungen ("exercitationes ingeni") zu stärken.

2. Gesundheit: Deutschland altert, aber geht nicht am Stock. Drei Viertel der über 65-Jährigen fühlen sich fit. In Zukunft können wir immer länger beschwerdefrei leben, wenn wir das persönliche Wohlbefinden nicht aus den Augen verlieren und für das Wohlfühlen in der eigenen Haut selbst Sorge tragen. Nachweislich wird das Leben im Alter immer lebenswerter: Die Deutschen verbringen 97 Prozent ihrer Lebenszeit ohne Pflegebedarf. Trotz steigender Lebenserwartung nimmt die pflegefreie Lebenszeit weiter zu – und nicht etwa ab.

3. Geld: Der Anteil berufstätiger Rentner hat sich im vergangenen Jahrzehnt von 6,5 auf 14,5 Prozent mehr als verdoppelt. Tendenz steigend. Um 2030 wird die Flexi-Rente mit einem Zeitfenster zwischen 60 und 70 Jahren Realität, die Kopplung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung auch. Die Hälfte der gewonnenen Lebenszeit muss dann in die Erwerbsdauer reinvestiert werden, um das Rentenniveau zu sichern. Die Zukunftsformel lautet: längere Lebenszeit = längere Lebensarbeitszeit = längere Rentenbezugszeit.

4. Geborgenheit: Wer gute Kontakte zur Familie hat, fühlt sich wohlhabender als der, der nur über Eigentum verfügt. Die Familie garantiert Geborgenheit und schützt vor vielen Armutsrisiken des Lebens. Der Beziehungsreichtum der Familie wird zur Zukunftsinvestition. Wenn die Altersversorgung schwächelt, nimmt die Familie als verlässliche Vollversicherung ihren Platz ein. Auch Freunde, Nachbarn und Hausgemeinschaften können zu lebenslangen Begleitern bis ins hohe Alter werden.

5. Glaube: Lebensbejaher leben länger. Lebenshungrig bleiben und den Mut zur Lebensbejahung nicht verlieren: Das ist die Glücksformel für ein gutes und langes Leben. Dieses Glücksgefühl fällt nicht vom Himmel. Man muss es wollen – und daran glauben. Wer trotz Krisen und Konflikten positiv in die Zukunft blicken will, darf nicht schon 30 Jahre vorher über Altersarmut jammern und sich bemitleiden. Eher bewährt sich der Grundsatz: das Beste aus dem machen, was man am besten kann.

6. Gebraucht werden: Mit dem Ende der Erwerbsarbeit ist die Lebensarbeit nicht zu Ende: Wer eine Arbeit hinter sich hat, soll eine Aufgabe vor sich haben. Der Mensch will gefordert werden – im Job, in der Familie oder beim sozialen Engagement. Ältere Menschen, die sich um ihre Kinder oder Enkelkinder kümmern, verlängern ihre Lebenszeit. Für alle aber gilt: Wer sich um andere sorgt, lebt länger.

Zur Person
Horst Opaschowski

Horst Opaschowski

Quelle: dpa

Horst Opaschowski ist Berater für Wirtschaft und Politik und Leiter des Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung in Hamburg. Mit seiner Tochter, der Bildungsforscherin Irina Pilawa, hat er jüngst die Zukunftsstudie "Das Abraham-Prinzip. Wie wir gut und lange leben" veröffentlicht (Gütersloher Verlagshaus, 17,99 Euro).

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