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12:45 09.09.2018
Was können Kinder durch Computerspiele lernen, was sie ohne nicht lernen? Und ist unser Schulsystem zu sehr im Gestern stehengeblieben? Quelle: RND/iStock
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Halle

“Sehen Sie“, sagt Nika Daryan, zwei Kabel in der Hand, ein drittes verhakelt zu ihren Füßen. “Da fängt das Problem an.“ Gleich wird sie ihr Seminar geben, aber die Technik, die sie dafür braucht, fehlt. Also behilft sich Daryan mit Laptop und Beamer, die sie wackelig auf einer Stuhlkons­truktion drapiert. Ginge es nach ihr, sähe Lehre schon lange ganz anders aus – modernere Technik wäre eine Voraussetzung dafür.

Denn Nika Daryan, Professorin der Erziehungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle, gehört zu einer kleinen Gruppe didaktischer Avantgardisten. Unterricht in der jetzigen Form, so die Idee, dürfe es in Zukunft nicht mehr geben. Nur sei das Lehrpersonal nicht imstande, das auch zu erkennen. Warum, erklärt sie im Interview.

Nika Daryan Quelle: privat

Frau Daryan, schon jetzt setzen Schulen vermehrt Computer, Tablets und Smartboards ein. Warum reicht Ihnen das nicht?

Wenn Lehrer diese Technologien verwenden, dann so, als ersetzten sie damit die Lehrformen, die es vorher gab. Aber ein Tablet ist eben kein Buch. Was wir bräuchten, wäre ein verändertes Verständnis von Unterricht.

Soll heißen?

Dass Schüler zum Beispiel mit Computerspielen lernen. Nehmen Sie beispielsweise das Spiel “Assassin’s Creed“. In der neuesten Version können Sie im Discovery-Modus durch die Bibliothek von Alexandria laufen. Wie wäre es, wenn im Geschichtsunterricht die Schüler einen solchen Rundgang machen könnten, während im Hintergrund eine Stimme alles Wichtige erklärt? Das würde den Lehrern die Zeit zurückgeben, die ihnen heute fehlt. Die Curricula sind doch so eng gestrickt, da bleibt kaum noch Raum für Pädagogik. Bei einem Computerspiel allerdings lernen die Schüler viel mehr als bisher zur gleichen Zeit.

Daryan zeigt ein Youtube-Video von “Assassin’s Creed Origins“, in dem der Lauf durch die Bibliothek von Alexandria zu sehen ist. Ohne Bilder und Ton würde es Stunden dauern, bis die Lehrer die historischen Daten, Ereignisse und allein die Form des Bauwerks beschrieben, Fragen gestellt und beantwortet hätten. So aber bliebe am Ende sogar noch Zeit, andere Formate auszuprobieren. Sie könnten zum Beispiel selbst Papyrus herstellen und dann das Gesehene nachspielen, um ein Gefühl für die Zeit zu bekommen – im Sinne ästhetischer Bildung.

Mit der Erweiterung “Discovery Tour“ für das Computerspiel “Assassin's Creed Origins“ sollen Nutzer über das Antike Ägypten informiert werden. Quelle: Ubisoft/dpa

Das würde aber doch bedeuten, dass jede Schule ständig mit neuer Technik ausgestattet werden müsste.

Durchaus. Vor dieser Herausforderung stehen wir alle. Aber das ist eher das kleinere Problem.

Was wäre das größere?

Dass solche Formen nicht einmal ausprobiert werden, weil die Vorbehalte zu groß sind. In Schulen gibt es grundlegende Vorbehalte gegenüber neuen Technologien. Das ist problematisch.

Mag sein. Aber es ist ja nicht so, als würde man ohne digitale Medien schlechter lernen.

Wissen Sie’s? Bewiesen ist das nicht. Bisher entwerfen die einen Utopien, die anderen Weltuntergangstheorien. Das, was Sie da gerade gesagt haben, ist ein ganz klassisches Vorurteil: Man kann nachweisen, dass Menschen die Lernformen, mit denen sie selbst aufwuchsen, als am geeignetsten erleben. Im Privaten ist dieses Denken in Ordnung, aber wenn das ganze schulische System so denkt, dann verhindert das zivilisatorischen Wandel und gesellschaftliche Teilhabe.

“Assassins’s Creed Origins“ und die Machtstrukturen im alten Ägypten

Gerade sagten Sie noch, man wisse noch gar nicht, ob es beim Gaming schulische Erfolge gäbe.

Das ist ja auch grundsätzlich richtig. Bei den Untersuchungen, die es derzeit gibt – beispielsweise die Messung von Gehirnaktivitäten – stellt sich die Frage, welche bildungspolitischen Schlüsse daraus zu ziehen sind. Es müsste doch viel eher um die Frage gehen: Was können Kinder durch Computerspiele lernen, was sie ohne nicht lernen? Entwickeln sie dadurch andere Lebensentwürfe? Nehmen sie ihre Welt anders wahr? Inwiefern öffnen sie ihre Vorstellungswelt für fremde Dinge, vielleicht ihre Fantasie?

Das ist ja aber einer der Hauptkritikpunkte am Gaming gegenüber dem Lesen: Computerspiele führten zu einer Verarmung der Fantasie.

Fantasie setzt sich immer aus Bildern zusammen. Aus Bildern, die wir irgendwann einmal gesehen oder von denen wir gehört haben. Das ist im Unterricht problematisch. Weil Kindern familiär ganz verschiedene Bilder vermittelt werden. Bilder von Pipi Langstrumpf etwa oder von Rittern. Das führt dann in der Schule dazu, dass sich einige Kinder die Bilder, die in Texten vorkommen, besser vorstellen können als andere – weil sie durch das eigene Elternhaus die dazu passenden Bilder bereits im Kopf haben. Was also soll schlecht daran sein, allen Schülerinnen und Schülern einen gemeinsamen Zugang zu einem Thema durch geteilte Bilder zu ermöglichen? Zudem: In Computerspielen können Kinder bildlich Dinge durchleben, die ihnen subtile Botschaften vermitteln, die Lehrerinnen und Lehrer beim besten Willen nicht erklären können. Bei “Assassins’s Creed Origins“ lernt man beispielsweise viel über die Machtstrukturen im alten Ägypten. Und dann kann man eine Pyramide untersuchen und auf sie klettern und von dort oben über ganz Alexandria schauen. Das heißt, sie klettern auf das ultimative Machtsymbol der Ägypter. Das schafft Bewusstsein für hierarchische Strukturen und dafür, dass man sich darüber hinwegsetzen kann. Unbewusst. Empowerment ist das, und dieses kann dann gemeinsam im Unterricht kritisch-reflexiv gerahmt werden.

Die Wichtigkeit von Visualisierungen in Naturwissenschaften

Im Geschichtsunterricht klingt das alles sehr vernünftig. Aber was ist mit Fächern wie Mathe oder Physik?

Noch besser! Gerade in diesen Fächern erschließen sich Forscherinnen und Forscher doch jetzt wichtige Erkenntnisse durch Visualisierungen. In kaum einem anderen Bereich sind Visualisierungen so wichtig wie in den Naturwissenschaften. Sehen Sie: Die Didaktik ist kurz nach dem Buchdruck entstanden. Seither wurde sie verändert – aber vieles, was wir heute in der Schule lernen, lernen wir, weil man es immer schon so gelernt hat. Und weil die Alten sagen, dass das so richtig ist. Nur heißt das nicht, dass dieses Curriculum wirklich das Beste ist. Jede Technologie setzt neue Fähigkeiten voraus. Und eigentlich auch eine eigene Didaktik. Da darf es nicht sein, dass die Geschichte der Schule und die Sozialisation des Lehrpersonals dieser neuen Didaktik im Weg steht.

Von Julius Heinrichs

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