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18:05 10.05.2018
„Wenn der Chefarzt mit seinem Anhang kommt, dann lassen Sie das einfach über sich ergehen“, rät Musiker und Oberarzt Dr. med Heinz-Wilhelm Esser. Quelle: WDR/Herby Sachs
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Köln

Mit dem Staatsexamen in der Tasche, stürzte sich der fertige Mediziner Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser in die Welt der Rockmusik. Er tourte als Gitarrist einer Band durch die Welt. Nach Jahren rief ihn ein ehemaliger Professor an und fragte, ob er nicht endlich etwas Anständiges machen wolle. Heute ist er Oberarzt für nnere Medizin und Notfallmediziner und hat im WDR mit „Doc Esser“ eine eigene Gesundheitssendung. Sein Buch „Kittel, Keime, Katastrophen“ lässt uns einem Krankenhausaufenthalt gelassener entgegensehen.

Ein tätowierter Rock ’n’ Roller in der hierarchischen Klinikwelt – wie ging das?

Die Verwaltung war megamisstrauisch, als ich mit meinen Tattoos auf den Unterarmen ankam. Die dachten, ich komme vielleicht aus einem sibirischen Gefängnis, aber ich bin kein Arzt. Ich habe statt eines halben ein ganzes Jahr Probezeit bekommen. Aber ich habe richtig Gas gegeben und unendlich viele Dienste geschoben. Zusätzlich zu meiner vollen Stelle bin ich mit einer halben Stelle bei der Feuerwehr Köln als Notarzt mitgefahren. So habe ich sehr schnell, sehr viel gelernt.

Ihr Buch „Kittel, Keime, Katastrophen“ trägt den Untertitel „Wie Sie einen Krankenhausaufenthalt überleben“. Wie denn?

Die Patienten brauchen einen Arzt als festen Ansprechpartner. Das sollte eigentlich der Stationsarzt sein. Der kommt jeden Tag zur Visite und der Patient muss ihn mit Fragen löchern. Viele Patienten trauen sich nicht zu fragen. Sie müssen aber verstehen, warum sie im Krankenhaus sind, was mit ihnen gemacht wird und warum es gemacht wird. Mindestens einmal die Woche findet eine Oberarztvisite statt. Wer mit dem Stationsarzt gar nicht kann, fragt den.

Meine Visiten als Oberarzt laufen normalerweise so ab, dass ich die Patienten als Erstes frage: „Haben Sie eigentlich verstanden, warum Sie hier sind?“ Viele gucken mich dann mit großen Augen an und sagen: „Also ehrlich gesagt, nicht.“ Dann erkläre ich das und sie fassen Vertrauen.

Und wenn dann zur Visite die ganze Entourage an meinem Bett steht?

Es fühlt sich natürlich saudoof an, wenn Sie da liegen, mit strubbeligen Haaren, die Zähne noch nicht geputzt, und auf einmal stehen so viele Leute vor Ihnen. So große Gruppen sind in der Regel nur bei den Chefarztvisiten üblich, bei denen unter anderem auch Oberärzte oder Assistenzärzte dabei sind. Der Chefarzt hat vielleicht 120 Betten. Er kann aber nicht jeden Tag 120 Visiten machen, trotzdem ist er verantwortlich. Die Chefarztvisiten dienen dem fachlichen Gespräch zwischen dem Chef und den Oberärzten, um die Therapie zu optimieren. Leider ist die Zeit oft begrenzt, und einige Chefs neigen zu Monologen. Ich sag’s mal so: Wenn der Chefarzt mit seinem ganzen Anhang kommt, dann lassen Sie das einfach über sich ergehen.

Im Flügelhemd und mit durchsichtiger Netzunterhose geht auch das letzte bisschen Würde verloren. Wieso muss man das tragen?

Das ist die Standardkleidung für Operationen. Sie bedeckt die intimen Regionen. Wenn man dort doch ran muss, kann man sie gut zerreißen. Sie sind hygienisch und Blut oder Körperflüssigkeiten landen nicht auf der privaten Kleidung. Mir als Arzt ist das so wurscht, wie sie auf dem OP-Tisch liegen. Sie müssen nicht gut oder sexy aussehen. Hauptsache, sie kommen gesünder wieder vom Tisch.

Der Umgang mit den Patienten im Krankenhaus ist oft alles andere als zimperlich. Muss der ruppige Ton eigentlich sein?

Den rauen Ton kann ich gar nicht bestätigen, außer in der Notfallambulanz. Die ist vor allem in den Winter- und Frühjahrsmonaten unfassbar überlastet. Wenn das Ambulanzpersonal maximal gefordert und gestresst ist, kann es tatsächlich zu etwas raueren Tönen kommen. Bei uns sind es täglich 130 bis 140 Patienten, die dann von vier Ärzten und sechs Schwestern gesehen werden. Da muss alles fluppen. Und man muss auch fairerweise sagen, nicht alle Patienten zeigen da Gelassenheit, Geduld und Verständnis. Manche hätten mit ihrer Erkrankung durchaus zum Hausarzt gehen können. Jemand, der sich wegen eines Nagelumlaufs (einer Nagelbettentzündung, Anm. d. Red.) am Finger mit dem Rettungswagen zum Krankenhaus hat fahren lassen und da Stunk macht, weil er nicht nach einer Stunde drankommt, muss schon mal mit einer Ansage rechnen.

Wie ist es auf der Station?

Die Schwestern und Pfleger sind extrem liebevoll und kümmern sich mit viel Einsatz. Für wenig Geld knüppeln sie sich unfassbar viele Stunden um die Ohren. Die Menschen werden immer dicker. Sie zu waschen oder umzubetten ist ein Knochenjob. Der Dank dafür sind unbezahlte Überstunden. Da muss sich einiges tun, um die Jobs in der Pflege wieder attraktiv zu machen. Das heißt, bessere Arbeitszeiten, eine deutlich bessere Bezahlung – sie bekommen gerade mal um die 1600 Euro netto – und Kindertagesstätten in den Krankenhäusern, die zu Schichtbeginn öffnen.

Wie kann ich als Patient zu einem positiven Aufenthalt beitragen?

Im Krankenhaus trifft man auf fremde Menschen und Situationen, man muss sich einfach darauf einlassen und miteinander reden. Ich plädiere für viel Gelassenheit auf allen Seiten und Geduld. Je nach Fachrichtung haben wir auch Notfälle, die kommen natürlich als Erste dran. Das sollte für den Wartenden ein Kompliment sein und bedeutet: Es besteht keine Lebensgefahr.

Stimmt es, dass Sexunfälle zum Alltag in der Notfallambulanz gehören?

Die Leute haben Sex und sie benutzen Sexspielzeug oder auch andere Dinge, die dann auch schon mal in Körperöffnungen verschwinden. Dann kommen wir ins Spiel und gucken, wie wir die Sachen da wieder rausholen. Sie erzählen immer die gleiche Geschichte: dass sie im Badezimmer ausgerutscht und auf irgendeinem Teil gelandet sind. Ich frage mich nur, was Billardkugeln, Kiwis oder Bananen im Badezimmer verloren haben. Die ersten Male war das noch aufregend, mittlerweile denke ich: Es ist mal wieder jemandem passiert, das ist halt so. Dafür muss sich keiner schämen, wirklich nicht. Das hat jeder Arzt schon erlebt.

Krankenhaus-Knigge

Soll ich meine kranke Kollegin besuchen? Bitte nicht unangemeldet auftauchen. Sie will vielleicht nicht mit ungewaschenen Haaren und in Jogginghose gesehen werden. Besser: telefonisch nachfragen, ob Besuch erwünscht ist. Oder ein kleines Geschenk mit Genesungswünschen am Empfang abgeben.

Sind Blumen ein gutes Mitbringsel? Ein bunter Blumenstrauß sorgt für Farbe im Krankenhausgrau. Am besten gleich eine Vase mitschenken, die sind oft knapp. Verzichten sie auf typische Trauerblumen wie weiße Callas oder Lilien. Topfblumen sind wegen der Keime verboten.

Dürfen die Kinder dabei sein? Besuch von Kindern oder Enkeln muntert auf. Da es den Kleinen jedoch oft schwerfällt, still zu sitzen oder leise zu sein, halten sie ihn lieber kurz.

Dr. med. Heinz Wilhelm Esser: „Kittel, Keime, Katastrophen“. Becker- Joest-Volk-Verlag. 160 Seiten, 19,95 Euro. Quelle: Verlag WDR

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