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Wissen Wie der Status “online“ unsere Beziehungen belastet
Nachrichten Wissen Wie der Status “online“ unsere Beziehungen belastet
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09:36 25.08.2018
Jeder Zweite stört sich an gelesenen, aber nicht beantworteten Nachrichten. Noch mehr Nutzer empfinden Stress, wenn andere eine schnelle Reaktion auf ihre Nachrichten erwarteten. Ein Teufelskreis. Quelle: Montage: RND, Fotos: iStock, RND
Hannover

Die Freundin macht Probleme. Eigentlich macht sie nichts, aber genau das ist das Pro­blem: Sie antwortet nicht. Dutzende Zeilen erhielt sie vor einer halben Stunde, wohlformuliert, mit dem Wichtigsten des Tages sowie einigem Schnulz zum Ins-Bett-Gehen. Normalerweise vergehen Minuten bis zur Antwort, heute sind es über 30. Das, obwohl sie nichts vorhatte an diesem Abend. Obwohl sie die Nachricht las, denn dreimal war sie seither online.

Woher das Wissen darüber? Durch fortwährende Überwachung Ihres Onlinestatus. Denn bleibt eine Antwort aus, obwohl die Freundin zum Zeitpunkt des Versands online war, beginnt die Totalüberwachung und mit ihr der Lauf der Fantasie. Letztere entwirft drei mögliche Erklärungen für die jetzige Situation. Jede davon ist fatal.

Fatale Fantasieszenarien

Erstens: Just in diesem Augenblick trifft sich die Freundin mit ihrem bis dato verschwiegenen Liebhaber, der ein ganzes Stück muskulöser und fitter, intelligenter und schlagfertiger ist als man selbst. Die beiden treffen sich nur, wenn der Partner in irgendeinem Hotel in irgendeiner Stadt außer Reichweite ist. So wie jetzt gerade.

Zweitens: Der Freundin ist über die Zeit die Lust verloren gegangen. Die Nachricht empfand sie als unkreativ, lieblos und redundant. Eine sich anbahnende, übersehene Beziehungskrise manifestiert sich nun im Ausbleiben der Antwort.

Drittens: Die Freundin befindet sich in einer dringenden Notsituation. Auf dem Heimweg fuhr ein Mittelklassewagen sie an, der Lenker beging Fahrerflucht. Jetzt liegt die Freundin schmerzerfüllt irgendwo. Ihre Kraft genügt, um den Messenger zu öffnen. Zum Antworten reicht sie nicht. Niemand hilft ihr – und auch man selbst ist aus der Distanz nicht in der Lage dazu. Ein Drama, ein Schlag des Schicksals. Die Freundin braucht Hilfe.

Nährboden für Gedankenketten aller Art

Panisch gleitet der Blick auf die Statusanzeige, dann ins Nichts des Grübelns, dann auf die Statusanzeige. Jeder kennt das. Dieses Kopfkino, das sich einstellt, wenn eine Nachricht gelesen, aber nicht beantwortet wurde. Lisa Mai hat zusammen mit Judith Wilhelm ein ganzes Buch darüber geschrieben: “Ich weiß, dass du online warst, Schatz“ – es bildet das Ergebnis einer Forschungsarbeit.

Mit Nutzern des Nachrichtendienstes Whatsapp führten sie Interviews, die immer demselben Ablauf folgten. Das Ergebnis: Antwortet jemand nicht, obwohl ersichtlich ist, dass dieser Jemand die Nachricht gelesen hat, sind Unmut und Kopfkino die Folge. Die beliebtesten Szenarien, die dann entworfen werden, sind – egal ob Partner, Freund oder Kollegen – Desinteresse oder Unfälle.

Der Wahnsinn wird mittlerweile noch größer, da WhatsApp anbietet, Nachrichten auch auf dem Homescreen zu lesen. Nachrichten können dadurch eingesehen werden, ohne dass der Sender davon erfährt. Wird eine Nachricht als ungelesen angezeigt, bedeutet das also nicht mehr unbedingt, dass sie nicht vielleicht doch bereits gelesen wurde. Der perfekte Nährboden für Gedankenketten aller Art.

Empfänger fühlen sich unter Druck gesetzt

Beim Nachrichtenempfänger hingegen löst das Wissen um den Status einer Nachricht als “gelesen“ das Gefühl aus, auf eine Nachricht schnell antworten zu müssen. “Bei unseren Befragungen war die Angst vor sozialer Sanktion bei einem Nichtbeantworten der Nachricht sehr hoch“, sagt Autorin Lisa Mai. “Das galt umso mehr, wenn die Nachricht von einem Vorgesetzten kam.“

Das passt zu den Ergebnissen einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom. Ihr zufolge stört sich jeder Zweite an gelesenen, aber nicht beantworteten Nachrichten. Bei den 14- bis 29-Jährigen reagieren in solchen Situationen sogar zwei von drei Nutzern ungehalten. Gleichzeitig jedoch gaben sechs von zehn Nutzern an, sie seien gestresst, wenn andere eine schnelle Reaktion auf ihre Nachrichten erwarteten.

“Unsere Kommunikation hat sich durch Messenger intensiviert und beschleunigt. Jene Zeit, die man sich für die eigene Antwort wünscht, sollte man auch anderen lassen“, kommentiert Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder dieses Resultat. “Kommunikation in sozialen Netzwerken muss Spaß machen. Das bedeutet auch: kein Stress.“ Die Mehrheit der Messenger-Nutzer (60 Prozent) schaltet deswegen regelmäßig auf Durchzug und nimmt eine Auszeit vom ständigen Tippen. Zudem wäre es jedem Zweiten lieber, wenn Kontakte nicht sehen könnten, ob eine Nachricht gelesen wurde oder nicht.

Smartphonenutzung in Beziehungen Quelle: RND

Mit der Wirklichkeit hat dieser Wunsch allerdings nur bedingt zu tun. Denn laut Mai will ein Großteil zwar, dass andere nicht sehen können, ob eine Nachricht nun gelesen wurde oder nicht – die Neugierde, was mit den eigenen Nachrichten geschieht, ist jedoch groß. “Bei unseren Interviews gaben alle Gesprächspartner an, die Gelesen-Funktion probeweise schon einmal ausgeschaltet zu haben. Aber sie alle haben sie anschließend wieder aktiviert, weil sie sonst nicht mehr sehen konnten, ob ihre eigenen Nachrichten gelesen wurden.“

Vertrauen ist gut, soziale Kontrolle ist besser. Beziehungsweise: Vertrauen ist nur dann eine Option, wenn es die Möglichkeit der Kon­trolle nicht gibt. So glaubt auch Peter Vorderer, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Mannheim, dass Kontrolle das Vertrauen in Zukunft gänzlich ersetzen wird, weil die Möglichkeiten des Entzugs schwinden.

So sind bei Unsicherheiten schon jetzt Kon­trollanrufe und -nachrichten möglich. Zusätzlich können Foto- und Standortbeweise eingefordert werden. Freiwillig gäben Nutzer über die Zeit dabei immer mehr Privates von sich preis. “Das führt dazu, dass wir das Handy rund um die Uhr bei uns haben. Dass es das Letzte ist, was wir aus der Hand legen, und das Erste, was wir morgens anschauen.“

Apps für “Digitales Wohlbefinden“

So exzessiv ist die Nutzung in den vergangenen Jahren gestiegen, dass in den kommenden Monaten sogar die App-Anbieter selbst davor schützen wollen: Google führt nach seinem jüngsten Update im Herbst die App “Digital Wellbeing“, also digitales Wohlbefinden, ein, die Nutzer vor übertriebenen Nutzungszeiten warnt. Facebook dagegen will Nutzer nach selbst gesetzten Zeitlimits auf ihren Überkonsum hinweisen und zeitweise stumm gestellte Benachrichtigungen anbieten.

Rund 50-mal schaut ein jeder täglich auf sein Handy, um zu überprüfen, ob es etwas Neues gibt. Bei Google-internen Tests entsperrten einige Mitarbeiter laut Android-Produktmanager Sagar Kamdar ihr Smartphone sogar mehr als 200-mal am Tag. Das heißt: im Schnitt alle sieben Minuten. Laut Kommunikationswissenschaftler Vorderer führt das dazu, dass sich Smartphonebesitzer weniger auf eine bestimmte Situation einlassen, wenn sie ihr potenziell plingendes Mobiltelefon vor sich haben.

Dagegen helfen könne eigentlich nur eines – sich der eigenen Situation bewusst zu werden: Wer nicht antwortet, hat Gründe. So, wie man auch mal selbst Gründe hat, nicht zu antworten. Das mag manchmal wehtun, ellenlange Gedankenketten über unklare Ursachen helfen jedoch auch nicht weiter.

Nicht immer sofort antworten

Dass das jedoch nicht unbedingt helfen muss, zeigt das Beispiel von Autorin Lisa Mai: “Ich habe zwei Jahre lang zu dem Thema geforscht. Trotzdem habe ich den Whats­app-Status meines Freundes ständig geprüft, als wir Vertrauensprobleme hatten. Dabei hätte doch gerade ich Bescheid wissen müssen.“

Alternativ, so Vorderer, könnten klar definierte Schreibzeiten helfen: Wenn jeder weiß, dass eine Person nach 22 Uhr nicht mehr an ihr Smartphone geht oder auf Nachrichten standardmäßig erst später antwortet, stellen sich die anderen darauf ein. Man muss sich nur trauen, das auch durchzuziehen. “Die Menschen sind da überraschend verständnisvoll.“ Nur wenn jemand immer sofort antwortet, ist eine ausbleibende Antwort für andere alarmierend. Aber auch dann meist zu Unrecht.

So hat auch die Freundin schlicht zu lang gearbeitet, um überlegt zurückschreiben zu können. Kein Liebhaber, keine Krise, kein Unfall, keine der drei fatalen Möglichkeiten.

Von Julius Heinrichs

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