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Wissen Was tun, wenn mein Kind „gefühlsstark“ ist?
Nachrichten Wissen Was tun, wenn mein Kind „gefühlsstark“ ist?
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18:02 25.07.2018
Gefühlsstarke Kinder sind die Widersprüchlichkeit in Person. Sie sehnen sich nach Grenzen, wehren sich aber auch gegen jede Form der Einengung. Quelle: iStock
Potsdam

Sie bewegen sich zwischen den Extremen – in der einen Minute noch rundum zufrieden, kann die Stimmung bei gefühlsstarken Kindern binnen kürzester Zeit kippen. Diese permanente Widersprüchlichkeit stellt Eltern vor echte Herausforderungen, weiß Ratgeberautorin Nora Imlau.

Warum ist Ihnen der Begriff „gefühlsstarke Kinder“ so wichtig?

Weil es ein positiver und wertschätzender Begriff ist und eben nicht einfach nur die Rede von schwierigen Kindern ist. Man konnte gut beobachten, wie sich in den USA ein Sprachwandel vollzogen hat, nachdem dort von „spirited children“ gesprochen wurde: Die Eltern hatten eine Beschreibung und konnten sich vernetzen.

Weshalb liegt Ihnen das so am Herzen?

Ich habe drei Kinder, und eins davon ist gefühlsstark. Beim ersten Kind war alles leicht. Beim zweiten Kind war alles anders, das war in allem so extrem. Es konnte ruhig und zufrieden sein, aber auch aufgebracht und schrie dann ausdauernd. Ich stand vor völlig neuen Herausforderungen. Gefühlsstarke Kinder nehmen alles in sich auf, sie leben eine Kindheit ohne Filter.

Zur Person: Nora Imlau ist dreifache Mutter, als Journalistin Expertin für Elternthemen und hat bereits mehrere Ratgeber zur Baby- und Kleinkindzeit veröffentlicht. Ihr jüngstes Buch bezeichnet sie als ihr bislang wichtigstes: „So viel Freude, so viel Wut“ beschreibt, welchen Herausforderungen sich Eltern gefühlsstarker Kinder stellen müssen. Offenbar hat die Autorin damit einen Nerv getroffen, denn das Buch, Ende Mai erschienen, war nahezu umgehend vergriffen und ist bereits in der dritten Auflage erschienen. Quelle: Handout

Wie sind Sie darauf gekommen, dass Sie nicht einfach nur ein unruhiges Baby, sondern ein gefühlsstarkes Kind hatten?

Ich hab’ das gemacht, was ich als Journalistin konnte: viel gelesen, mit Leuten gesprochen und recherchiert. Dabei wurde mir immer klarer, dass es diese Spielart der Persönlichkeit gibt und immer schon gegeben hat, auch wenn das früher niemand so benannt hat. Von vielen wurde strikte Unterordnung verlangt, das hat so manche Kinderseele gebrochen. Ich habe mit Erwachsenen gesprochen, die sich als Kinder selbst so wahrgenommen haben, sie hatten viel zu viel Energie, waren immer in Bewegung und hatten sehr genaue Vorstellungen davon, wie etwas sein muss. Und am Ende waren sie immer ganz unglücklich, wenn sich das nicht umsetzen ließ. Häufig empfinden sich diese Kinder selbst als störend, als fehl am Platz und manchmal sogar unerwünscht, weil sie nicht so ruhig und brav wie andere sind.

Wird diese Gefühlsstärke immer gleich im Babyalter deutlich?

Nicht unbedingt. Selbst wenn diese Kinder schon als Baby sehr bedürfnisstark sind, bekommen sie doch durch das Tragen oder auch Schlafen im Familienbett viel Fremdregulierung durch die Eltern. Dann zeigt sich die Gefühlsstärke oft erst, wenn sie mit zwei Jahren in die Autonomiephase kommen.

Sie sprechen von einer Spielart der Persönlichkeit, keiner Krankheit.

Das ist mir wichtig, ich stelle hier keine Diagnose. Mir geht es nicht darum, ein Etikett zu verpassen, nach dem dann therapiert wird. Gefühlsstarke Kinder brauchen keine Pillen, sondern liebevolle Begleitung.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass starre Strukturen diese Kinder einschränken, sie andererseits Routinen brauchen, um sich sicher zu fühlen. Wie lässt sich dieser Widerspruch im Alltag lösen?

Das ist sehr schwer, denn gefühlsstarke Kinder sind die Widersprüchlichkeit in Person. Sie sehnen sich nach Grenzen zur Orientierung, wehren sich aber gegen jede Form der Einengung. Es gibt dafür keine leichte Lösung. Jeder Tag ist ein neuer Versuch, durch Bindungsarbeit und im wertschätzenden Kontakt mit dem Kind den Alltag so zu gestalten, dass es allen dabei gut geht. Sich in einen Machtkampf zu begeben, bringt gar nichts. Wir haben das zum Beispiel bei Besuchen so geregelt, dass unser Kind zuerst dabei ist, wenn Gäste kommen, und sich später allein in ein Zimmer zurückziehen darf, wenn es ihm zu viel wird. Genauso kann man vorher mit Gastgebern absprechen, dass eventuell einer mit dem Kind früher das Fest verlässt, wenn es Ruhe braucht.

Nora Imlau: „So viel Freude, so viel Wut – Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten. Kösel-verlag. 320 Seiten, 20 Euro. Quelle: Handout

Sie raten dazu, die Situation offen zu kommunizieren?

Ja, sonst droht ein zunehmender Rückzug. Man kann deutlich sagen: Unser Kind ist nicht außer Rand und Band, weil wir ihm alles durchgehen lassen, sondern es hat ein anderes Grundtemperament.

Abgesehen von der ständigen Herausforderung, gefühlsstarken Kindern gerecht zu werden, haben Eltern sicher auch damit zu tun, dass dieser Alltag kaum etwas mit ihren Vorstellungen von einem harmonischen Familienleben zu tun hat. Wie geht man mit der eigenen Enttäuschung um?

Indem man sich zunächst diese Gefühle eingesteht. Es ist okay und wichtig, so zu empfinden. Eltern dürfen auch um ihre Vorstellung von einem Kind trauern, sich bewusst davon verabschieden und dann ihren Blick auf ihr gefühlsstarkes Kind lenken, um es so anzunehmen, wie es ist.

Trotzdem hadern Eltern, oder?

Eltern wollen alles richtig machen. Wir alle wollen doch entspannte Eltern sein. Das funktioniert mit gefühlsstarken Kindern aber nicht. Da muss man sich auch von eigenen Ansprüchen verabschieden. Ich möchte mit meinem Buch auch Ideen liefern, wie man sich Entlastung schaffen kann. Ob nun Freunde einfach mal das Geschwisterkind mitnehmen, Eltern praktisch helfen oder Zeit verschaffen. Oft hilft es schon, sich mit anderen zu vernetzen. Dafür habe ich auch eine Facebook-Gruppe

ins Leben gerufen.

Das Mantra aller Eltern lautet „Das ist nur eine Phase“. Gilt das auch für gefühlsstarke Kinder?

Leider nicht, das muss man ganz ehrlich sagen. Eltern haben oft das Gefühl, jahrelang mit ihren Bemühungen auf der Stelle zu treten. Das liegt auch daran, dass emotionale und kognitive Entwicklungen in jüngeren Jahren zunächst weit auseinander liegen und diese Kinder dann von ihren Emotionen selbst regelrecht überwältigt werden und die Fähigkeit zur Selbstregulation noch fehlt. In der Pubertät gibt es einen Reifeschub, sodass die Kinder ihre Energie besser kanalisieren können. Häufig sind das dann sehr engagierte Jugendliche. Ein gewisses Energielevel bleibt diesen Menschen jedoch erhalten, auch als Senioren.

Was wollen Sie Ihren Lesern mitgeben?

Ich möchte ihnen vor allem Mut machen: Das Leben mit gefühlsstarken Kindern ist fordernd, aber auch wunderbar. Natürlich gibt es Konflikte: Die Geschwister sind eifersüchtig, als Eltern kommen wir an unsere Grenzen, nicht immer gibt es Verständnis, aber es wird besser. Unser Kind hat Freundschaften und pflegt diese auch, kommt in der Schule klar und ist unglaublich kreativ und erfinderisch. Und letztlich hilft mir das, was ich durch mein Kind gelernt habe, auch im Umgang mit anderen Menschen. Unsere Gesellschaft muss sich auch daran messen lassen, wie sie mit gefühlsstarken Kindern umgeht. Und hier setzt ein Wandel ein, und das finde ich wunderbar.

Von Jana Brechlin

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