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Nachrichten Wissen Schlafforscher plädieren für dauerhafte Winterzeit
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18:47 27.10.2018
Zwei Uhren, welche die Zeitumstellung symbolisieren. Quelle: imago stock&people
Leipzig

Vielleicht werden am Sonntag zum letzten Mal die Uhren eine Stunde zurück auf Winterzeit gestellt. Zwei Umstände sprechen jedenfalls dafür, dass es danach an keinem Tag im Jahr mehr eine Stunde geschenkt gibt: Erstens drängt die Europäische Kommission darauf, die bislang zweimal jährliche Uhrenumstellung bereits 2019 zu beenden; in welche Richtung bleibt den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen. Zweitens haben 55 Prozent der deutschen Teilnehmer einer europaweiten Online-Umfrage für die ewige Sommerzeit gestimmt.

Die generelle Abschaffung stößt auch unter Wissenschaftlern auf Zustimmung. „Ein Wechsel wie bisher birgt gesundheitliche Risiken“, sagt Stephan Nagel, kommissarischer Chefarzt des Robert-Koch-Klinikums in Grünau, zu dem auch ein Schlaflabor gehört. „Insbesondere schlafgestörte Menschen benötigen oft länger, bis sich ihr Biorhythmus an die geänderte äußere Zeit wieder angepasst hat.“

Von der Aussicht auf eine immerwährende Sommerzeit hält der Experte dagegen nicht viel. Schon die bisherige Regelung habe sogar in den hellen Monaten zwischen März und Oktober aus medizinischer Sicht schlechte Folgen: „Das längere Tageslicht verzögert die abendliche Müdigkeit, wir gehen später ins Bett, und es resultiert ein Schlafdefizit besonders wochentags, das sich letztendlich negativ auf unsere Stimmung, kognitiven Fähigkeiten und das körperliches Befinden auswirkt“, stellt Nagel fest.

„Wir sind eher gereizt“

Noch größere Probleme erwartet der Mediziner, falls die Uhren im Winter 2019/20 tatsächlich erstmals nach der jetzigen Sommerzeit ticken. „Wenn am Morgen das für unseren Biorhythmus wichtigste Tageslicht fehlt, fällt uns das Wachwerden deutlich schwerer“, sagt er. „Wir sind eher gereizt und können uns schlechter konzentrieren. Daraus ergeben sich negative Auswirkungen auf Schule und Beruf.“

Für Nagel ist eine permanente Winterzeit die beste Variante. Streng genommen heißt sie ohnehin Normalzeit. „Sie entspricht eher dem Biorhythmus des Menschen, selbst wenn viele die Sommerzeit bevorzugen, um abends noch ein bisschen Sonne zu tanken.“ Das natürliche Licht sei der wichtigste äußere Zeitgeber, erklärt er, und komme bei dauerhafter Normalzeit dem Schlaf-Wach-Rhythmus am nächsten: „Im Winter werden wir durch den helleren Morgen besser wach und sind dann auch leistungsfähiger. Im Sommer können wir bei früher einsetzender Dunkelheit besser ein- und damit auch länger schlafen.“ Nagel plädiert darüber hinaus für flexible Arbeitszeiten. „Wir könnten dann sogar auf den leidigen Wecker verzichten und die Produktivität steigern“, glaubt er.

Dabei waren es ebenfalls wirtschaftliche Gründe, aus denen die Länder die Sommerzeit zunächst während des Ersten Weltkrieges und nach zwischenzeitlicher Aussetzung erneut in den 70er-Jahren nach und nach eingeführt haben. Seither wird die Regelung insbesondere in Deutschland leidenschaftlich diskutiert.

84 Prozent wollen nicht an der Uhr drehen

Als die Europäische Kommission diesen Sommer per Online-Befragung ein Stimmungsbild erstellte, war die Beteiligung hierzulande unter den 28 Mitgliedstaaten mit Abstand am größten: sowohl absolut als auch relativ. Von den insgesamt 4,6 Millionen Rückmeldungen stammten 3,1 Millionen aus Deutschland – rund 70 Prozent.

Somit haben immerhin fast vier Prozent der hiesigen Bevölkerung teilgenommen. Österreich folgt mit knapp drei Prozent, in Frankreich, Polen, Spanien, Italien, Großbritannien waren es dagegen jeweils weniger als ein Prozent. Ein repräsentatives Ergebnis ermittelt zu haben, beansprucht nicht einmal die Kommission selbst.

Dafür ist das Resultat eindeutig: 84 Prozent wollen den Wechsel abschaffen. Der Wert ist europaweit und auf die deutschen Teilnehmer heruntergerechnet derselbe. Wieland Kiess hat den europäischen Fragebogen zwar nicht ausgefüllt. Aber auch der Direktor der Leipziger Uni-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin ärgert sich zweimal im Jahr über „diesen Mummenschanz“, wie er sagt. Kiess plädiert für eine einheitliche Zeit. Welche, sei ihm egal. „Wir sollten der Natur ihren Lauf lassen. Unser Biorhythmus ist angepasst an den Wechsel der Jahreszeiten.“ Im Sommer haben die Menschen einen niedrigeren Blutdruck als im Winter, erläutert der Wissenschaftler.

EU-Mitgliedsstaaten sollen sich bis April 2019 festlegen

Zu Kiess’ Abteilung gehört auch ein Schlaflabor. Eine Forschergruppe hat dort in einer Studie einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und der Schlafdauer von Kindern und Jugendlichen mit einem niedrigen sozialen Status festgestellt. Ob sich daran etwas ändert, wenn die Uhrzeit das ganze Jahr über gleich bleibt, lässt sich experimentell freilich bisher nicht ermitteln.

Womöglich schafft die Europäische Kommission aber bald die Voraussetzung, um Vergleichsdaten zu sammeln. Nach dem Vorschlag von Präsident Jean-Claude Juncker sollen die Mitgliedstaaten bis April 2019 festlegen, ob sie künftig dauerhaft in der Sommer- oder Winterzeit leben. Ende März 2019 werden die Uhren nach den Plänen dann letztmals europaweit eine Stunde vorgestellt. Nur in den Ländern, die sich für die ewige Winterzeit entscheiden, drehen sich die Zeiger Ende Oktober 2019 final zurück.

Eine echte Diskussion über Vor- und Nachteile beider Lösungen hat indes bislang nirgends stattgefunden. Warum es die Kommission trotzdem so eilig hat? Vielleicht, weil der Wahlkampf vor dem EU-Urnengang im Mai 2019 ein guter Anlass ist, über das Thema zu streiten.

Von Mathias Wöbking/RND

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