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Wissen So überlebt man eine Trennung mit Anfang 50
Nachrichten Wissen So überlebt man eine Trennung mit Anfang 50
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20:01 18.07.2018
Ein Ehering liegt auf einem Gerichtsbeschluss über eine Scheidung Quelle: dpa
Berlin

Ulrike Stöhring hat die Qualen einer späten Trennung selbst erlebt und ihre Erfahrungen im Buch „Vielen Dank für alles“ verarbeitet. Im Interview verrät sie, was ihr geholfen hat und wie sie mit Schamgefühlen umgegangen ist:

Frau Stöhring, als Ihr Mann sich von Ihnen trennte, fühlte sich das für Sie an wie ein Flugzeugabsturz, schreiben Sie. So schlimm?

Das fühlte sich tatsächlich so an. Für mich kam das komplett überraschend. Ich habe mir immer viel auf meine Menschenkenntnis eingebildet und hätte nie im Leben gedacht, dass mir dieses Klischee passiert: für eine jüngere Frau plötzlich verlassen zu werden.

Sie waren Anfang 50, als Ihr Mann ging. Was ist dann anders als bei einer Trennung mit Anfang 30?

Ich war mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Da tauchen naheliegende Fragen auf, etwa: Wie soll’s für den „Rest“ weitergehen? Das sind ja – hoffe ich zumindest – noch rund 30 Jahre, die will ich nicht einfach wegdämmern. Und der nächste Freund wird nicht die Rettung sein, das kannte ich schon. Jetzt musste ich wirklich mal mein Leben inspizieren, mich fragen, was mich diese Trennung lehren sollte und warum sie mich so dermaßen aus der Bahn geworfen hat. Anders als bei früheren Trennungen habe ich mich dann entschlossen, mir ganz viel Zeit zu nehmen, um zu begreifen und zu verarbeiten, was überhaupt passiert ist.

Der geheime Wunsch, versorgt zu werden

Sie sind eine selbstständige und erfolgreiche Frau – mich hat die Wucht Ihrer Gefühle, die Sie in Ihrem Buch schildern, schon etwas gewundert.

Mich auch. Ich war überrascht über das kleine Mädchen in mir mit dem geheimen Wunsch, versorgt zu werden. Ich war zwar als erwachsene Frau nicht in Lebensgefahr, als mein Mann mich verlassen hat, aber subjektiv fühlte sich das manchmal ähnlich an: Ich hatte Angst. Objektiv gesehen war das nicht angemessen: Ich bin eine auch wirtschaftlich selbstständige Frau, trennungserfahren, ich habe Kinder, Freunde, ein ausgefülltes Berufsleben.

Ulrike Stöhring, Jahrgang 1962, ist studierte Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Kunst- und Hypnosetherapeutin in Berlin und schreibt Kolumnen, etwa für die „taz“. Quelle: Ludwig Rauch

Woher kam Ihre Scham, die Sie neben Angst und Wut besonders stark empfanden?

Scham wird ausgelöst durch Kränkung. Ich habe die Trennung zunächst als Versagen empfunden, habe mich rigoros infrage gestellt. Es war erstaunlich, wie sehr ich mich dafür geschämt habe. Ich fand diese Scham zwar sehr unangenehm, aber irgendwie war dieses Gefühl beim Ordnen meines Lebens wichtig. Deshalb kann ich heute sagen: Scham ist ein interessantes und sehr vielschichtiges Gefühl, es lohnt die Auseinandersetzung.

„Kämpfen ist leichter auszuhalten als Schmerz, deshalb gibt es so viel sinnloses Gezerre zwischen Ex-Partnern“

Was hat Ihnen in der ersten Zeit nach der Trennung denn am meisten geholfen?

Ich habe viel Unterstützung von Freunden und auch von Therapeuten in Anspruch genommen. , weil ich in den ersten Wochen wie gelähmt war. Mir hat geholfen, mir zunächst eine Kontaktsperre zu meinem Ex-Mann aufzuerlegen. Ich musste mir klarmachen: Mit ihm geht es tatsächlich nicht weiter, ich kümmere mich jetzt um mich – und zwar nur um mich. Außerdem wollte ich auf keinen Fall einen Rosenkrieg. Kämpfen ist ja leichter auszuhalten als Schmerz, deshalb gibt es so viel sinnloses Gezerre zwischen Ex-Partnern. Doch das wollte ich mir, meinen Kindern und auch meinem Ex-Mann ersparen.

Also erst gar keine Energie ins Kämpfen stecken?

Nein, ich bin mehr für radikale Selbstfürsorge und Hilfe von außen. Die Lage zu akzeptieren, die Verleugnung aufzugeben. Und trotzdem körperlich zu bleiben. Für Sport fühlte ich mich in der ersten Zeit viel zu schwach, aber ich konnte mir gutes Essen kaufen, mir Massagen gönnen, mich bekochen lassen. Und ich habe die Wut, die ich hatte, nicht gegen mich selbst gerichtet. Das machen Frauen ja schon mal.

Stattdessen haben Sie alles Mögliche ausprobiert: Tantramassagen, Silvester im Schweigekloster, Besuch bei einer finnischen Schamanin. Aus Mut oder mehr aus Verzweiflung?

Als der erste Schock vorbei war, war mir klar, dass ich meine Komfortzone verlassen muss. Ich wollte Dinge machen, die neu für mich waren. Ich wollte erleben, was passiert, wenn ich mich meinen Ängsten stelle, zum Beispiel der Angst vor dem Alleinverreisen. Zwischendurch habe ich mich immer mal wieder gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Aber immer war es auch spannend, schön. Ich bin jedes Mal einen kleinen Schritt weiter gegangen, es war eine schrittweise Befreiung von alter Ängstlichkeit und alten Mustern.

„Ich bin kein Beziehungsjunkie mehr“

„Will ich Opfer bleiben, oder will ich glücklich sein?“, schreiben Sie in „Vielen Dank für alles“. Ich bezweifele ja, dass man sich zum Glücklichsein entscheiden kann.

Aber man kann sich die Frage stellen: Übernehme ich jetzt die Verantwortung für mein Leben, mein Glück, mein Wohlbefinden – oder will ich in Groll verharren und wie ein Monument des Vorwurfs stehen bleiben.

Die Trennung ist jetzt rund drei Jahre her. Was hat sich in Ihrem Leben seitdem geändert?

Ich bin kein Beziehungsjunkie mehr. Ich glaube nicht mehr, nur dann zufrieden leben zu können, wenn jemand bei mir ist. Erstmalig in meinem Leben fühle ich mich mit mir selber richtig wohl. Das heißt nicht, dass ich auf Biegen und Brechen immer unverbandelt bleiben will. Doch jetzt genieße ich die Zeit sehr, weil alles so neu ist. Ich mag es, Entscheidungen allein zu treffen und mir zu überlegen, wie ich die nächsten Jahrzehnte leben möchte. Ich probiere ganz viel aus, bin beglückt von meinen Enkeln. Eindeutig: Ich fühle mich jünger als je zuvor.

Vor Kurzem ist Ulrike Stöhrings Buch „Vielen Dank für alles“ (272 Seiten, 15 Euro, Ullstein-Verlag) erschienen. Kein Ratgeber, sondern ein kluger, humorvoller Erfahrungsbericht über die erste Zeit nach einer Trennung.

Von Martina Sulner

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