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Wissen „Wir sind ein Volk von Kochanalphabeten“
Nachrichten Wissen „Wir sind ein Volk von Kochanalphabeten“
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14:12 14.08.2018
Eine Form, sein Konsumverhalten im positiven Sinne zu ändern, ist auf regionale und saisonale Produkte zu setzen. Quelle: dpa
Hannover

Regionale und saisonale Küche statt billige Masse, darüber hinaus Veränderungen in Ackerbau und Viehzucht – was die Ernährung angeht, stehen wir derzeit an einem Scheideweg, sagt Claus Peter Hutter. Warum es in jedem Fall nötig ist, Ernährungs- Anbaugewohnheiten im Hinblick auf die Zukunft umzustellen, darüber spricht der Umweltforscher im Interview.

Herr Hutter,
die Umweltakademie Baden-Württemberg
, die Sie leiten, beschäftigt sich in vielen Veranstaltungen mit dem Thema Essen der Zukunft. Wie essen wir denn künftig?

Die Frage kann ich im Moment gar nicht so einfach beantworten. Wir stehen an einem Scheideweg: Entweder machen wir weiter wie bislang mit einer auf billige Masse konzentrierten Landwirtschaft. Wobei ich gar nicht von Landwirtschaft sprechen möchte – das sind Agrarfabriken. Oder wir besinnen uns und fragen uns, wie es weitergehen könnte, wie wir unser Konsumverhalten ändern, zum Beispiel indem wir gesünder, nachhaltiger, regionaler und saisonaler essen. Und indem wir eine Landwirtschaft betreiben, die tatsächlich an den Landschaften und deren Vielfalt orientiert ist.

Nachhaltigkeit, Vielfalt – sind das nicht reine Modebegriffe?

Wenn wir nicht die Vielfalt versuchen, haben wir weiterhin auch in der Landwirtschaft die Einfalt. Die Folgen spüren wir gerade, wie den sich verstärkenden Klimawandel und die starke Dürreperiode. Wir bauen das Falsche an, wie Mais, der sehr viel Wasser braucht. Vielleicht nehmen wir den Klimawandel als Anlass und pflanzen mehr Hülsenfrüchte wie Erbsen oder Linsen, die den Boden mit Stickstoff anreichern. Wir brauchen die Agrarwende, und das Buch „Essen 4.0“ ist das Ergebnis einer Reihe von Projekten zum Thema nachhaltige Ernährung.

Essen 4.0: Was soll diese Bezeichnung?

Essen 1.0 meint die Zeit von vor 10 000 Jahren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als es relativ wenig Veränderungen in Ackerbau und Viehzucht gab, als die Landwirtschaft kleinteilig war und die Menschen größtenteils Selbstversorger waren. Als um 1810 die Konservendose erfunden wurde, begann die Ära Essen 2.0. Menschen hatten erstmals die Möglichkeit, Lebensmittel anders als mit Salz oder durch Trocknen zu konservieren. Essen 3.0 setzte ein, als der Kühlschrank seinen Siegeszug antrat. Und Essen 4.0 meint den Punkt beziehungsweise den Scheideweg, an dem wir derzeit stehen.

Zur Person: Claus-Peter Hutter, geboren 1955, hat zahlreiche Umweltprojekte konzipiert. Er ist Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg und Präsident der Umweltstiftung Naturelife-International. Für seine Tätigkeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Hutter hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Die Erde rechnet ab“ und „Futter fürs Volk“. Quelle: Thomas Niedermüller

Ist Ihr Blick nicht zu eurozentrisch? Ist der Hunger in vielen Teilen der Welt nicht das viel größere Problem als die deutsche Landwirtschaft?

Nein, mit Sicherheit nicht. Das Problem ist ja nicht die Menge an Nahrungsmitteln, sondern die Art der Verteilung.

Gerade in Deutschland beschäftigen sich einerseits viele Menschen stark mit dem Thema Essen, ernähren sich vegetarisch oder vegan. Andererseits wird Fast Food in rauen Mengen konsumiert. Warum tut sich solch eine Schere auf?

Das liegt an der Erosion von Wissen. Die Menschen wissen immer weniger über Tiere, Landschaften, Landwirtschaft – geschweige denn über verschiedene landwirtschaftliche Produkte. Noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren waren die Leute zum Teil noch Selbstversorger – heute verschwindet der Gemüsegarten. Es gibt zwar eine kleine Renaissance der Gemüsegärtner, aber diese Menschen sind in der Minderheit. Und in den Städten verschwinden die Gärten.

Also sollte man altes Wissen wieder vermitteln?

Es ist bitter nötig – denn es geht um unsere Zukunft. Ein Beispiel: Wir haben in Baden-Württemberg eine große Zahl von Obstwiesen mit alten Apfel-, Birnen- und Zwetschgenbäumen. Die Früchte vergammeln, weil es nicht en vogue ist, sie zu nutzen, und weil die Menschen nicht wissen, wie man Most oder Marmelade herstellt. Das liegt auch daran, dass man Obsterzeugnisse – anders als früher – nicht mehr braucht, um über den Winter zu kommen. Wir sind ein Volk der Kochanalphabeten geworden.

Erst kürzlich ist der Kongressbericht „Nachhaltiger Konsum. Essen 4.0. Wie essen wir in der Zukunft?“ (Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 125 Seiten, 26,80 Euro) erschienen. Quelle: Handout

Ist es nicht etwas einfach zu sagen: Früher war alles besser?

Das mache ich auch nicht. Aber es gab mal Kochunterricht in jeder Grundschule. Wer nicht mehr kochen kann, bemüht sich in diesem Bereich nicht mehr. Und die Menschen, welche die alten Fertigkeiten beherrschen, sterben in den nächsten Jahren weg. Kinder können heute Weizen nicht von Roggen und einen Spatz nicht von einer Lerche unterscheiden. Und das hat alles mit unserer Ernährung in der Zukunft zu tun.

Worauf sollte jeder einzelne Konsument achten?

Saisonal und regional einkaufen – und dabei genau hinschauen, ob es tatsächlich Erzeugnisse aus meiner näheren Region sind. Vielfalt achten, kochen vermitteln, gemeinsam kochen, gemeinsam essen. Jeder Einzelne kann da durchaus viel tun.

Was ist mit dem Thema Verpackung? Deutschland ist in der EU trauriger Spitzenreiter beim Verpackungsmüll: Der Verbrauch liegt bei 220 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Wie können wir da die Umkehr schaffen?

Die Zahlen sind eine Katastrophe. Verpackungsmüll lässt sich vor allem vermeiden, indem ich selber koche. Wenn ich im Supermarkt einen Salatkopf kaufe, kann ich den vielleicht – wenn er nicht schon mit Plastikfolie überzogen ist – sogar in Zeitungspapier einschlagen. Auf jeden Fall muss der Handel an dieses Thema ran. In Deutschland haben wir gute, geschlossene Recyclingkreisläufe, aber woanders landet der Plastikmüll im Meer.

Was also können wir konkret dagegen tun?

Klare Antwort: Verpackungsmüll reduzieren, anders einkaufen und entweder nicht zu Ware greifen, die unsinnig verpackt ist, oder die Verpackung zurücklassen. Das erlaubt unsere Gesetzeslage. Das Supermarktpersonal wird sich dann schon bei den zuständigen Regionalchefs beschweren, wenn das immer mehr zunimmt. Der Verbraucher hat eine Marktmacht – das nutzt er allerdings viel zu wenig.

Von Martina Sulner

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